Architektur, Food, Konzert, kultur, Kunst, Musik
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Vom Mittendrin des Außenstehenden: Die Philharmonie de Paris

Ein Kulturtempel namens Philharmonie liegt üblicherweise recht zentral – so kennt man es von vielen Metropolen. Nicht so in Paris: Die Fahrt zur 2015 eröffneten Philharmonie de Paris, die Bestandteil der City de la musique ist, wirft zunächst die Frage auf, ob unser Fahrer tatsächlich ortskundig ist oder vielleicht doch eher nur geschäftstüchtig. Es geht vorbei an Gewerbegebieten und den überall hässlichen, weil gesichtslosen Riesenwohnblocks, von einer Stadtautobahn gefühlt auf mindestens vier weitere und dann wieder in zwei Kurven und noch einer Brücke entlang. Und plötzlich blitzt es seitlich metallern auf und was das Auge erblickt, lässt den Anfahrtsweg vergessen: Eine Trutzburg aus der Welt des Darth Vader (was bei Sonnenschein sicherlich anders wirkt als an unserem grautrüben Besuchstag), die mal glänzt und dann wieder matt ist und Elemente enthält, die umgehend an Zeichnungen von M. C. Escher erinnern.

Manchmal lässt Darth Vader grüßen: Die Philharmonie de Paris von Jean Nouvel. ©casowi

Die eschernden Vögel (Philharmonie de Paris von Jean Nouvel). ©casowi

Mal matt, mal glänzend: Die Fassade der Philharmonie de Paris von Jean Nouvel. ©casowi

Erst im Inneren des Gebäudes, das man über Treppen, langsam ansteigende Rampen oder Rolltreppen erreichen kann, wird klar, dass das Konzept mehr beinhaltet als ein auffälliges Äußeres mit einem reinen Konzertsaal sowie ein paar kleinere Proberäume. Es ist ein kulturelles Gesamtkonzept, das weit nach vorne und rund um sich herum blickt: Nach vorne zur Jugend und neben Klassik auch zu Rock, Jazz und dem, was man so trefflich mit Weltmusik umschreibt und was die Herzen der Philharmonie-Nachbarn vermutlich zunächst mehr ansprechen dürfte als Alte oder Serielle Musik. Neben einem Instrumentenmuseum gibt es zudem jährlich drei Kunstausstellungen, die sich Künstlern wie David Bowie, Serge Gainsbourg oder John Lennon, ausgewählten Musikepochen oder Regionen und Ländern wie aktuell Jamaica widmen, sowie 200 Konferenzen und Tagungen.

Beleuchtungelemente im Foyer der Philharmonie de Paris von Jean Nouvel. ©casowi

Zahlen belegen, dass das musikalische Konzept wohl auf dem Punkt sitzt: Die etwa 500 Konzerte pro Jahr seien zu 97 Prozent ausgelastet, ganze 7.000 Workshops meist im Nu ausgebucht und das Haus erfreut sich aktuell rund 24.000 Abonnenten, deren Durchschnittsalter bei etwa 50 Jahren liegt. Um die Jugend stärker für die Musik und auch das Musizieren zu gewinnen, gibt es einige Ansätze, die bereits überaus erfolgreich angenommen wurden. Doch dazu später.

Der Probesaal für Orchester mit struktureichen Holzauskleidungen, die für eine ausgewogene Akustik sorgen. ©casowi

Fünf Orchester sind hier beheimatet, allen voran das Orchestre de Paris. Die Akustik ist fantastisch – zumindest als wir bei einer Generalprobe den Schlusssatz der Symphonie fantastique von Hector Berlioz hören (die mich immer wieder sehr berührt). Der große Konzertsaal wurde ähnlich der Hamburger Elbphilharmonie von den Akustikspezialisten Harold Marshall und Yasuhisa Toyota zwei „Häuten“ ausgekleidet, die den Klang entlang der immer wieder geöffneten und verstuften Holzelemente so leiten sollen, dass das Publikum sich von der Musik umhüllt fühlt. Ein Klangcape also. Welch schöner Ansatz – welch gute Umsetzung. Die Bühne steht im Zentrum und ist höhenverstellbar, was erneut der Klangwahrnehmung und Sitzkapzität bei unterschiedlichen Orchestergrößen sehr entgegenkommt. Die Balkone sind nach vorne gezogen und somit näher an der Bühne.

