Architektur, Kommunikation, kultur, Kunst, Restaurant
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Kunsthalle Mannheim: Be Part of the Art

Seit heute ist der Neubau der Kunsthalle Mannheim nach der geplanten Bauzeit von drei Jahren eröffnet. Ich hatte gemeinsam mit anderen Blogger_innen vor einer Woche Gelegenheit, ihn vorab zu besichtigen und bin beeindruckt und begeistert.

Der Neubau der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Eingangsbereich (© casowi)

Ceci c’est ne pas un Magritte: Spiegelungen in der Glasfassade der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

#kuma_open lautete unser Hashtag – und „offen“ sind nicht nur die Architektur und die Räume der sieben neu gebauten Kuben. „Offen“ lautet für das Team rund um Dr. Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, auch das philosophische Credo, das die Kunsthalle Mannheim nun begleiten wird. Vieles wird hier neu gewagt und rasch zeigte sich bei unseren einzelnen Themenführungen durchs Haus, dass keine/r der Beteiligten auch nur in kleinster Zuckung die innere Handbremse zog, wenn er oder sie über die neuen Ansätze sprachen. Da klang nichts aufgesetzt, gewollt oder gar verzweifelt jung oder neu – da waren vielmehr Neugierde, Überzeugung, Vorfreude und Begeisterung zu spüren.

Dr. Ulrike Lorenz ist die Direktorin der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Der Blick nach oben im Atrium – auf’s Wetter, Anselm Kiefers „Sefiroth“ und Alicja Kwades schwingende Zeit. (© casowi)

Die Besucher_innen des Hauses können den „Marktplatz in der Mitte“, das Atrium, kostenfrei betreten und sich dort in Ruhe entscheiden, ob sie einen Schritt weiter gehen und die Ausstellungen besuchen, sich mit Freunden treffen, sich vor einem Regenschauer flüchten oder gar nur das Handy aufladen wollen. „Wir sind offen für alle“, sagt Direktorin Dr. Ulrike Lorenz. 1911 hatte Fritz Wichert für das 1907 erbaute Haus das Motto „Kunst für alle“ ausgerufen, nun wurde es weiterentwickelt zur „Stadt für die Stadt“.

Eines der Treppenhäuser der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Auf dem Weg zum 4. Kubus. (© casowi)

Im 1. Stock gibt es die dem großen Förderkreis gewidmete „Terrasse der Freunde“, die den Blick auf den Wasserturm und seinen Park eröffnet. Hier hängt auch die jüngste Erwerbung, ein Sprachkunstwerk von Joseph Kosuth, einem Pionier der Konzeptkunst. Er ersetzte Mitte der 1960er Jahre Skulptur durch Sprache und arbeitet seither hauptsächlich mit Begriffen. Hier sind es: Ort, Geschichte, Teile, Bedeutung, Kontext, Einheit. Dr. Lorenz betonte, dass diese Begriffe genau das abbilden, was das Haus als Museum repräsentiert.

Der Blick auf Mannheims Wahrzeichen: den Wasserturm. (© casowi)

Die neueste Erwerbung des Förderkreises der Kunsthalle Mannheim: Joseph Kosuths „Sechs Teile, lokalisiert“ (2000). Ein bisschen schwer lesbar durch das Neonlicht – sorry. (© casowi)

Schräg gegenüber entdeckt man Robert Delaunays „Fenster zur Stadt“ und in einem Seitenraum Umberto Boccionis „Forme uniche della continuità nello spazio“ von 1913.

