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Oberammergauer Vielfalt: Vom Schnürlkasperl zum Passionsspiel

Das Messer ist sein wichtigstes Werkzeug, sagt Markus Wagner, der letzte Oberammergauer Schnürlkasperl-Schnitzer. Früher sei es das Werkzeug der armen Leute gewesen, ergänzt er: „Das geschmiedete Schnitzeisen habe ich kaum noch in der Hand. Ich arbeite ja auch nahezu eindimensional bei meinen Kasperln.“ Sein Handwerk hat er in der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau erlernt, die Ausbildung dauert auch heute noch drei Jahre. Pro Jahrgang sind es heute jedoch nur mehr etwa 15 Schüler. Die Schnitzerei ist leider zunehmend müßig: Gab es in Wagners Jugend etwa 200 Schnitzer im Ort, so sind es heute nur mehr 30, darunter kaum noch klassische Herrgottsschnitzer, „da sich kaum mehr jemand eine Jesusfigur ins Haus holt“.

Legendär: Die Berufsschule für Holzbildhauer in Oberammergau. (© casowi)

Holzarbeiten vor der Berufsfachschule. (© casowi)

Da war es vorausschauend, dass Markus Wagner sich früh auf die Schnürlkasperl (auch Fadengaukler oder Hampelmänner genannt) spezialisierte. Die Freude an der Holzbildhauerei war ihm in die Wiege gelegt worden: Wagners Vater war Krippenschnitzer. Er musste sich zunächst jedoch im Winter auch als Skilehrer und im Sommer als Bademeister verdingen, um seine Kinder ernähren zu können. Eine verhältnismäßig goldene Zeit erlebte die Schnitzkunst, als die US-Army nach dem Zweiten Weltkrieg in Oberammergau stationiert war. Denn während des Vietnamkriegs wurden zahlreiche verletzte Soldaten in Bayerns Gebirgsluft „entgiftet“, und bei der Abreise nahmen sie jede Menge geschnitzte Souvenirs mit, da zudem der Dollarkurs damals recht günstig war. Nun sind es eher Busladungen voller Chinesen, die in Tagestouren anreisen und Wagner berichtet: „Sie besichtigen die Sanitäreinrichtungen des Festspielhauses, laufen mit Selfie-Sticks durch den Ort, betreten ungefragt Privatgärten, um sich vor Blumenkästen und Lüftlmalerei zu fotografieren und ziehen dann wieder ab.“ Ein Phänomen, das zunächst nur Venedig beklagte, das sich aber leider zusehends verbreitet.

Längst nicht alle Modelle, aber die Auswahl fällt schon bei diesem Ausschnitt aus Wagners Werk schwer. (© casowi)

Paradiesisch. Wenn auch eindeutig recht hölzern. (© casowi)

Ursprünglich war die „Schnürlkasperl-Gang“ eine vierköpfige Gemeinschaft, heute arbeitet Markus Wagner alleine, denn die Kollegen sind mittlerweile in Rente. Etwa 100 Figuren hat er im Sortiment, nach dem Weihnachtsgeschäft dauert es allerdings immer ein paar Monate, bis alle wieder verfügbar sind. Die meisten Schnürlkasperl-Modelle kosten 79 Euro, aufwändigere auch mal mehr als 100 Euro.
Zur Fußball-WM fertigt er Spieler aus dem Team an, und psst: An dieser Stelle sei als Geschenktipp für Fußballfans verraten, dass Wagner immer einen Rohling vorrätig hat, falls jemand seinen Lieblingsspieler als Schnürlkasperl begehrt. Auch der aktuelle US-Präsident findet sich im Sortiment – sogar in einer doppelseitigen Version: vorne Trump, hinten Mao, beide mit einer Pistole bewaffnet und einen Geldsack in der anderen haltend. Biblische Motive wie die Hl. Drei Könige auf einem Elefanten und Jesus auf dem Esel sind ebenso dabei wie Adam und Eva, Engel, der Hl. Nikolaus und der Krampus (Knecht Ruprecht). Nicht fehlen dürfen auch der „Kini“ Ludwig II., Mephisto, Märchenfiguren, Köche und Kellner, Goethe und Mozart, Winnetou, ein Kapitän, Musiker wie einen Bassgeiger, Ärzte und andere medizinische Berufsgruppen und auch Politiker. Nur an der Bundeskanzlerin ließ sich bislang noch keine Hampelei fertigen, sinniert Wagner. Hingegen sind Sujets wie der Nachtwächter oder der einstmals so beliebte Mönch auf dem Weinfass hingegen heutzutage endgültig out.

