Letzte Beiträge

Wenn Verstand, Wissen, Herz, Gewissen und Genuss zusammentreffen.

„Sinnvoll genießen“. Ein Thema, das mich inhaltlich schon lange Jahre begleitet – insbesondere bei Lebensmitteln und Wein. Gute Qualität beinhaltet für mich Wertschätzung für die Natur, ihr Angebot, dessen Veredelung und die Menschen, die das Produkt von seinem Urzustand bis hin zu mir begleiten. Meine frühere PR-Arbeit für Winzer und Lebensmittelhersteller lehrte mich das Wort und auch das Gefühl der Demut wieder. Wieder, weil es uns mitteleuropäischen Erfolgsstädtern leider ein wenig verloren ging.
Ich bin überzeugter Bio-Lebensmittel-Käufer und empfinde die Bio-Schienen der Discounter als  Schmierenkomödie. Zu viele Details habe ich im Laufe der vergangenen 20 Jahre vernommen und erlebt, als dass ich urteilslos diese Me-too-Entwicklung akzeptieren könnte.
Und so fühlte ich mich angesprochen, als hessnatur mit seinen Kooperationspartnern Sonnentor, Delinat und Naturhotel Mohren ein Langwochenende unter dem Motto „Sinnvoll genießen“ ausschrieb und bewarb mich. 4.000 weitere Bio-Öko-Nachhaltigkeitsinteressierte füllten die umfangreichen Unterlagen um die 15 Plätze ebenfalls aus – ein schöner Erfolg für die Initiatoren dieses Projekts der hessnatur-Insider.

Am Palmwochenende reisten also Frauen und Männer aus drei Lebensjahrzehnten und drei Ländern (D-A-CH) ins beschauliche Deggenhausental nördlich des Bodensees – mit unterschiedlichen Erfahrungen, Beweggründen und Erwartungshaltungen. Mein Erstgedanke bei der Ankunft: „Wie schön muss es hier wohl sein, wenn es blüht.“

IMG_4842

Sehr charmant gelöst ist übrigens das Thema Fernseher. Verspürt man ein Televionsbedürfnis, schiebt man einfach den Mohn ein wenig in die Höhe – schon kommt jede Menge Klatsch aus der Kiste.

IMG_4880_2

Auf dem Zimmer lag schon das Päckchen mit den Textilien, die wir uns bei hessnatur auswählen durften – im Wert von 250 EUR. Es war meine skin-to-faser-Erstbegegnung mit dem Label – ich hatte zwar immer wieder davon gehört, auch mal auf der Homepage gestöbert, aber eben doch noch nie etwas gekauft. Shirt, Pullover (beide natürlich in den gedeckten Farben – bunt ist zurzeit nicht meins) und auch das Tuch passten so gut, dass sie mich gleich durch den Rest des Tages begleiteten – besser geht’s doch gar nicht. Sehr aufmerksam fand ich den Gedanken, neben der Wunschgröße auch die umliegenden Größen mitzuliefern, und tatsächlich gab es auch einige, die von diesem Angebot Gebrauch machten. So einfach und so mitgedacht.

Frisch speedgedated und somit mit weniger Fragezeichen zu den anderen Teilnehmern auf der Stirn ging’s auf zum Abendbuffet, das uns Jochen Waizenegger zauberte. Hotelinhaber, Landwirt und Koch in einer Person – der Mann ist ein Phänomen mit unglaublicher Strahlkraft. Aus jedem Satz, aus jedem Gericht sprüht Leidenschaft für das, was er tut. Und: was er anpackt, nimmt er ernst. Kein Chi-Chi, kein Buzzword-Geplänkel, sondern sorgfältige Überlegungen, die in gut umgesetzten Taten enden. Zehn Biohöfe gibt’s in der näheren Umgebung, bei denen Waizenegger Molkereiprodukte wie den herrlichen Ziegenkäse bezieht und auf dem eigenen wird seit 20 Jahren angebaut und gezüchtet, was die anderen nicht liefern, so auch Angus-Rinder und Schwäbisch-Hällische Landschweine.