Umberto Boccioni: „Forme uniche della continuità nello spazio“, 1913. (© casowi)

„Offen“ bedeutet auch, dass in den sieben Kubus-Bereichen stets Raum zum Atmen bleibt. Die Kunstwerke selbst wirken häufig in der Polarisation ihrer Positionierung. So gibt es den Skulpturenraum im 1. Stock, in dem klassische Bronze- oder Marmorarbeiten scheinbar unstrukturiert durch die Gegend stehen – oder doch irgendwie wandern? Zum Teil blicken sie nach außen, dann wieder scheinen einige in ihre Begegnung einzutauchen, ja sogar in eine Art Choreographie scheint möglich. Und zugleich gibt es verstörende Objekte, über die wir uns intensiver austauschen. Ein Blumenkohl und Kabeldrähte? Erinnert umgehend an unser Gehirn und die abgehenden und zuführenden Nervenstränge, die sich in der Peripherie verlieren. Oder farbenfrohe Pullover-Büsten an der Wand? Ein gegipster Campingstuhl-Genießer als Wächter des gesamten Raumes? Dr. Dorothee Höfert, Leiterin der Kunstvermittlung, rollt eine Art Einkaufswagen herein, verteilt Klemmbretter, zweifarbige Zettel und Bleistifte und ermutigt uns, Assoziationen darauf zu notieren oder zu zeichnen. Kein Muss – ein Angebot. Kinder würden sich erfahrungsgemäß rasch darauf einlassen, Erwachsene hingegen müssten erst mal all ihre Bewertungen beiseite legen – das gelingt über dieses Angebot ganz gut. Ich notierte übrigens „Wortspiele“, „Diskussionshaus“ und „Perspektivwechsel“ (letzteres ist wohl kein Wunder für einen Coach).
Zurück zum „Blumenkohl-Kabelgewirr“: Es heißt „System without Spirit“ und ist das Werk des Tschechen Kristof Kintera, der sich mit Themen wie Kommunikation und Kybernetik, Logistik und digitalen Datenströmen auseinander setzt.

Ein Blumenkohl mit Kabeln und bunte Pulis an der Wand – was sagen die Skulpturen wohl dazu? Der „Blumenkohl“ heißt übrigens „System without spirit“ und ist von Kristof Kintera, 2015. (© casowi)

Ist es eine geheime Choreographie, die die Skulpturen aufführen? (© casowi)

Tony Craggs Skulptur vermittelt ein wichtiges aktuelles Thema: Bewegung. (© casowi)

Saalwächter der anderen Art. (© casowi)

„Es geht in diesem Hause nicht mehr darum, kunsthistorisches Stilepochenwissen an die Leute heranzutragen“, sagt Dr. Höfert. „Wir haben hier vielmehr alles miteinander am Start: die Klassik, klassische Moderne, alles, was nach dem 1. und 2. Weltkrieg passiert ist, auch den Versuch, Bewegung in ein bewegungsloses Material zu geben sowie den, Bewegungsströme, die uns heute umtreiben, festzuhalten. Hier geht es um Menschen, um Repräsentanzen von Situationen.“
Liebhaber „klassischer Sammlungen“ finden dennoch ihr Glück – im Kubus der Meisterwerke bei den Im- und Expressionisten. Und doch gibt es auch hier wieder eine kleine Besonderheit: In einem der Räume gibt es weitere weibliche Statuen und auch Gemälde, fast immer Akt-Darstellungen. Darum herum hängen meist monochrom gehaltene Porträts von Männern. Diese Positionierung sei purer Zufall gewesen, den man erst rückwirkend erkannt habe, erfahren wir. Sie böte aber wunderbaren Anlass, uns erneut Gedanken zu machen um die Frauen- und Männerbilder unserer Gesellschaft.

Nackte Frauen, umringt von starr blickenden Männern. Zufall oder Absicht? (© casowi)

Wer Fan von altbewährten Namen ist, wird ebenfalls immer wieder fündig: Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg, Ferdinand Hodler, Edouard Manet, Vincent van Gogh, Robert Delaunay, Delacroix oder Albert Corot, Franz Marc, Max Beckmann, Emil Nolde, Francis Bacon, Auguste Rodin, Edgar Degas, Umberto Boccioni, Ernst Barlach oder Alberto Giacometti … sie alle sind hier.

