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Kloster Ettal: Vom geistlichen Leben und Genießen

Etwa zehn Kilometer nördlich von Garmisch Partenkirchen liegt auf einem Hochplateau die Benediktinerabtei Kloster Ettal. Sie wurde 1330 von König Ludwig IV., genannt Ludwig der Bayer, gegründet – man munkelt, nicht ganz uneigennützig, weil der Wittelsbacher sich von dem Standort auch die Verbesserung der Handelsachse von Augsburg nach Verona versprach. Ludwig der Bayer war ohnehin nicht unumstritten, hatte er sich doch 1328 in Abwesenheit des Papstes in Rom von drei Bischöfen zum ersten deutsch-römischen Kaiser krönen lassen. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Papst Johannes XXII. setzte ihn nicht nur als Kaiser ab, sondern exkommunizierte ihn zudem und so blieb Ludwig bis zu seinem Tod 1347 im Kirchenbann – trotz seiner Bemühungen um die Gründung des Klosters Ettal und seines Wohlwollens gegenüber den Franziskanern.
Von 1330 bis 1370 wurde in Ettal also die erste, gotische Kirche gebaut, im 18. Jahrhundert wurde sie umgebaut zur noch heute aktuellen barocken Basilika. Mittlerweile wurde der Gebäudekomplex seitlich noch um eine bewusst schlicht gehaltene Winterkirche ergänzt – beheizt betet es sich in den kalten bayerischen Wintern doch ein bisschen angenehmer.

Die Basilika von Kloster Ettal( © casowi)

Die Rückansicht von Kloster Ettal mit dem Pavillon der Landesausstellung „Mythos Bayern“. (© casowi)

Was für ein Blick aus dem morgendlichen Hotelzimmer aufs Kloster Ettal. (© casowi)

Das Hotel Ludwig der Bayer liegt gegenüber des Klosters und gehört zur Anlage. (© casowi)

Weiß-blau, wie es sich gehört für Bayern: Der Erker des Hotels Ludwig der Bayer. (© casowi)

Überaus beeindruckend im nahezu rund anmutenden Dodekaneder der Basilika ist die Kuppel, die von Johann Jakob Zeiller mit einem gigantischen Fresko geziert wurde. Und bayerisch-prächtig barockig kommt auch die Orgel daher – Bescheidenheit war seit jeher keine Zier der Bayern.

Der nahezu runde Innenraum der Basilika des Klosters Etat. (© casowi)

Eindrucksvoll: Das Fresko in der Ettaler Kuppel. (© casowi)

Schlicht war im Barock nicht wirklich in Mode: Die Orgel von Ettal. (© casowi)

Kontrastprogramm: Die Winterkirche von Kloster Ettal. (© casowi)

Was aber wäre ein bayerisches Kloster ohne eine Brauerei? Die Mönche erkannten früh, dass sie ihre Wallfahrer auch leiblich adäquat stärken mussten und erprobten sich bald in der Herstellung geisthaltiger Getränke. Aktuell werden in Ettal 8.000 hl Hell-, Dunkel- und Bockbier pro Jahr gebraut – das Benediktiner Weißbier wird von der Lichener Brauerei in Hessen nach der tradierten Rezeptur und mit Hefe aus Ettal produziert. Und alte Werbetafel erfreuen das Herz des durstenden Betachters vor der Verkostung …

Ein typisch bairisches Phänomen: Die Biera Morgana. (© casowi)

„Bier schmeckt immer!“ – Bayern eben. (© casowi)

Na, ob das so stimmt? (© casowi)

“ … sagt der Arzt! Oder war es doch vielleicht der Werbeleiter? (© casowi)

Die Regierungen Bayerns waren übrigens nicht immer bierfreundlich gestimmt: Kaiser Ludwig verbot 1317 das Bierbrauen aufgrund von Nahrungsmittelknappheit. Und so begannen die Ettaler erst im 16. Jahrhundert, in Oberammergau ihre Maische anzusetzen – 1609 wurde der Sitz dann an seinen heutigen Platz verlegt. In den ersten neun Jahren wurde noch „schwarz“ gegärt, erst 1618 gestand Herzog Max dem Kloster die „Braugerechtigkeit“, also die Lizenz zum Brauen, zu. Das Ettaler Kloster war, obwohl es recht spät gegründet worden war, vor der Säkularisation 1803 mit einem Grundstücksvermögen von 11.760 ha das drittgrößte in Bayern, nach Tegernsee und Niederaltaich. Die Gebietsherrschaft war gleichzusetzen mit einem florierenden Geschäft für die Brauerei, da überall, wo ein Gasthaus auf Klostergrund stand, auch Ettaler Bier verkauft werden musste. Mit der Säkularisation ging die Brauerei über in bayerischen Staatsbesitz (also an den bayerischen Hof), anschließend wurde sie privatisiert. Bei der Wiedereröffnung des Klosters im Jahr 1900 durch die Benediktiner aus Scheyern stand zunächst infrage, ob auch der Brauereibetrieb wieder in Angriff genommen werden sollte – die bayerischen Gaumengelüste jedoch obsiegten. Und so tauschte man kurzerhand den Braumeister aus und kaufte die Lizenz zurück. Heute versteht Ettal sich als kleine, regionale Brauerei – das Label Benediktiner produziert aktuell 200.000 hl Weißbier pro Jahr (Vergleich: Bitburger, eines der größten Label in Deutschland, stößt jährlich 8 Mio hl aus). Nach wie vor hält man sich ans bayerische Reinheitsgebot, das ausschließlich den Einsatz von Wasser, Gerste (für das Malz) und Hopfen zulässt. Die für jegliche Bierproduktion unabkömmliche Hefe wurde nicht darin verankert, da sie erst im 19. Jahrhundert von Louis Pasteur entdeckt wurde.