Treffen sich ein Arzt, ein Indianer, der Kini und der Nikolaus. Und hängen gemeinsam ab. (© casowi)

Der doppelte Politkasperl, Teil 1 … (© casowi)

… und Teil 2 („Tschaina!“). (© casowi)

Auf Märkten und auch übers Internet erhält Markus Wagner immer wieder individuelle Auftragsbitten. Meistens fertigt er aber bereits bestehende Figuren in Kleinserie und hat über die Jahre seine ganz individuelle Routine für die Arbeitsschritte entwickelt: Auf Weihnachtsmärkten beispielsweise schnitzt er Unmengen von Köpfen, denn im Freien in winterlicher Kälte kann er weder leimen noch bemalen. Ab dem Frühjahr folgen den Köpfen auch Körper. Anschließend werden die Farben sukzessive aufgetragen: Nach der Grundierung trägt er zunächst Schwarz für die Augen und Bärte, dann Rot für die Lippen und Wangen auf, erst dann folgt die passende Bekleidung.

Gerade noch ein Stück Holz … © casowi)

… und schon ist der Kopf gut erkennbar. © casowi)

Aus der Reihe „Angewandte Sprichworte“: Wo gehobelt wird … (© casowi)

So gerne Markus Wagner sich auch immer wieder der Gestaltung neuer Figuren widmet – die reduziertesten Figuren wie der Harlekin oder die Soldaten sind ihm nach wie vor am liebsten. Die Harlekin-Schnürlkasperl sind übrigens doppelgesichtig: Auf der einen Seite fröhlich, auf der anderen traurig. In den Frühjahrs- und Sommermonaten ist das Brautpaar natürlich ein Renner und auf Wunsch individualisiert Wagner schon mal die Frisuren oder fertigt binationale Flaggen an.

Wagners persönliche Lieblinge (© casowi)

Das Vorher im Außen – das Nachher im Innen (sorry, ich bin und bleibe einfach Coach und blicke manchmal einfach aus anderen Perspektiven auf die Dinge). (© casowi)

Farbe für Farbe trägt Markus Wagner bei seinen Schnürlkasperln auf – das erfordert nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch jede Menge Geduld. (© casowi)

Entscheidend für Wagners Handschrift ist das gespaltene Fichtenholz, dessen Struktur er auch durch die Farbe durchschimmern lässt (bei Sperrholz hingegen bleibt die Oberfläche glatt). Dieses Alleinstellungsmerkmal benötigt er durchaus, denn sobald er auf einer Messe seine Kunst zeige und seine Figuren ausstelle, seien „die Chinesen“ schon zur Stelle, fotografieren alles und schwupps, wenige Tage später wären auch schon Kopien auf dem Markt zu finden. Was wolle man da machen, meint er in traditioneller bayerischer Gelassenheit – und schnitzt weiter.

