Bio, Food, genuss, Wein
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In vino complexitas. Und der Schlaf im Salz.

Ich hatte das große Vergnügen, an der Verkostung der Best of Bio – Wine 2016 unter dem Motto „Wein und Salz“ teilnehmen zu dürfen. Dabei gingen 420 Weine aus sieben Ländern (Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und Südafrika) ins Rennen um die beliebtesten Bio-Weine und stellten sich dem Urteil der 22-köpfigen Jury.
Best of Bio 2016 ©casowi

„Wir sind Bio, wir sind Salz“, titelt die Hauszeitschrift unseres Gastgebers Bayerischer Wirt in Augsburg, der sich den Standards und Werten der Bio Hotels angeschlossen hat. Schnell wird klar: Die Eignerfamilie lebt ihr Motto. In jedem Raum begegneten wir Gegenständen aus Himalaya-Salz, seien es Vasen oder andere Dekorationsgegenstände, kleine Salzfäßchen zum Selberschaben an den Tischen, Lampen, mit Salzkacheln verkleidete Säulen oder Fensterbretter. Und doch: Nichts ist es irgendwie aufdringlich, vielmehr fällt es an manchen Ecken erst auf den dritten oder vierten Blick auf.

Salzschlaf ist aufregend – und entspannend

Wirklich einzigartige Nächte verspricht das Salzzimmer, in das ganze sechs Tonnen (!) Salz verbaut wurden. Ein bisschen skeptisch waren wir beim Betreten des Zimmers schon – immerhin ist es im Keller gelegen und verfügt auch nur über zwei kleine Fenster und somit wenig Tageslicht. Die Kristalle sind verhältnismäßig groß, die Fugen zwischen ihnen haben die Konsistenz von Speisesalz. Sehr ungewöhnlich ist das.

Salzzimmer Bayerischer Wirt Augsburg casowi_cr

Ein erster und noch etwas verunsicherter Blick auf die Schlafstatt. Sechs Tonnen Salz beeindrucken ziemlich. ©casowi

Salz und Holz. Und ein bisschen Baumwolle. Mehr braucht man nicht für besten Schlaf. ©casowi

Salz und Holz. Und ein bisschen Baumwolle. Mehr braucht man nicht für besten Schlaf. ©casowi

Die Leuchten sind in Salzkacheln eingelassen. ©casowi

Die Leuchten sind in Salzkacheln eingelassen. ©casowi

Schon beim Zubettgehen merkten wir, wie angenehm das Mikroklima ist – die Bronchien und der Kehlkopf öffneten sich, irgendwie fühlte es sich wohlig an, wir wurden ruhiger und schlummerten bald ein. Und ein kleines Wunder passierte: Die vergangenen Wochen waren bei uns beiden geprägt von großem Arbeitsdruck, dadurch leichter Überspannung, unruhigem Schlaf und verfrühtem Aufwachen. Hier im Salz hingegen schliefen wir selig – und durch! Gute Träume (ich kann mich selten an meine Träume erinnern – in diesem Zimmer blieben sie präsent). Und dann dieses Kribbeln auf der Haut! Unbeschreiblich: sie fasste sich weich an wie der vielzitierte Babypopo (nach wenigen Stunden im Salzzimmer!) – und sie prickelte ganz wundersam. Auch das trug dazu bei, dass wir uns frisch und erholt fühlten. Zu schade eigentlich, dass wir keine Möglichkeit hatten, unseren Sonderzugang zur Wellness-Area zu nutzen. Die Weinverkostung entschädigte allerdings bestens dafür.

Abendblick ©casowi

Abendblick ©casowi

Morgenblick. ©casowi

Morgenblick. ©casowi

Kling-klang-klong in der Salzgrotte

Unsere Co-Verkoster/-innen konnten den Entspannungseffekt ebenfalls wahrnehmen, als wir am ersten Abend ein einstündiges Klangschalen-Erlebnis in der Salzgrotte (dort haben 25 Tonnen Himalaya-Salz ihre zweite Heimat gefunden) genießen durften. Anfangs fiel es mir schwer, mich auf die Klänge einzulassen, dann kam die Ruhe, die nur durch gelegentliches Extrem-Atmen oder Anschnarchen mancher Mit-Wein-Aficionados durchbrochen wird. Noch Fragen zur Entspannung? Es gibt wohl eine kleine Faustregel: jede Viertelstunde im Salz entspricht einem Tag Urlaub am Meer. Und ja – das hat schon was (bis auf sandumspielte Zehen). Ob gesund, angeschlagen oder krank: Der Aufenthalt in den Salzräumen eignet sich offenbar für Menschen jeden Alters und jeglicher gesundheitlicher Konstitution. Das Hotel hat eine Liste von körperlichen Beschwerden veröffentlicht, die so Linderung oder sogar Heilung erfahren können. Nach unserer Zwei-Nächte-Erfahrung kann ich zu manchem davon kräftig und fröhlich nicken.