Auf einem Bein kann man nicht stehen – eine alte Bierliebhaber-Weisheit. (© casowi)

Ein waschechter Wolpertinger im Verkostungsstüberl der Klosterbrauerei Ettal. (© casowi)

In Ettal widmet man sich neben der „Hopfenschorle“ auch der Produktion einiger Kräuterliköre. Im Kräuterlager gibt es Duft- und Geschmacksköstlichkeiten mit Heilwirkung aus Europa, Asien und Afrika wie Wacholder, Kümmel, Nelke, Orangenschalen, Sternanis, Johannisbrot (Carob), Rhabarber, Süßholz, Enzianwurzel und Safran. Die Kräuter werden kalt, warm oder ausgewaschen dem Alkohol zugeführt, der ihre Heilwirkung konserviert. Bei der Mazeration, dem Kaltverfahren, werden die Kräutermischungen eingelegt und aufgegossen und stehen dann bis zu einem Jahr, bis sie finalisiert werden können. Die Digeration ist ein vergleichbares Warmverfahren, das sich insbesondere für harte Zutaten wie die Süßholzwurzel eignet: Bei 40 Grad wird das Kräutergemisch für etwa zwei Wochen in einem Stahlbehälter ähnlich einem Tee gekocht. Das Auswaschverfahren, die Perkolation, nimmt nur wenige Tage Arbeit in Anspruch und wird für den Heulikör und die Arnikaeinreibung verwendet. Die Kräuter werden dabei permanent mit Alkohol übergossen, der dabei die Heilwirkung aufnimmt.
Anschließend werden bei der Destillation die feinen Bestandteile von den gröberen (also den Kräuterresten) getrennt. Der Alkohol wird auf 80 Grad erhitzt, verflüchtigt sich, geht über den Helm ins sogenannte Geistrohr und kommt als reines Destillat (vulgo Schnaps) wieder hervor. Nun wird er noch mit weiteren Zutaten wie Honig, Safran und flüssigem Zucker vermischt. Die EU schreibt mittlerweile vor, dass auf einen Liter Likör 100 mg Zucker verwendet werden müssen – mit der Ausnahme Magenbitter, dessen Rezeptur so alt ist, dass Zucker noch Luxusprodukt und nicht Usus war.

Im Kräuterlager der klösterlichen Destillerie. (© casowi)

Heute nur mehr Deko: Ein alter Lederkorb, in dem die Heilkräuter gesammelt wurden. (© casowi)

Heilkräuter müssen trocken und lichtgeschützt aufbewahrt werden. (© casowi)

Bei einer Führung durch die Destillerie erfährt man von Frater Vitalis (aktuell leben etwas mehr als 30 Benediktiner Mönche in Ettal) nicht nur etwas über die Heilwirkung der Kräuter, sondern kann natürlich die hochprozentigen Produkte auch verkosten. Die Heilkräuter gibt es allerdings auch in non-alkoholischer Form: Ich habe im Klostershop ein mittlerweile sogar bei Heuschnupfenden bestens erprobtes Heilkräuterkissen gekauft, das ich nicht mehr missen möchte.
In der benachbarten Schaukäserei haben sich 37 regionale Landwirte zusammengeschlossen und produzieren und vermarkten gemeinsam ihre Molkereiprodukte, die man nicht nur probieren und erleben, sondern selbstverständlich auch kaufen kann.
Aktuell lohnt sich der Besuch des Klosters Ettal nicht nur aufgrund der Klosteranlage mit Kräutergarten, Planetenweg (den ein P-Seminar des klösterlichen Gymnasiums vor ein paar Jahren erstellt hat) oder zur Befriedigung der kulinarischen Gelüste: Bis 4. November ist auch die Bayerische Landesausstellung unter dem Motto „Mythos Bayern: Wald, Gebirge und Königstraum“ in Ettal zu sehen, die das Haus der Bayerischen Geschichte, ein wissenschaftliches Institut des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit einigen Partnern veranstaltet.

Im Innenhof des Klosters finden Ende Juni die beiden Open Air-Konzerte des Richard Strauss-Festivals statt. (© casowi)

Anlässlich der Ausstellung gastiert Ende Juni auch das in Garmisch-Partenkirchen beheimatete Richard Strauss Festival erstmals mit zwei Open Air-Konzerten im Ettaler Klosterhof. Mehr dazu und zur Landesausstellung gibt’s dann demnächst.


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

 

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fasziniert von Menschen und deren Geschichten, Reisen, Wein, Food, Musik, Sprachen und einigem mehr. Beruflich Business Coach, Konfliktmoderatorin und PR-Dozentin.

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