(un)sinniges, genuss, Kunst, Musik
Kommentar 1

Komponist. Ein Beruf, den ich wohl nie verstehen werde.

Mein viellieber Vater,

heute wirst Du 85 Jahre alt.

85 Jahre, von denen ich 49 mit Dir teile. Irgendwie ging ich als Jugendliche und junge Erwachsene nie davon aus, denn Du sprachst in unserer Kindheit und Jugend immer wieder vom frühen Tod Deiner Eltern, die wir leider nie kennenlernen durften. Wir waren Halbwaisen großelterlicherseits, sozusagen. Sie waren zwei Schwarz-Weiß-Fotos auf Deinem Flügel, die den lebenden anderen Großeltern lange Zeit nur sehr wenig entgegen zu setzen hatten. Bis wir anfingen, über sie zu sprechen.
85 war damals auch für Dich eine unvorstellbare Zahl. Und wenn ich Dich heute erlebe, so zweifle ich selbst manchmal an der Wahrhaftigkeit dieses Alters-Status. Ja, die Spaziergänge werden ebenso wie manche anderen Dinge des täglichen Lebens bedächtiger. Aber der Wortwitz – diese blitzschnellen Punktlandungen, die gibt es wie eh und je.

Denke ich über Dich und uns nach, so gibt es einen Punkt, den ich erst heute ansatzweise in seiner Bedeutung verstehen kann. Mit 15 hat man Dich Deiner Jugend beraubt. Man ist dieser verschissene, schreckliche, überflüssige 2. Weltkrieg. Sie haben Dich mit 15 aus Deiner Schullaufbahn geholt, Dich des parallelen Studiums an der Wiener Musikhochschule beraubt, Dich in eine Uniform gesteckt, die Du nie tragen wolltest und Dich auf einen Flackturm in Wien gestellt mit der Aufgabe, andere Menschen vom Himmel zu holen, um wieder andere zu schützen. Sehe ich heute die 15jährigen Söhne meiner Freundinnen, so beginne ich das Ausmaß dieses Missbrauchs zu erahnen. Diese Zeit ist ohnehin vermutlich nie eine leichte – dafür sorgt schon das Hormonwirrwarr im Körper eines Teenagers. Aber sie sollte doch eigentlich eine der unbeschwertesten Phasen im Leben eines Menschen sein dürfen. Für Dich und Deine Gleichaltrigen war sie es nicht.

Vorgestern hast Du mir erstmals Dein Tagebuch aus dieser Zeit gezeigt. Dass es die Irrungen und Wirrnisse dieser Zeit inklusive der Gefangenschaft und der Heimreise überhaupt überlebt hatte, empfinde ich als kleines Wunder. Dein Eintrag vom Tag des Kriegsendes. „Wir haben es überlebt“, steht darin.
Du hast es überlebt, weil Du in eine Art inneres Asyl gegangen bist, das Dir die Welt bot, die eigentlich die Deine war: die klassische Musik (wie klassisch oder betitelt „entartet“ sie auch immer war) und die Literatur mit Werken von Stefan Zweig, Hermann Hesse, Seneca oder auch einfach  von Wilhelm Busch. Die Neugierde am Mikroskopieren, die durch Deinen Großvater geweckt wurde, ebenso wie das Interesse an Grafik und an der Architektur.

Was dann kam, war die Kombination von Talent mit Mut und Chancen. Junge Männer und Frauen, die für gute Unterhaltung brannten, bauten Radio München auf, den späteren Bayerischen Rundfunk. Sie produzierten Hörspiele aus klassischer Literatur wie Oscar Wildes „The Canterville Ghost“ und benötigten dafür auch die passende Musik. Dein Bruder Kurt erwähnte, Du könntest das ja machen – und das war der Beginn Deiner Karriere als Komponist.
Komponist. Ein Beruf, den ich wohl nie verstehen werde. Mein Kinderzimmer lag neben Deinem Arbeitszimmer und neben aller Latein- oder Mathepaukerei hörte ich tagtäglich Tonfetzen, die sich zunehmend zusammensetzten und an hörbarer Struktur gewannen, um schließlich als Filmmusik, Hörspiel, Bühnenmusik oder Werbespot erlebbar zu sein. Wie Du all diese Werke aus den paar zur Verfügung stehenden Tönen je geschaffen hast, wird mir für immer verborgen bleiben. Auf alle Fälle ziehe ich den Hut davor.  Auch davor, wie Du von einer Sekunde auf die nächste ein und dieselbe Melodie auf Bachoöse, Mozarteske oder eben auch Pop-artige Weise verwandeln konntest. Einfach so. Ohne langes Überlegen.

Ich habe Dich liebend erlebt, unendlich humorvoll, wohlbeoachtend,  behutsam, lehrend (der kleine Finger und die Gemälde sind legendär), offen für andere Lebenswelten, mutig (als Du 1972 einfach so unsere Ferienwohnung in Italien kauftest und eingerichtet hast, ohne die Sprache zu beherrschen – in einer Zeit, in der Italiener hierzulande noch wahlweise als „Gastarbeiter“ oder als „Katzlmacher“ bezeichnet wurden).
Ich habe Dich als besonnen wahrgenommen, wenn es angemessen war, als lebenslustigen Mann im Kreise Euer Freunde, trauernd um den viel zu frühen Tod des Nachbarfreundes, auch als Kämpfer gegen Steuerschubladensysteme oder die Unverfrorenheit des Nicht-Abrechnungsmodus von Premiere und ähnlichen Blödsinn des Lebens. Du hast mir Rat gegeben, wenn ich darum bat, Du warst da, wenn wir Dich brauchten, Du hast mich zur Musik geführt und mich gelehrt, Partituren zu lesen, hast mich zu den Schönheiten der bildenden Kunst gebracht und durch Italien in diesen frühen Jahren mir den hinderlichen Teil des Respekts und so die Angst vor Fremdsprachen genommen. Du hast die Zeit bei mir und uns ertragen, die man Dir genommen hatte: die unbeschwerten Teenager-Jahre, in denen es manchmal nur einer die Wand hochkrabbelnden Fliege bedarf, um eine halbe Stunde sinnlos zu kichern und in dem man meint, die Welt nicht nur erfunden zu haben, sondern sie auch erklären zu können. In 5 Minuten.