Auf Salzliegen liegen ... ©casowi

Auf Salzliegen liegen … ©casowi

... und auf Salzliegen blicken. ©casowi

… und auf Salzliegen blicken. ©casowi

Den Tönen der Klangschalen lauschen ... ©casowi

Den Tönen der Klangschalen lauschen … ©casowi

Was ist nun eigentlich „bio“ an jahrtausendealtem Salz aus einer Mine in Pakistan? Es gibt diese hinreißend dämlich anmutenden Speisesalz-Verpackungen im Lebensmitteleinzelhandel, auf denen neben dem Schriftzug „10.000 Jahre altes Salz aus dem Himalaya“ auch ein „Haltbar bis Okt. 2017“ angebracht ist. Lebensmittelrechtliche Vorschriften. Nicht immer muss man Gesetze verstehen. Inhaber-Junior Rick Friedl erklärte mir, dass für ihn als Einkäufer in diesem Fall insbesondere wichtig sei, dass es fair entlohnte Arbeiter sind, die in den Minen das Salz abbauen – und keine Kinder. Denn Kinderarbeit ist leider ein großes Thema in diesen Regionen.
Familie Friedl – selbst auch landwirtschaftserfahren – achtet übrigens seit 20 Jahren auf die Bio-Qualität der angebotenen Weine und verwendeten Lebensmittel.

In vino veritas – in wine tasting hard work!

Jetzt aber entspannt und zugleich auch gespannt zu Best of Bio (BoB) – Wine 2016! Bei diesem Wettbewerb setzen die teilnehmenden Winzer ihre Bio-zertifizierten Weine in einer sogenannten Blindverkostung dem Urteil der Jury aus . Das bedeutet, dass jede Flasche verhüllt (in unserem Fall mit bunten Stoffsackerln, die das BoB-Team handgefertigt hat) und somit unkenntlich gemacht wird. Oben am Flaschenhals klebt lediglich ein kleines Etikett mit einer neutralen Kennzeichnung wie „JJ 7“ oder „PP 3“ – damit die Verkostungsergebnisse der Jury später wieder den Weinen zugeordnet werden können. Es gab mehrere Tische für die bunt zusammengestellten Verkostungsteams – die Basisausstattung darauf bestand aus drei Weingläsern, einem Wasserglas, einem Korb voll Baguette (Wasser und Brot dienen dem Neutralisieren des Mundes nach einer Reihe von verkosteten Weinen) und einem kleinen Spucknapf für jeden Verkoster, in den man den Mundinhalt diskret entleert. Dass der Alkohol sich auch durch die Mundschleimhaut seinen Weg in den Körper sucht, merkt man rasch – Autofahren wäre also ein No-Go an solchen Tagen (zumindest für mich).

Alles, was der Weinverkoster benötigt. ©casowi

Alles, was der Weinverkoster benötigt. ©casowi

Die eingereichten Weine waren vorab vom BoB-Verkostungsleiter, Diplom-Sommelier Jürgen Schmücking, in Einheiten (sogenannte Flights) eingeteilt worden, nach Kategorien wie „Rieslinge“, „Silvaner“ oder auch „Rebsorten aus Italien“. Je nach Anzahl der Bewerberweine waren die Flights unterschiedlich groß und so standen mal nur fünf, mal aber auch mehr als zehn Flaschen im Kampf um die Gunst der Jury. Jedes Mitglied testete zunächst die ersten drei Weine für sich selbst und machte sich Notizen zu Farbe, Geruch und Geschmack des Weines. Dann tauschten wir uns zu unseren Ergebnissen aus und einigten uns mehr oder minder schnell auf einen Favoriten, bevor wieder jeder für sich die nächsten drei Weine verkostete. Die Favoriten werden abschließend nochmals einander gegenüber gestellt – bei Übereinstimmung auf einen „Gewinner“ wurde schließlich das Urteil der Jury an den Schriftleiter übermittelt.
Klingt einfach und toll? Ist es auch. Wäre es nicht so, dass ganz schnell – wie ja so gerne im Leben – wieder mal Verstand und Gefühl in Konkurrenz treten wollten.

