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Demut. Der erste Tag.

Ich lese viel Gemeckere, Genörgle und sogar etwas Gezicke in meiner Twitter-Timeline. Nehme Wünsche wahr, die in ihren Ursprüngen sicherlich alle ihre Berechtigung haben.

Und merke, wie leise meine wahren Wünsche geworden sind. Es muss für mich nicht das rauschende Silvesterfest, der perfekte Job, die Fähigkeit zu komponieren, die wunderbarste Handtasche der Welt, das neueste Technikgadget oder anderes sein. Ich wäre im Moment einfach glücklich, das Vertrauen in meinen linken Fuß wieder zu erlangen, laufen zu können, ohne fiese Schmerzen zu ertragen und somit jeden Schritt mit äußerstem Bedacht setzen zu müssen.

Als ich neulich Meryl Streep in Mammamia auf dem Bett springen sah, schossen mir Tränen in die Augen. Was für ein Luxus! Einfach hüpfen – weil man es kann!
Wie lange wird das dauern, bis ich das wieder können werde? Und wie viel Zeit wird vergehen, bis ich völlig unbeschwert hüpfen, springen, laufen werde! Irgendwann wird es soweit sein – das weiß ich. Diese Zuversicht trägt mich im Moment. Denn jetzt geht seit 11 Tagen gar nichts bzw. nur ein Minimum. Und die Aussicht auf mindestens weitere 23 vom Arzt verordnete Ruhetage ist nicht wirklich erquicklich. Die Ratio nennt zwar alle wunderbaren Pro-Argumente – die Emotio jedoch weint, schreit, trommelt mit den Fäusten, wütet, rumpelstilzt sich durch die Tage und Nächte.

Heute aber ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Heute ist der erste Tag, an dem ich es immerhin mal genießen konnte, ausschlafen zu können. Es war das erste Frühstück, dessen Länge ich als solche wahrnahm. Das erste gemeinsame Frühstück, dessen Gespräche ich wirklich genießen konnte. Weil sie nicht geprägt sind von der Hektik einer Bürouhr. Weil es Raum bot für ein kleines bisschen mehr an Austausch mit Menschen, deren Gedanken mir wichtig sind.

Vermutlich lerne ich doch langsam, diese Wochen des äußeren Stillstands anzunehmen und mich auf innere Wahrnehmungen stärker einzulassen. Ihnen den Raum zu geben, den auch sie benötigen. Und ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Ich merke, wie das Gefühl ganz bewusst erlebter Demut sich in mein Innerstes wieder einnistet. Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr verspürte – und eigentlich auch nur dann bewusst wurde, wenn mir nach 32.871 normalen und verhunzten ein einziges Mal auch der perfekte Golfschwung gelang. Das sind Momente, in denen man die wahre Größe des ganz Kleinen in sich venimmt. Wunderschön. Weil man weiß, dass es Demut ist, die man empfindet.

Jetzt ist’s eine andere Form von Demut, die sich ihren Weg in mir sucht. Deren erste leise Äußerungen ich wahrnehme.
Und darin erkenne ich nun auch ansatzweise die Chance, die sich mir durch diesen Blödsekundenunfall bietet.

Staade Zeit. Plötzlich da.

Ein Rutsch, ein Sturz, anhaltender Schmerz, ein Arztbesuch und eine Diagnose.

Bänderriss.
Ob nun einfach oder zweifach spielt letztlich auch keine Rolle mehr.

Denn nun ist sie plötzlich zwangsweise da: die immer so genannte und bisher nie so erfahrene staade Zeit.

Sofort fallen mir 1000 Gründe ein, warum sie überflüssig ist. Richtig überflüssig! Noch nicht ein Geschenk ist verpackt, nicht eine Karte geschrieben, alle Utensilien sind wunderbar über zwei Wohnsitze verteilt, im Job passt Krankheit ohnehin nie wirklich ins Konzept, die Tollwood- und Christkindlmarktbesuche wollten diese Woche endlich zelebriert werden, Freunde wollte ich besuchen und bescheren, der most herzenswärmende Vorweihnachtsbesuch aller Vorweihnachtsbesuche erhöhte meine Vorfreude auf innere Wärme und Wohlgefühl par excellance, der heimische Kühlschrank ist leer, da wurden noch drei Päckchen für die Heimadresse angekündigt, die feiertäglich nun das Postamt belagern werden,  ich wollte doch noch, ich sollte doch noch, ich muss doch noch…

Ich kann aber nicht. Weil ich nicht darf. Und nicht kann.
Haxen in die Höhe, Schiene tags wie nachts tragen, nur die wichtigsten Schritte laufen, nicht autofahren, nicht arbeiten.

Ruhe geben.
Ruhe geben?
Ruhe geben.
Zur Ruhe kommen.

Nun muss es sein. Ich komme der Ruhe nicht mehr aus. Sie hat mich eingeholt, ich bin nicht zu ihr gekommen.

Gut. Sei’s drum.
All die Bücher lesen, die ich lesen wollte in diesem Jahr.
All die DVDs anschauen, die noch jungfräulich in ihren Zellophanhüllen um Betrachtung heischen.
Gespräche führen, zu denen sonst die Muße gefehlt hätte.
Vielmehr: Gespräche führen, für die ich mir die Muße sonst nicht genommen hätte.

Gedanken schneien lassen.
Gefühlen lauschen.
Den Blick schweifen lassen über’s vergehende Jahr.
Und auf die Felder von morgen einen hoffnungsfrohen Ausblick wagen.

Zur Ruhe kommen.
Der Staadheit der Zeit lauschen.
Einkehren bei mir.