Gemeinsam mit meiner Mutter hast Du uns Werte vermittelt und Lebensleitplanken gezeigt, warst streng, wo es notwendig und gütig, wo es möglich war. Ich kann mich nicht eines Gesprächs entsinnen, das Du mir verweigert hättest. Und auch heute machst Du mir das Geschenk, Dich alles fragen zu können, was mir zu Dir und der Familie am Herzen liegt und Deine Gedanken und Gefühle mit mir zu teilen. Wir können gemeinsam weinen und lachen, streiten, uns einig sein und miteinander schweigen, uns Hilfe und Mut geben, über Musik und Kunst sprechen und sie gemeinsam erleben. Wir konnten über Deine Krankheiten und die damit verbundenen Ängste sprechen und auch über meine.

Als wesentliches Lebensmotto hast Du meinem Bruder und mir einen Satz von Martin Luther mitgegeben, der immer wieder seinen Wahrheitsgehalt unter Beweis stellt: „Aus einem verkrampften Hintern kann kein fröhlicher Furz kommen.“ Einprägsam. Und immer wieder für Erheiterung sorgend und auch helfend, wenn ich ihn kundtue.

Du hast eine unglaubliche Karriere gemacht und mit großartigen Regisseuren und Schauspielern, wunderbaren Ensembles und Solisten und vielen anderen Künstlern gearbeitet. Was ich hier an Dich besonders bewundere: Du hast Dich immer in den Dienst der Sache gestellt und Dich nie als Mister Wichtig dargestellt wie so manch einer in dem Umfeld. Du warst und bist eben in Deinem Beruf der Mann der richtigen Töne – und als Mensch ein Mann der leisen Töne.

Und nun feiern wir also Deinen 85. Geburtstag.

Ich bin dankbar dafür.
Sehr dankbar.

Alles alles Gute zum Geburtstag, lieber Papi!

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Mein geliebter und so sehr vermisster Vater,

vor einem Jahr hatte ich diese Zeilen geschrieben und nicht veröffentlicht.
Nun sind sie zu einer Art Nachruf geworden, denn am 17. Januar 2013 hast Du Dein irdisches Leben vollendet.
Wir als Deine Familie haben in den Tagen und Wochen danach erfahren dürfen, dass Du sehr vielen Menschen auf unterschiedliche Weise etwas bedeutet hast, nah warst und in Erinnerung bleiben wirst. Natürlich hilft das ein bisschen in dieser Zeit nach Dir – danke also dafür! Die Briefe, Telefonate und Gespräche hätten nicht diese Wärme spenden können, hättest Du sie nicht all diesen Mitfühlenden auf Deine Weise selbst vermittelt.
Bei der Sichtung Deines umfangreichen beruflichen Werks, das demnächst wie vereinbart Einzug ins Deutsche Komponistenarchiv in Dresden halten wird, stolpere ich immer wieder über neue musikalische Gedanken, Skizzen und scheinbar unvollendete oder zumindest unveröffentlichte Werke. Ich finde Deine Noten-Notizbüchlein, die jederzeit griffbereit auf den diversen Tischen des Hauses neuer Noten-Notierungen harrten. Wieder und wieder bin ich beeindruckt von der Bandbreite Deines Schaffens. Und stoße dabei auf den Ausgangspunkt dieses Beitrags: ich werde Deinen Beruf nie verstehen. Zum Glück muss ich das auch nicht, sondern kann mich vielmehr erfreuen an all dem, was bleibt. Auch, wenn es im Moment noch sehr weh tut.

Ich danke Dir für alles, was Du mir gegeben hast: Liebe, Glück, Nähe, Neugierde, Freude, Wissen, Geborgenheit, Reibungsfläche, Vertrauen, Wurzeln. Danke für all die Gespräche, die wir führen konnten – gerade auch die der letzten gemeinsamen Zeit, die oft wirklichen Mut erforderten.
All die Tränen – ob sich schon ihren Weg bahnten oder noch tief in mir  ihrer Freisetzung harren – erinnern mich immer wieder an die Tiefe unserer Verbundenheit und so tun sie trotz allen Schmerzes einfach auch gut.

Heute, am 23. Juni 2013, feiern wir Deinen 86. Geburtstag.
Wir feiern Dein Leben, Dein Wirken, Dein Sein.
Alles Allerbeste von Deiner Tochter.
Für immer!

RW_Wald

1 Kommentar

  1. Sei Göttlich sagt

    Bewegend, rührend, tränenreich, schmunzelnd, gebannt, erleichtert, dankbar, verschnieft, krächzend, verstört, verwirrt… und neben all dem wird die große Liebe von dir hier sichtbar, die einfach da ist, egal wie die Umstände sind, wohin sie sich entwickeln und welch neue Kraft aus ihr entspringt. Das Geschenk, es bleibt dir, wie auch die Erinnerung, die Dankbarkeit und die„ wunderschönen Worte, die du sagen kannst: „ja, das ist mein Vater“.

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