Die Balkone und Verkleidungen der Holzelemente des großen Saals nehmen das Spiel von matt und glänzend erneut auf. (Philharmonie de Paris von Jean Nouvel) ©casowi

Zurück zur Jugend: Natürlich geht es den Betreibern auch darum, Nachwuchs für die angebotenen Abonnements zu generieren – keine Frage, dass man hier wirtschaftlich denken muss. So gibt es als „Einstieg light“ einstündige und kostengünstige Konzerte für Familien. Es geht aber auch um musikalische Früherziehung sowie um Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit Musik gerade auch an sozialen Brennpunkten wie in manchen Außenbezirken der französischen Städte das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen so aufbauen und fördern kann, dass die Wahrscheinlichkeit eines frühen Kontakts mit eskalierenden Konflikten, Drogen oder gar Kriminalität sinkt. Vor acht Jahren startete das Projekt Demós, bei dem Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis zwölf Jahren in landesweit 32 Laienorchestern sich auf drei Jahre dazu verpflichteten, zweimal wöchentlich zum Unterricht und den Proben zu erscheinen sowie das Spiel auf dem ihnen zur Verfügung gestellte Instrument entsprechend kontinuierlich zu üben. Der Erfolg: Etwa die Hälfte aller Teilnehmenden besuchte nach den drei Jahren sogar ein Konservatorium. In der Cité de la musique, wie der Gebäudekomplex auch genannt wird, kommen zahlreiche kostenlose Workshop-Angebote für die junge Zielgruppe hinzu, die so beliebt sind, dass sie nach der Ankündigung umgehend ausgebucht sind (sogar die Angebote für wenige Monate alte Säuglinge werden von den Eltern genutzt). In eigens für Kinder eingerichteten Werkräumen können zahlreiche Instrumente ganz nach Gusto ausprobiert werden und natürlich singen und tanzen die Kids auch miteinander im schönsten Kunterbunt.

Musikwerkstatt für Kinder. Philharmonie de Paris von Jean Nouvel, ©casowi

Gerade deshalb sei auch der gewählte Standort auch so wichtig und richtig, hören wir immer wieder bei unserem Besuch: „Wir sind nicht in einer elitären Gegend, sondern mitten unter denen, die wir mit unserem Angebot erreichen wollen.“ Wie gut das klappt, lässt sich wohl insbesondere bei der Nuit blanche am 7. Oktober 2017 in allen Sälen mit unterschiedlichsten Musikstilen bis in die frühen Morgenstunden live erleben.
Wer neben Ohren und Augen auch den Gaumen genießen lassen will, findet unter dem Dach der Philharmonie ein passend stylisches Restaurant mit herrlich bunten Stühlen. Von der Terrasse hat man zudem einen wunderbaren Blick über das Gelände und seine Umgebung.

Fluffige Buntstühle im Restaurant. ©casowi

Überaus erfrischend: Die Zitronentarte-Variation mit Blick. ©casowi


Ich bedanke mich für die Einladung nach Paris herzlich bei Atout France und seinen Partnern. #FeelFrenchCulture

2 Kommentare

  1. Helga Maria Neuner sagt

    Es erschließen sich uns sowohl die architektonischen Gegebenheiten des äußeren Baukonzeptes,
    als auch die innenarchitektonische Weiterführung der Ausstattung mit matten und glänzenden
    Elementen. Wir werden neugierig gemacht auf ein exzellentes Klangerlebnis und sind begeistert , ob der Förderung der Jugend. Sehr schön beschrieben.

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