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Einmal richtig hoch hinaus: My first Zugspitze

Ist das nicht eigentlich unglaublich albern? Da bereisen wir die halbe Welt und kennen uns in manchen Regionen so wunderbar aus, dass wir uns fast heimisch fühlen und vor Tipps überquellen, wenn uns Dritte darum bitten. Und dann ist da dieses berühmte Gute, das ja oft so nahe liegen soll – und das wir von einem aufs andere Mal verschieben. Und so ziehen die Jahre und Jahrzehnte ins Land (bzw. in die Länder) und irgendwann merken wir, dass die nahe Umgebung diverse Kenntnislöcher enthält.
So ist’s auch mir jüngst ergangen: Obwohl ich nur gute 90 km entfernt wohne, war ich noch nie auf der Zugspitze. Ein bissl verschämt rotbäckig wurde ich also schon, als Petra Vogt, die Kurdirektorin der Gemeinde Grainau, die sich stolz „Das Zugspitzdorf“ nennt, erwähnte, dass nach dem Mauerfall der Besuch der Zugspitze für viele Ostdeutsche ganz oben auf der Sehnsuchtsliste stand. Und so wenig Budget sie auch hatten: sie setzten ihren Wunsch, auf Deutschlands höchstem Berg stehen zu können, schwuppdiwupp in die Realität um. Tja: Tatendrang führt Wünsche schon immer besser um statt Bequemlichkeit.
Wie oft hab ich die charakteristisch schroff abfallende Silhouette dieses Bergs schon bei Föhn betrachtet oder sie Freunden oder geschäftlichen Besuchern gezeigt. Nur an seinen Fuß bzw. auf seinen Gipfel hatte ich es bislang noch nicht geschafft. Aber nun führte mich eine Einladung der Zugspitz Region anlässlich der Eröffnung der Landesausstellung „Mythos Bayern“ endlich hinauf! Mehr zu „Mythos Bayern“ gibt’s übrigens später mal an dieser Stelle.

Seit Dezember 2017 in Betrieb: Die neue Zugspitz Seilbahn (© casowi)

Seit 1963 kann man den 2.962 m hohen Berg anders als die Trailrunner beim „Zugspitz Ultratrail“ mit einer Seilbahn weitgehend schweißlos bezwingen – seit Dezember 2017 wurde das alte System durch ein zeitgemäßes ersetzt. Waren es früher 270 Fahrgäste pro Stunde, so können die beiden bis zum Boden verglasten Kabinen der neuen Zugspitz Seilbahn nun stündlich bis zu 580 Gäste „auffi auf den Berg“ befördern. Wir durften im Maschinenraum die beiden Antriebsmotoren bestaunen – sie sind gigantisch. In den ersten 100 Betriebstagen befriedigten 100.000 Fahrgäste ihre Neuseilbahn-Neugier – ein voller Erfolg also.

Das Nirwana beginnt an der Stütze

Nur eine Stahlbaustütze gibt es auf den gut 4,5 km Strecke und mit 127 m ist sie tatsächlich die höchste der Welt. Ein wenig gespenstisch war es schon, als wir uns ihr näherten, denn unmittelbar nach ihr fielen wir ins gefühlte Nirwana dichten Nebels. Die hohe Kunst der Inszenierung beherrscht dieser Berg!

Zerschmettert und gekrümmt: Die gefallene alte Stütze (© casowi)

