(un)sinniges, Coaching, genuss, Innenreise
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Luxus ist nur ein Chamäleon.

Oh, wie waren sie wichtig, diese kleinen und großen Belohnungen für stressige Arbeitstage! Seelentröster, Eigenbelobiger, Fluchtkäufe.
Einige waren verbunden mit längeren Brauch-ich-das-wirklich-Überlegungen, andere klare Das-hab-ich-mir-verdient-und-gönns-mir-jetzt-einfach-Spontankäufe. Klassisch reduzierte Das-krieg-ich-nie-wieder-für-das-Geld-Schnäppchen hielten ebenso triumphalen Einzug in die heimischen Wände wie Seelenkitsch-initiierte-(Kurz-)Urlaubsmitbringsel, die das dem-Alltag-Fernsein möglichst dauerhaft verlängern sollten.
Vor dem Urlaub noch schnell das Wochenende mit dem Gschpusi in einer Romantikmetropole. Oder überhaupt einfach mal ein paar Tage in einer anderen Stadt. Nach langem Drumrumgeschleiche und mit einer Mischung aus Schlechtgewissen und Besitzerinnenstolz musste es dann auch irgendwann die Tasche aus bedrucktem Segeltuch sein, deren Monogramm auch für „Lebensverarsche“ stehen könnte. Immer wieder diese „Ich muss mir jetzt was Gutes tun“-Sätze – als Rechtfertigung für den Moment des Luxusgut-Erwerbs. Die doch letztlich nichts als mir selbst gegenüber unehrliches Kompensationsgehabe waren. Natürlich verdiente ich sehr gut in meinem Stabsstellenjob im Großkonzern. Aber es war ein Knochenjob, bei dem wirklich jedes Wort – intern wie extern – auf die Goldwaage zu legen war. Neben Dauerbeschuss mit „Wir müssen mal“-(also: „mach mal“-)Mails und unendlich vielen Themen auf dem Tisch kosteten mich vor allem das Wissen um zahlreiche „Geheimnisse“ viel Energie – waren sie nun kollegialen oder firmenthematischen Ursprungs. Es brauchte seine Zeit, bis ich mir wirklich eingestehen konnte und musste, dass dieser Weg zwar durchaus beschreitbar war – aber keineswegs mehr meinem Weg entsprach. Ich benötigte eine ordentliche Portion Mut und wohl auch einen kleinen Schuss Verzweiflung, um etwas zu ändern. Und ich arbeitete kontinuierlich am Wachstum der inneren Überzeugung des Eigenwerts, der mir die Kraft für den Schritt aus dem Bekannten ins Neue gab. „Entwicklung passiert außerhalb der Komfortzone“ – klar: ein wichtiger Satz. Auch in meiner Ausbildung zum Coach. Klingt so einfach. Fällt dennoch schwer. Ist aber schaffbar – das weiß ich heute. Auch wenn ich mich immer noch nicht bei hundert Prozent auf meiner Entwicklungsskala („von null bis hundert“ – ebenfalls ein beliebter, weil verdeutlichender Coaching-Satz). Das ist die eine Form von Luxus, die ich mir heute gönne: ich muss keineswegs mehr innerhalb kürzester Zeit auf oder sogar über hundert Prozent sein. Heute ist mir vielmehr wichtig, dass ich mich auf dem aktuellen Level wohl fühle.

Und siehe da: Einige Unsicherheitseinkommensmonate in wieder gewonnener Selbstständigkeit später hat das Thema Luxus auch auf andere Weise seine Bedeutung für mich komplett gewandelt. Es müssen nicht mehr die klassischen Statussymbolchen sein, die meinen Serotoninspiegel auf Vordermann bringen. Es sind vielmehr einfache Erkenntnisse und scheinbar unwichtige Dinge des Lebens, die mich heute glücklich machen. Ich muss keine Worte mehr auf die Goldwaage legen. Ich kann es, wenn ich es möchte – aber ich muss es nicht.
Ich gönne mir den Luxus, meine Zeit selbst einzuteilen – auch bei drittbestimmten Terminen.
Ich benötige die hübschen Schrank- und Regalfüller nicht mehr – im Gegenteil: ich trenne mich davon. Ich verschenke und entsorge – und manches verkaufe ich auch.

In den vergangenen Monaten haben andere Glücklichmacher wieder Einzug in mein Leben gehalten.
Es sind aufrichtige Dankesworte, die ich nicht länger überhöre, sondern so auch wirklich annehmen kann, wenn mein Wirken hilf- und erfolgreich war.
Und es ist auch die Belohnung für die Fürsorge und Aufmerksamkeit, die ich seit Ende Mai den Pflanzen im Garten zukommen ließ. Es sind selbst gezogene Kartoffeln, Tomaten und Paprika (allesamt „bio“ in Ursprung und Pflege), die ich vor jedem drohenden Starkregen oder Hagelkörnchen bewahrt habe. Es sind die Aromen der kräftig gewachsenen Kräuter. Es sind die unzähligen Blüten der Hortensie, die in diesem Jahr erst so spät ihre Wachskraft zeigen konnte. Es sind die Sonnenblumen, die der Erstneffe aus Kernen selbst zog und die als Kleinpflanzen die nächtlichen Schneckenattacken überlebten.

Und es ist jeden Tag wieder Demut und Dankbarkeit für den nicht zu übertreffenden Genuss der schönsten Dusche der Welt. Ein gänzlich design-unawardeter und spezialeffektfreier Banalobrausekopf im Garten, der mich bei allen Himmelszuständen,  Temperaturen und zu jeder Uhrzeit unter freiem Himmel benäßt und mich nackert und unbekachelt die Freiheit des Sommers spüren lässt.
Das ist Luxus.
Ich fühle mich sehr wohl in der Wandlung dieses Begriffs für mich.
Entspannter als früher.
Wahrhaftiger, weil ungekünstelt.
Endlich wieder eigenbestimmt.
Das Chamäleon Luxus kann sehr gerne noch lange Zeit in diesen Farbnuancen verharren…

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