Eine Woche vor der Eröffnung stellt man sich an mancher Ecke noch die Frage: Ist das Kunst oder ein Hilfsmittel? (© casowi)

Offen bedeutet für #kuma_open auch Raum für jedes Kunstwerk. (© casowi)

Van Gogh: zu Lebzeiten Avantgarde, heute klassische Zierde so manchen Klassenzimmers oder Behördenraums. (© casowi)

Insgesamt verfügt das Haus über einen Fundus von 2.150 Gemälden, von denen gerade mal 155 aktuell ausgestellt sind und weitere 92 im Schaudepot zu sehen sind, das Dr. Inge Herold, stellvertretende Direktorin des Hauses, uns vorstellte. Dicht gedrängt hängen hier die Kunstwerke an einer Stahlregalwand, die zunächst eher an eine Baumarktwand erinnert. Einige der Exponate ab dem 19. Jahrhundert bedürfen dringend der Restauration – auch damit geht man offen um. Denn letztlich könnte so auch der ein oder andere Besucher auf den Gedanken kommen, als Kunstpate die Kosten für eine Restauration zu übernehmen. Weit über 200.000 Euro wurden in den vergangenen Jahren bereits von Sponsoren bzw. Paten übernommen, darunter viele Mannheimer Bürger, die sich dem Haus verbunden fühlen – von 300 Euro bis 13.000 Euro war bisher die Spannweite der Zuwendungen. Sicherlich auch mal ein schönes Gemeinschaftsgeschenk zu einem (höheren) runden Geburtstag …

Nun wird’s doch eng: Im Schaudepot sind 92 Gemälde aus unterschiedlichen Epochen präsentiert. (© casowi)

… grad bunt gemischt geht’s zu im Schaudepot der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Ebenfalls im Schaudepot zu sehen: Kunstwerke, die dringend restauriert werden müssen. Und jeder kann eine Patenschaft dafür übernehmen. (© casowi)

Dr. Sebastian Baden zeichnet nicht nur als Kurator für die erste Sonderausstellung, „Jeff Wall. Appearances“ verantwortlich, sondern auch für das „Schwerlastenregal“ im Schaudepot – also die Skulpturen und Objekte. Er hat dafür eine Auswahl getroffen, die im Normallfall wohl nie so nah beieinander ausgestellt wäre und verbindet Revolutionäres mit klassischen Schönheiten.

Das „Schwerlastenregal“ des Schaudepots zeigt klassische Büsten und skandalträchtige Fotoinstallationen. (© casowi)

Ebenfalls im Schaudepot zu sehen: Ein Modell des Neubaus der Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Dr. Baden führte uns auch durch die Jeff Wall-Sonderausstellung. Der 1946 in Kanada geborene Fotokünstler arbeitet ausschließlich analog und auf Großformaten. Wall präsentiert seine Farbwerke auf Leuchtkästen und die Schwarzweißwerke auf Leinwand. Seine Motive wirken wie Schnappschüsse und erzählen Geschichten von Menschen, von Rätselhaftem und von Gesten oder Masken.

Dr. Sebastian Baden ist Kurator der ersten Sonderausstellung „Jeff Wall. Appearance“. (© casowi)

Jeff Walls großformatige Photographien bilden die erste Sonderausstellung in der neuen Kunsthalle Mannheim. (© casowi)

Jeff Wall: Der anatomische Zeichner Adrian Walker, 1992. Kein Wunder, dass mich als ehemalige Medizin-Studentin das Motiv fasziniert. (© casowi)

Hoffentlich wurde das Konzept für die Beschriftung der Exponate nicht noch geändert – ich finde es herrlich anders, wunderbar reduziert und sehr passend. (© casowi)

In „Search of Premises, 2009“ erzählt Jeff Wall die Geschichte der Spurensuche am Tatort. (© casowi)

Ein weiteres Werk von Jeff Wall – im Panorama-Format aus Luzern beantwortet er die Frage „Was passiert eigentlich hinter den Kulissen?“. (© casowi)

Wall zitiert aber auch andere Kunstwerke und so entdeckt man in einem Ausschnitt von „The Storyteller“ die zentrale Figurengruppe von Eduard Manets „Frühstück im Freien“ wieder.