IMG_4844

Zum Early Morning Tea des Samstags entführte uns Sonnentor optisch ins satte Grün des Waldviertels. „In diesem Internet“ gibt es leider nur einen kleinen Zusammenschnitt eines in der Langversion wirklich bezaubernden Imagefilms, der die Idee, die mit ihr verbundenen und agierenden Menschen und die Philosophie der Produkte vorstellt. Ich bin schon lange Jahre großer Fan der Tees, Gewürze und gelegentlich auch der eher unbekannten Öle und so war’s natürlich ein Wonne, neue Produkte testen zu können und über Themen wie Verpackungsmaterialien und ihre Entsorgungsmöglichkeiten zu diskutieren. Neu war mir übrigens, dass die aus Zellulose gefertigten Klarsichtfolien auf dem Hauskompost ihren Kreislauf beschließen dürfen, bei kompostlosen Menschen allerdings im Restmüll entsorgt werden sollten.  In den Sonnentor-Stunden zeigte sich, worin das Potential dieses Aufeinandertreffens von Produzent und Konsument neben der klassischen Produktvorstellung liegen kann: das Aufdecken von Missverständnissen in der (länderübergreifenden) Kommunikation, der Gewinn unmittelbarer Rückmeldungen auf Produktneuentwicklungen oder das Weitererzählen der erinnernswerten, weil liebenswürdigen Eigenheiten, die den klassischen USP unnachahmlich unterstützen können. Die alte Bäuerin, die das händische Aussetzen der Setzlinge damit begründet, dass man den „Wurmerln und Käferln“ die schweren Maschinen nicht zumuten kann, weil sie sie „dadruckn daadn“, werd ich sicher nie vergessen. Und eine gute und wirklich einfache Anregung für den Einsatz der Gewürzmischungen gab’s auch (ich bin eigentlich eher Fan einzelner Gewürze, die ich dann individuell dosiere und kombiniere): Frischkäsenockerl damit bestreuen. Oder auch ein Butterbrot.

IMG_4847_2

IMG_4852

Bedacht mit einer Wundertüte voller Probierpackerl mit Tee, Gewürzmischungen, Keksen sowie den neuen Suppen und Fruchtdesserts, an denen auch Freunde und Familienmitglieder nun mitgenießen werden, ging es nach einem Mittagsbuffet in den Komplett-Entspannungsmodus. Die Wellness-Landschaft des Mohren ist niegelnagelneu, architektonisch sehr gut (weil diskret) durchdacht und bietet alles (außer einem richtigen Swimmingpool, aber ein bissl Wasser für den Langschwumm gäbe es im Sommer ja in erreichbarer Nähe). Wir wurden Antistress-beölt und massiert und relaxten in der Berghüttensauna, der Biosauna, dem Dampfbad und den gut verteilten Ruheräumen. Und ich auch irgendwann auf meinem Zimmer – der wahre Luxus des Lebens liegt für mich nämlich immer noch in einem Nachmittagsschläfchen.

IMG_4857_2

IMG_4854

Der Abend verband für mich Vertrautes wie einen Degustationslehrgang mit Neuem, nämlich einigen der Weine des Biowein-Spezialisten Delinat. Endlich also gab’s für mich mehr Kontakt als einen Click auf die Website mit den Schweizern, deren Newsletter ich seit Jahren gerne lese. Nur ist eben mein Keller immer noch gut gefüllt mit wunderbaren Weinen der Winzer, Verbände und Regionen, für die ich Öffentlichkeitsarbeit machen durfte (im Moment für die Weinhändler noch ein bissl ungünstig, aber das wird sich ja ändern). Auch wenn ich große Weinautoren zu meinen Lehrmeistern zählen darf und viele außergewöhnliche Weine verkosten durfte – einen Unterschied zwischen biologischen und konventionellen Weinen schmecke ich nicht heraus. Was meine Nase und mein Gaumen aber wahrnehmen und was mir bei Weinen zunehmend wichtig ist: sie dürfen Ecken und Kanten haben. Aalglatte, weil gefällige Massenware interessiert mich nicht – Charakter ist gefragt. Und ich unterstelle Bio-Winzern, dass sie eher bereit sind, das Potential ihrer Böden und Rebsorten bestmöglich heraus zu kitzeln und uns Weingenießern anzubieten. Darin bestätigte mich auch das Gros der acht von uns verkosteten Weine – danke also für diese Auswahl an Dirk und Jürg von Delinat. Und ein bisschen sentimentales Weinheimatgefühl aus der Hallwag-Zeit kam bei mir durch die Schweizer Klänge natürlich auch auf… ein schöner Nebeneffekt.