In Bayern spricht man immer gerne vom „Holz vor der Hüttn“ – bei Markus Wagner stimmt der Spruch, wenn auch nicht der Zusammenhang. © casowi)

Das von ihm später verwendete Holz ist malerisch und zugleich praktisch rund ums Haus aufgestapelt. Wagner fertigt die Gliedmaßen seiner Figuren aus sehr langsam gewachsenen Holz: Etwa zwölf Jahre auf einen Zentimeter wuchs das aktuell verwendete Exemplar, extrem langsam also. Bäume dieser Art wachsen im Schatten, sehr eingeengt und mit magerem Boden. Ein Stamm der Qualität, die Wagner benötigt, hat etwa 40 bis 50 cm Durchmesser und dafür wächst er gute 200 bis 300 Jahre. Wagner lagert das Holz nicht, er verwendet es „grün“, also gleich nach dem Schlagen.
Zunächst sägt er die Form der entsprechenden Figur grob aus. Bei neuen Figuren dauert es etwas, bis er die perfekte Form gefunden hat, deshalb zeichnet er sie auch vorher auf. Dann spreißelt er den Stamm auf, feilt das Holz glatt, bringt die Einzelteile zunehmend in ihre entsprechende Basisform, bevor er sie mit Hartholznägeln aus Hainbuche fixiert, deren Überstände er abknipst und plan feilt. Beim Schnitzen ist das Maßnehmen immer wieder wichtig – beim Original abnehmen, dann beim neuen Werk anwenden. Etwa drei Stunden Arbeit stecken in jedem klassischen Schnürlkasperl. Und mich will in dieser hinreißend gemütlichen Werkstatt der Gedanke nicht verlassen, dass sich doch irgendwo zwischen all den Hölzern, Spähnen und Farben ein unsichtbarer Kobold verbirgt …

Holzspaltereien im Hause Wagner. © casowi)

Der Feinschliff gegen Spreißel im Finger. © casowi)

Markus Wagner hat alle Hainbuchenholznägel im Schachterl … (© casowi)

Viele viele Holzbeine. (© casowi)

Werkstättliches Idyll. (© casowi)

… und irgendwo hinter Markus Wagner hält sich doch sicherlich ein Kobold versteckt, oder? (© casowi)

Neuartige Widerstände begegnen auch Markus Wagner zunehmend: Den Bindfaden (also das Schnürl) bezog er früher aus Füssen, jetzt existiert die Firma nicht mehr und so muss Wagner nun für qualitativ hochwertigen Bindfaden in die Schweiz ausweichen. Inzwischen ist es manchmal ein echtes Problem, die benötigten Produktionsmittel zu finden: Plaka-Farben gab es früher im Pfund-Gebinde, heute muss er sich mit „diesen Winzgläsern“ behelfen. Im Fachhandel gäbe es auch nur selten wirklich gute Farben, denn viele würden sich nicht mit Schellack vertragen, den er ebenfalls einsetzt. Immerhin: Die Bäume stammen aus der Region und zur Not fällt er sie auch selbst: „Mein Gewerbe geht vom Baumfällen bis zur Steuererklärung. Alles durch die eigenen Hände.“ Im Sommer kümmert sich Wagner zudem um eigene Bienenvölker, die ihm sehr am Herzen liegen. Und zeigt so manchem Gast sein Oberammergau.

Lüftmalerei und Kastanien – Oberammergau bietet bayerische Dorfidylle in purezza. (© casowi)

Um passionsbezogene Themen und Namen kommt Oberammergau nicht herum: Hier das für seine Liftmalerei berühmte Pilatushaus. (© casowi)

Der Gartenblick auf das Pilatushaus. (© casowi)