Jeff Walls „The Storyteller“ zeigt zunächst „nur“ ein paar Menschen, die auf einem Grünstreifen an einer Brücke sitzen. (© casowi)

… doch Wall zitiert hier die Schlüsselfiguren aus Manets „Frühstück im Freien“. (© casowi)

Katrin Rademacher, die Restauratorin des Hauses, gewährte uns einen Blick hinter die Kulissen und sprach über die Firnis-Reinigung von Bildern, über Untersuchungen mit Infrarot- oder Ultraviolett-Licht sowie das Röntgen von Bildern, bei denen weitere Leinwände unter dem sichtbaren Werk vermutet werden, oder bei Skulpturen, deren innere Befestigungsmodule man erkennen möchte oder muss. Die Reinigung der Bilder kann übrigens von einem Monat wie im gezeigten Fall bis hin zu etwa anderthalb Jahren bei Max Beckmanns Hochzeitsbild benötigen.

Die Restauratorin Kathrin Rademacher gab Einblicke in ihre Arbeit – hier musste sie vergilbte Firnis-Schichten sorgfältig abtragen, um das Werk im originalen Glanz erstrahlen zu lassen. (© casowi)

Die Detailfotos über dem Original belegen die Arbeitsschritte während der etwa dreimonatigen Restaurierung des Gemäldes. (© casowi)

Auch hier kann man sich durchaus mal abgehängt fühlen. (© casowi)

Dörte Dennemann kümmert sich als Programmdirektorin um neue Kommunikationskonzepte, die Kunst und Leben miteinander verzahnen wollen. In Zweimonatsprogrammheften offeriert „ProgrammPlus“ Angebote wie das „CommunityCollege“, bezieht neue Zielgruppen mit ein, diskutiert mit ihnen Themen wie „Wo herrscht die Kunst im Alltag?“. Es geht beispielsweise um Begegnungen zwischen den Werken in der Kunsthalle, dem Mannheimer Nähcenter sowie dem Chef-Dekorateur des ortsansässigen Kaufhauses Engelhorn. Jeden ersten Mittwoch Abend gibt es die „Bar der Gegenwart“ bis 22 Uhr, für Kinder von sechs bis zwölf Jahren gibt es samstags Kreativangebote. Im Atrium werden zudem immer wieder neue Formate und Konzepte zu Musik, Kunst und Theater diskutiert und vorgestellt werden. Wichtig ist immer, dass die Teilnehmenden ins Gespräch mit einbezogen werden – das geschieht auch über Fragekarten, die die Reflexion anregen.
Die Kunsthalle Mannheim bietet zur Eröffnung eine Jahreskarte zum reduzierten Preis von 25 Euro an – in den ersten beiden Tagen ist der Eintritt kostenlos.

Im Eingangsbereich zeigt eine digitale Litfasssäule auch Szenen aus den Bauabschnitten. (© casowi)

Wer nach dem Besuch der Kunsthalle seine Gedanken im Gespräch mit Freunden oder der Familie austauschen und vertiefen will, findet im benachbarten Restaurant Luxx eine ebenfalls sehr anregende, abwechslungsreiche und kunstvoll angerichtete Auswahl von Gerichten unterschiedlichster Couleur und aus vieler Herren Länder. Außerdem gibt’s auch dort (digitale) Kunst: Gäste können eigene Fotos hochladen, die dann auf einer Wand sorgsam digital gezeichnet werden.

Die Eindrücke aus der Kunsthalle Mannheim lassen sich bestens im Restaurant Luxx vertiefen – auch bei einem erfrischenden Cocktails. (© casowi)

Salat von Kichererbsen und Roter Beete – ein indisches Gericht im Luxx. (© casowi)

Sepia-Risotto mit Wolfsbarsch – eines der europäischen Gerichte im Luxx. (© casowi)


Ich bedanke mich bei der Kunsthalle Mannheim herzlich für die Einladung zum sehr informativen und überaus sympathischen Bloggerevent und wünsche zahlreiche „offene“ Besucher_innen und gutes Gelingen für die Annahme der neuen Konzepte.

 

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