IMG_4870

Der Sonntag startete mit Sieben-Uhr-Palmsonntagsandachtsgebimmel. Puh! Aber gut: Tradition hat eben manchmal auch Dezibel. Köstlich besonntagsfrühstückt ging es dann hinein in die Welt der hessnatur-Textilien, des Anbaus von Leinen in Hessen oder von Baumwolle in Burkina-Faso , ins Betasten und Fühlen von Baumwolle und Wolle von Rhönschafen, Yaks, Kaschmirziegen und von Seide und Hanf, in die Produktionsbedingungen und die Werte von hessnatur.

IMG_4872

IMG_4874

Die für mich bis dato unbekannte Kombination von Baumwolle mit 10% Kaschmir hat mich übrigens auf der Haut, in der Passform und nach dem Waschen so überzeugt, dass ich mir das Shirt letzte Woche gleich in einer zweiten Farbe bestellt habe. Das Tuch ist ebenfalls fester Bestandteil meiner Halswärmarmada geworden. Nur die beiden Pullover müssen leider noch temperaturbedingt im Schrank lagern…

IMG_4935_2

Nun sind gut zehn Tage ins Land gezogen, in denen ich immer wieder Berichte der Co-Teilnehmer lesen konnte, die Videos von hessnatur begutachtete und meine Produkte weiter testen konnte. Ich bemerke, dass ich tatsächlich über meine Erfahrungen spreche – in unterschiedlichen Kreisen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Eine interessante Eigenerfahrung. Ich bin interessanten Menschen mit spannenden Geschichten und Themen begegnet und mir fehlte in diesen Tagen tatsächlich ein wenig der Austausch mit ihnen, denn es gab viele Ansätze für längere Gespräche zu Einstellungen, Lebensweisen, Erfahrungen, Interessen, Ideen, Plänen und auch Alltagsbanalitäten. Insofern wäre es schön, sich irgendwann einmal wieder zu sehen.
Ich lernte die Sponsoren und ihre Produkte und Dienstleistungen (besser) kennen, ich habe neue Impulse erhalten, ich konnte einige Fragen klären und mich zugleich neuen öffnen und ich konnte für drei Tage Abstand vom Alltag nehmen. Für all das danke ich dem Orgateam der hessnatur-Insider und den Kooperationspartnern.
Fühle ich mich „gekauft“? Diese Frage habe ich mir im Vorfeld, vor Ort und auch jetzt immer wieder gestellt. Als PRler ist es ohnehin eine Frage, die mich immer wieder bewegt. Vermutlich ist sie noch nicht abschließend beantwortet und dennoch komme ich immer wieder zu dem Schluss: Nein. Kein Heizdeckengehabe, keine Zwangsbeglückung, keine Penetranz, kein Overbranding, keine Nachhaktelefonate und auch kein Maildauerbeschuss. Es war und ist ein Angebot an uns, zu testen und zu hinterfragen – versehen mit der offen geäußerten Bitte, Feedback zu geben und zu kommunizieren.
Ich konnte mein Bewusst-sein erweitern. Und das ist in meinen Augen ein wesentlicher Schritt, um sinnvoll zu genießen. Dafür bedanke ich mich bei den Veranstaltern und meinen Mitreisenden.

Für Trauer gibt es keine App.

Etwas mehr als sieben Wochen ist es her.
Und unendlich viele Ratschläge.
„Du musst doch unter Menschen.“
„Du kannst doch nicht ewig in Schwarz rumlaufen.“

Doch, ich kann.
Und ich muss keineswegs irgendetwas.
Trauer ist nichts, das sich vorschreiben lässt – weder zeitlich, noch inhaltlich, noch in ihrer Intensität.

Die Ratio begibt sich im wirklichen Trauerfall  in dauerhaften Kampf mit der Emotio.  So ist das zumindest bei mir im Moment.
Rationell gibt es tatsächlich Argumente, die ich von Anfang an gelten lassen kann: 85 ist ein Alter, in dem man gehen kann. Ja. Ein bis 10 Tage vor dem Tod unerkannter Krebs bedeutet auch Erlösung von einem erkannten, aber noch in seiner Tragweite völlig unabsehbaren Alzheimer-Verlauf. Definitiv. Den Weg ins immer tiefere Vergessen kann nur nachvollziehen, wer ihn persönlich erlebt hat. Zumindest ansatzweise. Alzheimer sollte öffentlich endlich entniedlichisiert werden! Auch wenn es Momente im Verlauf dieser Krankheit gibt, die Betroffenen und Angehörigen ein Schmunzeln oder sogar Lachen entlocken können – nichts daran ist so entzückend, wie es manchmal in den Medien gerne dargestellt wird. Dazu aber ein anderes Mal.

