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Die Geigenbaumeisterin von Mittenwald

Die einzige Mittenwalder Geigenbaumeisterin ist eine „Zuagroaste“: Maria Sandner stammt aus Lübeck. Besucht man sie am familiären Stammsitz am Obermarkt 29 in Mittenwald, so fällt eines sofort auf: Diese strahlende junge Frau ist angekommen – bei sich, in ihrer neuen Heimat und in ihrem Beruf. Der liegt ihr tatsächlich im Blut: Der Vater, geboren 1931, hatte in einem Flüchtlingsheim in Dänemark gelernt, mit einfachsten Mitteln Instrumente zu bauen und entschloss sich im Alter von 15 Jahren, denBeruf des Geigenbauers zu erlernen. So ging er von 1952 bis 1956 nach Mittenwald in die weltweit renommierte Geigenbauschule, die noch dazu die einzige in Deutschland ist, in der man auch das Handwerk pflegt und mit einer Gesellenprüfung abschließt. Später machte er sich  in Lübeck selbstständig. Die Familie von Marias Mann Florian Sandner trägt die Leidenschaft für den Bau wohltönender Saiteninstrumente sogar bereits in der fünften Generation in sich.

Das Haus der Geigenbau-Familie Sandner. (© casowi)

Eine Frau, die über echte Strahlkraft verfügt: Maria Sandner, Geigenbaumeisterin in Mittenwald. (© casowi)

Das Denkmal von Matthias Klotz, dem ersten Geigenbauer Mittenwalds, wurde exakt vor der Kirche positioniert. (© casowi)

Mittenwalds saitenreicher Ruhm ist unzertrennlich mit Matthias Klotz (1653 – 1743) verbunden. Er hatte im Alter von 13 Jahren diese Kunst bei einem nach Norditalien ausgewanderten Lautenbauer aus dem Allgäu erlernt, kam 30-jährig nach Mittenwald und gründete dort die erste Geigenbauschule. Ausreichend gutes Holz aus der perfekten Höhenlage gab es vor Ort und dank der Handelsstraße von Augsburg nach Venedig war auch für Kundschaft gesorgt. Klotz‘ Söhne erlernten das Handwerk ebenfalls, weitere Familien folgten dem Beispiel und schon bald boomte der kleine Ort an der Isar so, dass schließlich zwei Verleger das Bauprocedere rationalisierten: Sie stellten fast alle Geigenbauer an und unterteilten die Arbeitsschritte in Gruppen, die jeweils nur einen Teil des Saiteninstruments fertigten. Zur Hochblüte (1850 bis Anfang des 20. Jahrhunderts) war jeder zweite Mittenwalder im Geigenbau tätig. Der größte Auftrag umfasste 24.000 Geigen, die nach Russland gingen.
Das Problem folgte auf den Fuß: Es gab nur mehr zwei Geigenbauer (Kriner und Reither), die ein komplettes Instrument bauen konnten – alle anderen waren spezialisiert auf einen Teilbereich. Die beiden reisten zu König Max nach München und trugen das Problem vor. 1850 gründete Kriner daraufhin die heutige Geigenbauschule. Und Reither entwickelte eine mobile Schule, mit der er von Betrieb zu Betrieb wanderte, um dort die Mitarbeiter der einzelnen Teilfertigkeiten in den anderen Disziplinen zu schulen und zu stärken.
Es gibt in Mittenwald ein Geigenbaumuseum, in dem Instrumente aus vielen Jahrhunderten und auch eine Werkstatt zu sehen sind und natürlich auch die Historie nachvollziehbar wird. Empfehlenswert ist der alte Schwarz-Weiß-Film, in dem man – in charmantem Bairisch – einiges über die Schritte des Instrumentenbaus erfährt.