Blindverkostung mit Jürgen Schmücking (Variante). ©casowi

Blindverkostung mit Jürgen Schmücking (Variante). ©casowi

Best of Wine ist so konzipiert, dass interessierte Weingenießer, passionierte Weinliebhaber und Laien miteinander verkosten und bewerten. Und diese sind nun mal keine Wein-Fachleute und wissen somit meist nicht für jede Rebsorte, welche Aromen sie zu erwarten haben. Nun war ich Anfang der 2000er Jahre einige Jahre Pressereferentin des führenden deutschsprachigen Weinbuchverlags Hallwag und kam so in den Genuss, gelegentlich an hochkarätigen Weinverkostungen teilnehmen zu dürfen, die von den Top-Autoren der internationalen Weinwelt durchgeführt wurden. Und so bemühten sich nun viele meiner grauen Zellen, das zum Teil doch sehr verschütt gegangene Rebsorten-Aromenwissen aus dem Keller zu holen. Was nach kurzer Zeit dabei herauskam, war pure Verwirrung. Und Leistungsdruck. Gerade beim Flight „Italienische Sorten“. Dabei fühle ich mich durch drei Jahre PR für italienische Weinanbaugebiete und Winzer doch recht fit in dem Thema. Aber nix da: Gib mir zwölf Weißweine ohne jegliche Info auf der Flasche aus ganz Italien und schon weiß ich nichts mehr, sondern glaube nur zu ahnen. Saublöd fühlte sich das an. Und dieser fiese kleine innere Streber plagte mich: „Du musst das doch noch wissen – das kann doch nicht sein, dass Du das vergessen hat“! Er befeuerte mich regelrecht, gefolgt von minikleinen Momenten nachlassender Konzentrationsfähigkeit. Und plötzlich waren da drei Weine, die identisch zu sein schienen! Ein Ding der Unmöglichkeit. „Du versagst! Du kannst das nicht!“, rumpelstilzte der kleine Streber. Da erwachte zum Glück meine innere Chillerin und meinte: „Lass Dein Wissen, wo immer es ist. Trau Deiner Nase und Deinem Gaumen und geh einfach auf die Suche nach den Aromen, die sich Dir zeigen. Ganz easy.“

Bottles in bunt. ©casowi

Bottles in bunt. ©casowi

So schnüffelte ich mich in und durch die Gläser und schwubbelte Weine an und über Zunge und Gaumen. Und wenn ich eben mal Pferdeäpfel statt Mango, Honig, Kräuter, Heu oder Lychee als Geruchsnote wahrnahm, dann notierte ich das und diskutierte es anschließend mit meinen Mitverkosterinnen. So unterschiedlich wir auch manchmal die Weine empfanden – meist waren wir uns rasch hinsichtlich unserer Favoriten einig.
Eine schöne und zugleich sehr verantwortungsvolle Aufgabe war das – dessen waren wir uns wohl alle immer bewusst. Denn schließlich kann die Liste der prämierten Weine sowohl Restaurantinhabern als auch deren Gästen als Entscheidungsbasis für die und auf der Weinkarte dienen. Da sollten unsere Empfehlungen schon Hand und Fuß haben.

Kulinarische Ausgleichsmomente

Mittags und abends wurden unsere Zungen kreativ, dem Sommerwetter angemessen leicht und köstlichst vom Küchenteam des Bayerischen Wirts verwöhnt. Ein Hochgenuss. Immer.

Kohlrabi-Carpaccio mit einer Marinade aus weißem Balsamico, Chilli und Schokolade. ©casowi

Kohlrabi-Carpaccio mit einer Marinade aus weißem Balsamico, Chilli und Schokolade. ©casowi

Zwiebelkuchen mit Schmand. ©casowi

Zwiebelkuchen mit Schmand. ©casowi

Hausgebeizter Lachs ©casowi

Hausgebeizter Lachs ©casowi

Aronia-Parfait mit Brownie. ©casowi

Aronia-Parfait mit Brownie. ©casowi

Eines war und ist zu jedem Zeitpunkt klar: Alle Winzer, die Flaschen eingereicht hatten, haben vorher große Portionen Liebe, Leidenschaft, Gehirnschmalz, Zeit, Geld und körperliche Arbeit in ihre Weine gesteckt. Jeder hat seinen Ansatz und seine Philosophie, sein Produkt zu kreiieren – es steht uns also nicht zu, zu bewerten, ob ein Wein per se „gut“ oder „schlecht ist“. Das einzige, was wir beurteilen können, ist, ob ein Wein handwerklich sauber schmeckt (für das „ist“ sind Labore zuständig). Und vor allem: ob er uns erfreut, uns eher kalt lässt oder uns sogar umfassend begeistert, weil er seine volle Strahlkraft entfaltet und zeigt.
Wir als Verkostungsteam haben unser Bestes gegeben, um die Begeisterungsweine 2016 zusammen zustellen. Wieviele und welche der eingereichten Weine es geworden sind, erfahrt Ihr in etwa zwei Wochen bei Best of Bio.

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Ich bedanke mich bei Best of Bio für die Möglichkeit zur Teilnahme und beim Hotel Bayerischer Wirt in Augsburg für die sehr liebevolle Aufnahme in ihrem überaus gastlichen und persönlichen Haus.

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