Trauer meldet sich eins ums andere Mal auf unterschiedliche Weise: Manchmal nahezu vorhersehbar und dann wieder heimtückisch und überfallartig. Manchmal flüstert sie, manchmal blökt sie Dich kurz an und ab und an brüllt sie wie ein schauriges Monstrum.
Trauer hat unterschiedliche Farben und diese wiederum unzählige Schattierungen. Sie streichelt Dich sanft oder haut Dir ihre Pranken tief ins Fleisch.

Diese berühmten „ersten Male ohne“. Wir haben noch viele dieser vor uns – offizielle Feiertage, persönliche Jahrestage.
Einigen wenigen konnten und mussten wir uns schon stellen. Ein paar davon haben wir gemeistert. Und dann erwischt ein anderes Mal dich hinterrücks, schnürt Dir die Kehle zu, nimmt Dir den Atem und schließt eine eiserne Klemme um das Herz, so dass Du keine andere Wahl hast und ein Konzert bereits nach dem ersten Stück verlassen musst.

Wer hilft einem am meisten in dieser Zeit – außer der Zeit? Die wenigen Menschen, die einfach nur sagen „Es ist in Ordnung. Du trauerst doch. Das dauert eben.“

Ja, es dauert.
Und es ist meine Zeit, um die es geht.
Kein Mensch hat das Recht, mir vorzuschreiben, ob und wie lange ich Schwarz trage. Ob ich Gesellschaft suche oder meide. Wann und ob ich die Zusage an einer Veranstaltung zurückziehe oder eben auch erst kurzfristig zusagen kann. Ob ich Ablenkung suche oder meide, Fotos aufstelle, Dokumente sichte,  und welche Musik ich hören möchte.

Es gab Tage, an denen ich ohne weiteres den Schlüssel meiner Wohnung in die Isar hätte werfen können, ohne vorher auch nur ein einziges Stück daraus geholt zu haben. Einen Menschen in und durch Sterbeprozess und den Tod zu begleiten macht auch deutlich, dass irdisches Gut wirklich nicht relevant ist. Es gab Tage, an denen ich das Wort „Witwenverbrennung“ gerne um den Begriff und die Handlung der „Halbwaisenverbrennung“ erweitert hätte. Es gibt Tage, die halbwegs an wiederkehrende Normalität erinnern und die nach vorne blicken lassen. Und es gibt Tage, an denen ich vieles für die Zukunft in Frage stelle und neu überdenke.

Für Tod und Trauer gibt es keine Apps.
Ratio und Emotio treten nach eigenen Gesetzen in Dialog.

Wenn Leitung fehlt, kann Leid rasch folgen.

Am vergangenen Samstag Abend saß ich Abo-bekartet wieder einmal im Münchner Gasteig. Auf dem Programm standen ein zeitgenössisches Kurzwerk eines ungarischen Komponisten, ein Klavierkonzert von Beethoven sowie eine Symphonie von Antonín Dvořák. Natürlich ging es mir in erster Linie um einen genussvollen musikalischen Abend in angenehmer Begleitung – nur diesmal kam ein lehrreicher Nebeneffekt hinzu. Nach der Pause.

Da stand Dvořáks Symphonie an. Ein schönes und für diesen Komponisten typisches Werk. Nicht wirklich atemberaubend, aber immerhin Wiederhörensfreude auslösend. Dachte ich. Bisher. Und musste erstaunt feststellen, das es diesmal recht anstrengend wurde. Denn der Dirigent führte nun durch, was offensichtlich seine große Passion ist: einen überaus blumigen Dirigier-Stil. So tänzelte und schwang er sich mehr oder minder anmutig von Note zu Note zu Note zu Note. Und Dvořák sparte in seinem Opus weder an Noten noch an musikalischen Motiven noch an der Besetzung oder gar an Tempi. Im Gegenteil: es lebt, es bebt, es quirlt sich durch das Orchester. Bunt und facettenreich. Und so tanzte und tanzte und tanzte der Dirigent und schwang Hüften und Arme und Beine und den Taktstock in alle Richtungen.