Das Geigenbaumuseum in Mittenwald – mit der für den Ort typischen Lüftlmalerei an der Fassade. (© casowi)

Schon mal vom Beruf des Stegschnitzers gehört? (© casowi)

Im Geigenbaumuseum gibt es eine Werkstatt zu besichtigen. (© casowi)

Die Holzvorräte in der Werkstatt des Geigenbaumuseums. (© casowi)

Nur selten werden die Böden der Streichinstrumente wie hier mit Intarsien verziert. (© casowi)

Der Bau einer Violine oder Viola (Bratsche) dauert etwa 170 Stunden, die jedoch von langen Trocknungszeiten unterbrochen sind. Getrocknet wird entweder direkt außen an der Fassade der Geigenbauwerkstatt (man munkelt, dass es dies auch der Ursprung des Zitats „Der Himmel hängt voller Geigen“ gewesen sein könnte) oder heutzutage auch in UV-Kammern. Die Lacke basieren auf Öl- oder Spiritusbasis. Öllack wird in Terpentin gelöst, man benötigt etwa fünf bis sechs Anstriche – zwischen dem Auftragen der Schichten muss man sich jedoch fünf bis sechs Wochen in Geduld üben bzw. an einem anderen Instrument arbeiten. Spirituslack hingegen trocknet deutlich schneller, dafür muss man bis zu 15 Schichten auftragen, verrät Maria Sandner.

Unten eine Auswahl an Stegen, oben die Zutaten für die Lackierung der Instrumente. (© casowi)

Kürzlich fertigte sie ein spezielles Auftragswerk, an dem sie gut sechs Monate arbeitete: Eine Linkshänder-Geige. Preislich startet ein neues Meister-Instrument bei etwa 5.000 Euro, gute Werkstattgeigen mit Arbeitsteilung gibt es bereits um die 2.000 Euro.
Faszinierend: Wer heute als Instrumentenbauer Holz schlägt oder frisch geschlagenes kauft, denkt dabei bereits an die kommende Generation (die Fichten oder Ahorn-Hölzer müssen etwa 20 Jahre lagern, bevor sie verarbeitet werden können).
Maria Sandner spielt übrigens auch selbst Violine ­– auch das ist eine Voraussetzung, um an der Geigenbauschule angenommen zu werden. Ihr Vergleich zum Hintergrund ist sehr eingängig: „Ein Automechaniker sollte Autofahren können – er muss aber kein Rennfahrer sein.“

Von der Schablone zur „echten“ Geige: ein aufwändiger Weg. (© casowi)

Geigenböden in verschiedenen Bearbeitungszuständen. (© casowi)

Wichtigstes Handwerkszeug sind die Schablonen und ein Formbrett, das Maria immer wieder verwenden kann. Zunächst werden Klötze gehobelt, kurz geleimt, dann mit Bleistift die Spitz-Schablone aufgezeichnet und mit einem speziellen Werkzeug „abgestochen“. Oft sind die Schablonen Abnahmen von berühmten alten Instrumenten aus den Häusern Stradivari, Guarnieri oder Amati – dennoch sind sie individuell angepasst. Dann folgen die Seitenteile, Zargen genannt. Sie werden auf 1,3 mm Stärke heruntergeschabt und gehobelt. Im Geigenbau arbeitet man mit hoch präzisen Messwerkzeugen – 0,1 mm Unterschiede sind Usus. Die zunächst natürlich geraden Hölzer werden befeuchtet und dann über einem Biegeeisen in die benötigte Form gebogen. Ein besonders achtsamer Prozess sei das, sagt Maria – denn schnell ist das Holz verbrannt oder gebrochen.

Versunken in die Arbeit … (© casowi)

Nach dem Zargenkranz geht es an Decke und Boden. Das Holz dafür sollte in großer Höhe gewachsen sein, da es dort langsamer und weniger mineralhaltig wächst. Verwendet wird nicht der Kern – er ist zu hart – sondern davon ausgehende Segmente. Die Böden, die später beim Spielen viel Druck aushalten müssen, können ganz oder geteilt sein, auf den Klang hat das keinen Einfluss. Als Maria demonstriert, wie sie das Holz eines Bodens absticht (ja, das ist ein Fachterminus), „tanzt“ ihr Körper sozusagen die Bewegung mit.