Kurz vor dem Erreichen der Stütze erkennt man am Boden ihre Vorgängerin, die ihren Sturz noch immer in gekrümmt und verbeult liegenden Elementen zu beklagen scheint. Die Neue wiegt satte 420 Tonnen und besteht aus 1.100 Einzelteilen, die von 9.500 Schrauben fixiert sind. Ein Video belegt, dass den Monteuren Unglaubliches abverlangt wurde. Was für ein Job, was für ein Arbeitsplatz! Ebenso waghalsig muten die Arbeiten an der Bergstation an: Sie musste erweitert werden und so wurden auch Felsteile gezielt gesprengt. Besonders faszinierend (neben der Tatsache, dass sowohl die veranschlagte Bauzeit von drei Jahren sowie die Kosten in Höhe von 50 Mio Euro eingehalten wurden – hallo BER, ElPhi und Stuttgart 21!) finde ich, dass all das bei laufendem Betrieb des bestehenden Seilbahnsystems geschehen konnte.
Warum aber nun der ganze Aufwand? Ganz einfach: Die Wartezeiten für die Passagiere waren in den vergangenen Jahren aufgrund des neuen Reiseverhaltens vieler Touristen aus dem In- und Ausland stark angestiegen und so hielten die Kapazitäten dem Ansturm nicht mehr Stand. Nun ist alles auf neuestem Stand – von der Talstation über die Seilbahn bis hin zur Bergstation (an der im Restaurantbereich bis Juni noch etwas gewerkelt wird, aber Deutschlands höchster Kran ist wohl auch bald Geschichte).

Noch ist das Deutschlands höchste Baustelle – im Sommer 2018 sollte sie Vergangenheit sein. (© casowi)

Einmal spürbar über den Dingen stehen

Aber zurück zur Nebelsuppe. Ein bisschen frustrierend war das schon: Da hatten wir einen Bilderbuch-April hinter uns, mit Rekordtemperaturen in den hohen Zwanzigern und klarster Luft. Und dann reisen wir an und was passiert: Einstellige Temperaturen, Regen, Nebel. Bähwetter. Gediegene Hoffnungslosigkeit zu Beginn des Wonnemonats. Die Aussicht auf einen 360°-Blick auf Nebel bei Temperaturen um die Null Grad war nicht wirklich verheißungsvoll.
Und dann geschah das Wunder doch: Kurz vor der Bergstation riss der Nebel etwas auf. Felskanten, Schneemassen. Ein Grat. Nicht einladend, aber unendlich faszinierend. Auf der Dachterrasse dann Sonnenschein und nahezu wolkenloser Himmel! Und der Blick auf’s Gipfelkreuz, zu dem man noch einen engen Grat hinaufsteigen müsste (bei Schnee nicht so wirklich gemütlich)!

Kurz vor der Bergstation reißt der Nebel auf … (© casowi)

… und lässt die Felsformationen erkennen. (© casowi)

Um auch mal ein Klischee zu bedienen: Dort oben fühlte ich mich dem Himmel nah. Was auch am Nirwana gelegen haben dürfte, denn natürlich waberte die behäbige Weißgrauschicht nun unter uns über die umliegenden Gipfel. Dabei könnte man den Blick über gut 400 Gipfel schweifen lassen – und bis zur Dunstglocke über München. Wie dringend gegen diese und viele andere Umweltsünden vorzugehen wäre, wird hier auch klar: Die viel zu schnell schmelzende Zunge des Zugspitzgletschers wird künstlich mit Schneemassen gekühlt. Und an einer Schneewand in der Ferne sieht man deutlich die Ablagerungen des Saharasands, der kurz vor unserem Besuch auch München tagelang in ein diesiges Licht getaucht hatte – diese nun regelmäßig wiederkehrenden Sandstürme kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht.

Die Klimaforschungsstation auf der Zugspitze. (© casowi)

Ein Drama: Schneeraupen bringen Schnee an die Gletscherzunge – zur Kühlung. (© casowi)