Irgendwann im dritten Satz passierte, was nicht wirklich dienlich ist: das Orchester verlor sich. Weil sein Dirigent leider vor lauter Getänzel und Freude an Dvoraks Notenvielfalt die Führung verlor. Chaos also – denn außer schnell ist’s einfach auch laut im Orchester-Tutti. Zu laut, als dass ein Geiger oder Cellist noch mitbekommen könnte, was in den Stimmen von Flöte oder Fagott gerade so passiert. Zuposaunt, zugepaukt, zugehörnert. Was folgte, war Verkrampfung. „Hey, simply do your job – you’re the conductor!“ oder auch „Bitte, lieber Gott, lass die Musiker gut drauf sein und wieder zusammenfinden!“ Diese Sätze gingen mir durch den Kopf, während sich die Finger verkrampften und Halt suchten in Stuhllehnen, die niemals angebracht wurden. Dass dieser Satz überschrieben ist mit „Scherzo – Furiant. Presto“ passte. Irgendwie.

Vor der Pause stand Beethovens 1. Klavierkonzert auf dem Programm. Schon da fiel mir trotz Sichtbeeinträchtigung durch den Flügel auf, dass der Dirigent sich gerne starker untermalender Bewegungen bediente. Schon da ein wenig übertrieben anmutend – vor allem für ein Beethoven-Stück. Bei Ravel, Debussy oder Strawinsky liegt rigides oder elegisches Gehopse sicherlich näher als bei den Klassikern.  Und dennoch ging alles gut. Warum, wurde mir allerdings erst im Nachhinein klar: der Pianist nämlich wahrte die Klarheit der Tempi. Für alle. Durchgängig. Ich wunderte mich während seines (technisch wie musikalisch brillanten) Spiels zwar noch, warum vor meinem inneren Auge immer das Wort „Zuverlässigkeit“ über seinem Haupt schwebte. Eine Stunde später war es mir jedoch klar geworden: der Pianist war in die Führungposition gegangen. Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag – er tat es und gab somit dem Stück die nötige Struktur. Mit einer sehr eigenen, klaren und guten Handschrift.

Es kann also durchaus gut gehen, wenn der „zweite Mann“ die Führung übernimmt. Und doch gilt: Es kann ziemlich in die Hose gehen, wenn der erste Mann seiner Führungsverantwortung nicht nachkommt, sondern sich in der Passion für die Einzelelemente verliert. Denn dann muss ein Team schon richtig gut aufeinander eingeschworen sein, um die eigentliche Aufgabe noch bewältigen zu können und ein passables Ergebnis zu präsentieren. Das gilt für Orchester wie für klassische Unternehmen.

Führung heißt Leitung. Und ein Dirigent ist nicht Teil eines Orchesters und kann fröhlich mit dessen Tun interagieren – er hat vielmehr den Takt und die Interpretationsrichtung des Stückes vorzugeben. Und als Zuhörer möchte ich entscheiden können, ob mir diese Interpretation zusagt oder nicht. Aber ich möchte nicht darum zittern müssen, ob Dirigent und Orchester ihre Jobs hinbekommen oder nicht.

Das Orchester bewies, dass es gut ist. Es fand sich wieder – und fing so auch den Dirigenten wieder ein.
Aber mit Verlaub: ein „Capo“ wird dafür engagiert und bezahlt, seine Führungsverantwortung wahr zu nehmen.
Sonst entstehen ungewollte Missklänge.
Und die will keiner hören.

Daher mein Appell an Führungsverantwortliche: werden Sie sich Ihrer Aufgabe und Verantwortung bewusst. Wachsen Sie hinein. Nehmen Sie sie an. Gerne mit Verve und mit großem Engagement. Aber vor allem immer in dem Wissen, dass Sie an der Spitze stehen und nicht Teil des Teams sind. In Ihren Händen liegt auch die Akkuratesse Ihrer Mitarbeiter. Tänzeln Sie also nicht kunstvoll herum, wo klare Führung vonnöten ist.

Denn auch Sie arbeiten sicherlich lieber auf  „Bravo“-Rufe hin als auf „Buh“-Gebrüll.