Voller Körpereinsatz beim Abstechen des Holzes für den Korpus-Boden. (© casowi)

 

Maria Sandner bearbeitet den Boden der nächsten Violine. (© casowi)

Anschließend wird gehobelt (die Sohle des Hobels ist speziell abgerundet, ihr kleinster Hobel hat gerade mal die Größe eines Fingerhuts), gefolgt von der Einlage, Adergraben genannt. Er stabilisiert die Decke und schützt die Geige vor Rissen, die sonst bei kleinen Unfällen entstehen könnten. Der letzte Schliff wird mit einer Rasierklinge durchgeführt (Sandpapier würde die Poren schließen) – dabei arbeitet Maria gerne direkt unter einer Lichtquelle, um die Stärke des Holzes mittels seiner Lichtdurchlässigkeit prüfen zu können.

Um die Gleichmäßigkeit der Hobelarbeit beurteilen zu können, hält Maria Sandner das Holz immer wieder unter die Lampe. (© casowi)

Und erst jetzt geht es auf die Außenseite: Die f-Löcher werden in die Decke integriert, dann wird geleimt und schon ist die „Schachtel“ fertig.

Nun ist der Basic-Korpus, die „Schachtel“ fertig. (© casowi)

Der noch nicht lackierte Boden einer Geige. (© casowi)

Schnecken, Messer und ein Wirbel als Schlüsselanhänger. (© casowi)

Die noch nicht lackierte Schnecke der Geige. (© casowi)

Die Schnecke dient übrigens nur als Zierde, manchmal ist es auch ein Löwenkopf (gerne von Meister Stainer verwendet, der 20 Jahre vor Stradivari lebe und zur damaligen Zeit bekannter als dieser war). Anschließend wird die Geige mit den Wirbeln (die die Saiten spannen und befestigen), dem Griffbrett, dem Steg (auf dem die Saiten aufliegen), Stimmstock, Seitenhalter und Kinnhalter spielfertig gemacht. Was ich auch noch nicht wusste: Seit 25 Jahren ist Bogenbauer ein eigener Beruf und deshalb kann man Marias Instrumente auch nur mittels eines (natürlich sehr guten) Testbogens ausprobieren und kauft dann erst nach der Violine oder Viola auch den Bogen.

Geigenbaumeisterin Maria Sandner präsentiert eines ihrer Instrumente. (© casowi)

Neben dem Bau von neuen Instrumenten möbelt Maria Sandner auch alte Instrumente wieder auf. Und dabei sind ab und an dann tatsächlich auch Rasierklingen im Einsatz, wenn alter Lack entfernt werden muss. Um für Reparaturen die Instrumentendecke auch mal abnehmen zu können, werden übrigens ausschließlich Haut- und Knochenleim (Hase und Fisch) als organische Leime verwendet, da man sie mit Wasser auch nach langen Jahren wieder lösen kann, ohne dem Instrument Schaden zuzufügen.
Bei dem Thema kommen wir schließlich auch auf die millionenschweren Rennomee-Instrumente zu sprechen, denen ob ihres Zauberklanges weltweit gehuldigt wird. Maria verrät: Alle heute gespielten Star-Geigen sind nicht mehr im Originalzustand. Die Hälse waren zu ihrer Entstehungszeit steiler und kürzer und auch der für die Stimmung relevante Kammerton „A“ hatte eine andere Frequenz. Das alles erforderte auch den Umbau der Decke, da der Druck sich durch die Anpassung des Stegs ebenfalls verändert hatte. Eine echte Stradivari ist also keine echte Stradivari. Schade irgendwie – und doch auch tröstlich. Maria Sandner hielt auch schon mal eines dieser legendären Instrumente in den Händen. Und sie strahlte …


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

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