Ich hätte an dieser Stelle wütend werden können auf die Industrie, auf die Politik und alle weiteren Ignoranten und Verweigerer. Aber nein: Hier ist nicht der Ort für Wut – hier oben ist ein Ort des Staunens. Der Weite. Ein Ort der Dankbarkeit und Demut. Wir sind so klein, ein Pups in der Weltgeschichte. Und nehmen so viel Nichtiges viel zu wichtig. Hier oben gibt’s Gelegenheit, der äußeren wie inneren Stille zu lauschen (gut, aufgrund der Wetterbedingungen und des Wochentags waren nicht allzu viele Co-Gäste unterwegs). Hier oben gibt es Raum, die Faszination der Weite zu begreifen und zu genießen. Denn tatsächlich tauchten mehr und mehr Gipfel auf. Anfangs blickte ich noch auf die Schautafeln, um ihre Namen zu erfahren (ich finde es überaus beeindruckend, wenn Menschen ganze Bergketten namentlich benennen können). Doch schnell war es mir egal, wen ich sah. Was ich sah, war viel wichtiger: Die Schönheit der Natur in wechselnden Facetten. Unfassbar berührend.

Erst taucht nur ein kleines Gipfelino auf … (© casowi)

… und auch mal ein verschämter Felsgrat, … (© casowi)

… doch langsam zeigte sich immer mehr von der Pracht des Gebirgsmassivs. (© casowi)

Zunehmend wird es klarer … (© casowi)

Mehr Idyll geht doch kaum (© casowi)

Mehr Tradition geht wohl auch nicht: Der Maibaum auf der Zugspitze. (© casowi)

Zurück nahmen wir die gute alte (1930 eröffnete) Zugspitz-Zahnradbahn. Deren Waggons sind modern und mit Screens ausgestattet, auf denen man während der ersten Teilstrecke im Tunnel (immerhin 4,5 km lang) mehrsprachige Infos erhält. Auf der Fahrt vom Nahezu-Gipfel nach Garmisch gibt es mehrere Halts, so natürlich auch an der Talstation der neuen Zugspitz-Seilbahn in Grainau.

Eine bewährte Alternative zur Seilbahn: Die Zugspitz Zahnradbahn. (© casowi)

Beschaulich und zugleich modern

Grainau selbst hat pro Jahr etwa 640.000 Übernachtungen (und damit etwa halb so viele wie das benachbarte Garmisch-Partenkirchen, das allerdings etwa neun Mal größer ist als das etwa 3. 500 Einwohner umfassende Grainau). Viele Gäste genießen von Dezember bis März die Wintersportmöglichkeiten der Region, aber auch die Sommerfrischler kommen voll auf ihre Kosten – sei es in der nur im Sommer geöffneten Höllentalklamm, am Eibsee (am Fuße der Zugspitze) sowie auf unzähligen Wanderwegen. Eine besondere Zierde ist der Blick auf Kirche die Grainau und sicherlich einen der idyllischsten Friedhöfe Bayerns.

Bayerische Friedhofsidylle am Fuße der Zugspitze. In Grainau. (© casowi)

Und wen es nach der Rückkehr von der Zugspitze immer noch (oder erst recht) hungern sollte, der kann z.B. beim Schmölzer Wirt einkehren. Mein Kriterium für die Güte eines bayerischen Gasthauses ist ja immer die Qualität des Schweinsbratens (außerhalb Bayerns auch „Schweinebraten“ genannt) oder des Tellerfleischs. Gut war’s. Die Portion war mir fast ein bissl zu groß – man darf also ruhig kräftigen Hunger mitbringen.
Oder anschließend ein paar Zugspitzhöhenmeter zu Fuß erklimmen …


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

4 Kommentare

  1. War vor 2 Jahren im Frühjahr das erste Mal oben u ganz begeistert — was für ein erhabener Blick über die angezuckerte Bergwelt der Alpen. Toller Artikel!

  2. HMN sagt

    Wieder einmal ein großartiger Artikel, der mir meine Lieblingsregion diesmal näher rückt. Als Kind war ich oben und stolz darauf, auf dem höchsten Berg Bayerns – Deutschlands zu stehen – bei Föhn und über die Alpen zu schauen . Herrlich, das muss ich bald einmal wiederholen! Danke.

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