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Ode an ein Lebenswerk: Die leisen Töne des Rolf Alexander Wilhelm.

313 Tage nach Dir, geliebter Vater, hat auch Dein Werk Dein Haus für immer verlassen. Es schneite – wie am Tag Deines letzten Atemzugs im Januar. Und seit gestern haben Deine Gedanken, Ideen und deren Umsetzung nun im Deutschen Komponistenarchiv  im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden ihr Zuhause gefunden. Es war Dein Wille. Du selbst hattest bereits die vorbereitenden Gespräche mit Frau Landsberg, der Leiterin des Archivs, geführt. Und seit 2010 hatten bereits einige Tonbänder und auch Partituren den Weg nach Dresden gefunden. Ich bewundere bis heute, dass Du den Mut hattest, Dir Gedanken über das „Danach“ zu machen, einige Notizen anzufertigen, ein bisschen vorzusortieren und das ein oder andere mit mir zu besprechen. Und vor allem: Dir und uns einzugestehen, dass es Dir doch auch schwer fiel, Dich vom Gros Deiner Werke noch zu Lebzeiten zu trennen. Ich fand es immer verständlich. Du hattest ein schlechtes Gewissen, uns „die Arbeit“ zuzumuten. Ja – es gab einige wenige Momente in den vergangenen Wochen und Monaten, wo ich ratlos vor den Bergen an Tonbändern und Partituren, …

Komponist. Ein Beruf, den ich wohl nie verstehen werde.

Mein viellieber Vater, heute wirst Du 85 Jahre alt. 85 Jahre, von denen ich 49 mit Dir teile. Irgendwie ging ich als Jugendliche und junge Erwachsene nie davon aus, denn Du sprachst in unserer Kindheit und Jugend immer wieder vom frühen Tod Deiner Eltern, die wir leider nie kennenlernen durften. Wir waren Halbwaisen großelterlicherseits, sozusagen. Sie waren zwei Schwarz-Weiß-Fotos auf Deinem Flügel, die den lebenden anderen Großeltern lange Zeit nur sehr wenig entgegen zu setzen hatten. Bis wir anfingen, über sie zu sprechen. 85 war damals auch für Dich eine unvorstellbare Zahl. Und wenn ich Dich heute erlebe, so zweifle ich selbst manchmal an der Wahrhaftigkeit dieses Alters-Status. Ja, die Spaziergänge werden ebenso wie manche anderen Dinge des täglichen Lebens bedächtiger. Aber der Wortwitz – diese blitzschnellen Punktlandungen, die gibt es wie eh und je. Denke ich über Dich und uns nach, so gibt es einen Punkt, den ich erst heute ansatzweise in seiner Bedeutung verstehen kann. Mit 15 hat man Dich Deiner Jugend beraubt. Man ist dieser verschissene, schreckliche, überflüssige 2. Weltkrieg. Sie haben …

Für Trauer gibt es keine App.

Etwas mehr als sieben Wochen ist es her. Und unendlich viele Ratschläge. „Du musst doch unter Menschen.“ „Du kannst doch nicht ewig in Schwarz rumlaufen.“ Doch, ich kann. Und ich muss keineswegs irgendetwas. Trauer ist nichts, das sich vorschreiben lässt – weder zeitlich, noch inhaltlich, noch in ihrer Intensität. Die Ratio begibt sich im wirklichen Trauerfall  in dauerhaften Kampf mit der Emotio.  So ist das zumindest bei mir im Moment. Rationell gibt es tatsächlich Argumente, die ich von Anfang an gelten lassen kann: 85 ist ein Alter, in dem man gehen kann. Ja. Ein bis 10 Tage vor dem Tod unerkannter Krebs bedeutet auch Erlösung von einem erkannten, aber noch in seiner Tragweite völlig unabsehbaren Alzheimer-Verlauf. Definitiv. Den Weg ins immer tiefere Vergessen kann nur nachvollziehen, wer ihn persönlich erlebt hat. Zumindest ansatzweise. Alzheimer sollte öffentlich endlich entniedlichisiert werden! Auch wenn es Momente im Verlauf dieser Krankheit gibt, die Betroffenen und Angehörigen ein Schmunzeln oder sogar Lachen entlocken können – nichts daran ist so entzückend, wie es manchmal in den Medien gerne dargestellt wird. Dazu …