In Oberammergau kommt man irgendwann immer auf das Passionsspiel zu sprechen und wie wohl alle natural born Oberammergauers verfügt auch Markus Wagner über langjahrzehntige Rollenerfahrungen. Als 1633 die Pest in dem beschaulichen bayerischen Ort wütete, gelobten die Bürger für den Fall, dass keiner mehr ihr erläge, zukünftig aus Dankbarkeit alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen. Bis heute sind sie diesem Gelübde treu geblieben. Oberammergau hat es sogar geschafft, das Passionsspiel auch über die Säkularisation aufrecht zu erhalten, wenn auch immer wieder mit Textreformen. Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das Spiel aufgrund ausländischer Medienberichte einen derartigen Hype, dass man sich 1890 entschloss, eine feste Bühne zu bauen. Die speziell für die Spiele ausgelegte Zuschauerhalle mit ihrer gigantischen Bühne wurde im Jahr 1900 errichtet – heute fasst das Haus 4.800 Besucher. Für die Spiele 2020 werden die Reihen allerdings auf 4.500 Plätze etwas gelichtet, da großgewachsene Menschen bislang sonst durchaus ebenfalls „ein Martyrium“ erleiden, wie Wagner berichtet. Dieses Jahr steht Schillers „Wilhelm Tell“ auf dem Spielplan, 2019 wird es dann traditionell vor dem Passionsspiel das Festspiel sein, bei dem aufgezeigte wird, wie die Passionsspiele entstanden sind. Wer sich jetzt um Karten für 2020 bemüht, habe noch Chancen, meint Markus Wagner.
Frauen durften am Passsionsspiel übrigens bis 1990 nur teilnehmen, wenn sie nicht älter waren als 35 Jahre oder verheiratet waren – „das waren talibanähnliche Strkturen“, scherzt Wagner. Die Regelung wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs eingeführt, als viele Männer gefallen oder schwerstverwundet waren und somit überproportional viele Frauen auf der Bühne standen. Die selbstbewussten Oberammergauerinnen zogen jedoch bis vor bayerische Verwaltungsgericht und bekamen Recht: Seit 1990 dürfen Frauen jeglichen Alters mitwirken und heute ist das Geschlechterverhältnis auf der Bühne fast pari.
Auf die Bühne dürfen ausschließlich echte Oberammergauer_innen. Bis Ende März 2018 mussten sich die mitspielberechtigten Darsteller_innen anmelden, verbunden mit der Zusage, an 80 Aufführungen teilnehmen zu können. Neben der bisherigen „Passions-Vita“ kann man seine Wunschrolle angeben. Insgesamt stehen etwa 2.300 bis 2.400 Schauspieler_innen auf er Bühne. Die größte Massenszene, wenn Jesus fast nackt vor Pilatus steht und die Menge schreit „Kreuzigt ihn!“, umfasst 1.000 Leute auf der Bühne. Das sei schon immer wieder eine Szene, bei der auch er noch Gänsehaut bekäme, auch wenn er selbst bereits zum achten Mal mitspielen würde (aufgrund der Sonderaufführungen, die es gab), schildert Markus Wagner.

Die Bühne des Passionsspielhauses von Oberammergau. (© casowi)

Der ursprüngliche Text wurde von einem Oberammergauer Pfarrer Mitte des 19. Jahrhunerts geschrieben. Das Problem daran: Die katholische Kirche war damals antisemitisch eingestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel dies dem Jüdischen Kommittee in New York auf und nach deren Boykottdrohung wurde auf die barocke Fassung von Pater Rosner aus Ettal umgestellt, die auf dem Prinzip von „Gut und Böse“ basiert.
Im Oktober 2018 vergibt Regisseur Christian Stückl die Rollen, ab Aschermittwoch 2019 gilt der Haar- und Barterlass: 14 Monate darf dann nicht mehr rasiert oder geschnibbelt werden, um sich bibelgerecht zu präsentieren. Von Januar bis Mai 2020 probt das Ensemble, Mitte Mai ist Premiere und bis Oktober gibt es pro Woche fünf Aufführungen, in der Summe also etwa 100. Eine umstrittene Rollenbesetzung kann übrigens nur durch einen 2/3-Mehrheitsbeschluss der Gemeinderatsmitglieder gekippt werden.
In welcher Rolle Markus Wagner 2020 wieder auf der Passionsspielbühne stehen wird, ist noch offen. Nur eins ist klar: jegliche Bindfäden und auch sein Schnitzmesser bleiben dann in der Werkstatt.


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: kultur, Kunst, reise

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fasziniert von Menschen und deren Geschichten, Reisen, Wein, Food, Musik, Sprachen und einigem mehr. Beruflich Business Coach, Konfliktmoderatorin und PR-Dozentin.

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