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Komponist. Ein Beruf, den ich wohl nie verstehen werde.

Mein viellieber Vater, heute wirst Du 85 Jahre alt. 85 Jahre, von denen ich 49 mit Dir teile. Irgendwie ging ich als Jugendliche und junge Erwachsene nie davon aus, denn Du sprachst in unserer Kindheit und Jugend immer wieder vom frühen Tod Deiner Eltern, die wir leider nie kennenlernen durften. Wir waren Halbwaisen großelterlicherseits, sozusagen. Sie waren zwei Schwarz-Weiß-Fotos auf Deinem Flügel, die den lebenden anderen Großeltern lange Zeit nur sehr wenig entgegen zu setzen hatten. Bis wir anfingen, über sie zu sprechen. 85 war damals auch für Dich eine unvorstellbare Zahl. Und wenn ich Dich heute erlebe, so zweifle ich selbst manchmal an der Wahrhaftigkeit dieses Alters-Status. Ja, die Spaziergänge werden ebenso wie manche anderen Dinge des täglichen Lebens bedächtiger. Aber der Wortwitz – diese blitzschnellen Punktlandungen, die gibt es wie eh und je. Denke ich über Dich und uns nach, so gibt es einen Punkt, den ich erst heute ansatzweise in seiner Bedeutung verstehen kann. Mit 15 hat man Dich Deiner Jugend beraubt. Man ist dieser verschissene, schreckliche, überflüssige 2. Weltkrieg. Sie haben …

Wenn Leitung fehlt, kann Leid rasch folgen.

Am vergangenen Samstag Abend saß ich Abo-bekartet wieder einmal im Münchner Gasteig. Auf dem Programm standen ein zeitgenössisches Kurzwerk eines ungarischen Komponisten, ein Klavierkonzert von Beethoven sowie eine Symphonie von Antonín Dvořák. Natürlich ging es mir in erster Linie um einen genussvollen musikalischen Abend in angenehmer Begleitung – nur diesmal kam ein lehrreicher Nebeneffekt hinzu. Nach der Pause. Da stand Dvořáks Symphonie an. Ein schönes und für diesen Komponisten typisches Werk. Nicht wirklich atemberaubend, aber immerhin Wiederhörensfreude auslösend. Dachte ich. Bisher. Und musste erstaunt feststellen, das es diesmal recht anstrengend wurde. Denn der Dirigent führte nun durch, was offensichtlich seine große Passion ist: einen überaus blumigen Dirigier-Stil. So tänzelte und schwang er sich mehr oder minder anmutig von Note zu Note zu Note zu Note. Und Dvořák sparte in seinem Opus weder an Noten noch an musikalischen Motiven noch an der Besetzung oder gar an Tempi. Im Gegenteil: es lebt, es bebt, es quirlt sich durch das Orchester. Bunt und facettenreich. Und so tanzte und tanzte und tanzte der Dirigent und schwang Hüften und Arme und Beine …

Also sprach Zarathustra. Und casowi weinte.

Es war einer dieser Konzertabende, die die Seele ganz tief berühren. Das erste Abo-Konzert der Saison 2012/13 bei den Münchner Philharmonikern. Meine vierzigste Abo-Saison bei diesem Orchester, by the way. Und sie hätte nicht schöner eröffnet werden können. Lorin Maazel ist nun also Chefdirigent der Philharmoniker. Nach Thielemann – dessen fatzkehafte Eitelkeit ich nicht mochte. Nach Levine – der mich enttäuschte, weil er signalisierte, just another orchestra-job zu machen. Nach Celibidache – den ich verehrte, weil ich von ihm so unendlich viel über Musik lernte. Nach Kempe – dessen an Gerard Hoffnung erinnernde Faschingskonzerte mir damaligen Teenie am besten in Erinnerung blieben. Nun also Lorin Maazel. Der schon das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geleitet und vor 10 Jahren verlassen hatte. Er war schon öfter als Gast am Pult der Philis gestanden. Und ich erinnere mich an wunderbare Proben mit reinem Tschaikowski-Programm im Steinernen Saal des Schlosses Nymphenburg. Romeo und Julia. Und die Pathetique. Vielleicht noch die 1812er-Overtüre? Könnte sein. Die Proben zu den beiden anderen Stücken dauerten zwei volle Tage – und füllten meine musikhungrige …