Food, genuss, Kunst, Natur, reise, Wein
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In der Kargheit liegt Bereicherung.

Ich hatte unmittelbar vor Weihnachten eine Woche Zeit und wollte Wärme und Ruhe, um Erholung und Klarheit zu finden. Und deshalb wählte ich Lanzarote. Die nördlichste der kanarischen Inseln ist in etwa vier Stunden von München aus erreichbar, die Tagestemperaturen betragen im Dezember um die 20 Grad und zudem scheint die Sonne nicht nur verlässlicher, sondern aufgrund der Lage auch einige Stunden länger als in Grauwinterdeutschland. Die Insel ist karg, denn es gibt kein Grundwasser. Pflanzen wachsen nur durch Bewässerung oder durch den spärlichen Tau, der durch Lapilli, etwa daumennagelgroße Lava-Steinchen, aufgefangen und an die Wurzeln weitergeleitet wird. Immerhin sind so Landwirtschaft und sogar Weinbau möglich. Tomaten oder auch Rebstöcke werden jedoch aufgrund des starken Windes nicht nach oben gezogen, sondern wachsen liegend in kleinen, mauergeschützten Kuhlen. Im 18. Jahrhundert gab es katastrophale Vulkanausbrüche, die noch heute weite Teile der Insel charakterisieren. So dominieren Schwarz, Grau und Braun neben den Meeresblauschattierungen die Farbwelt der Insel. Und weiß mit etwas grün − so zeigen sich nahezu alle Häuser der Insel. Wenigen Stunden nach der Ankunft beginnt mein Gehirn, den Reichtum des Farbspiels in diesen Erdtönen zu entdecken. Und in genau diese scheinbare Farben-Tristesse liebe ich so sehr, dass es mich alle paar Jahre wieder auf die Insel zieht. Der Prozess ist immer derselbe: die Augen und das Gehirn erholen sich zunächst von der heimischen vorweihnachtlichen Glitzerschrillität, um dann in den Erdtönen unendliche Nuancen erkennen zu könne. Mir tut das unendlich gut. Malpais

Mailpais Lanzarote

Malpais mit Palmen Lanzarote Diesmal bewohnte ich ein Apartment auf einer Bio-Finca, die wenige Gästehäuser auf 3,5 ha Land beherbergt und neben viel Ruhe auch einen wunderschönen Blick auf das Meer − bei klaren Sichtverhältnissen bis auf die Nachbarinsel Fuerteventura − bietet. Kein WLAN, kein TV, dafür ein bequemer Stuhl zum Lesen und jede Menge Blick. Macher

Fincablick 2

Finca Blick

Rosmarin

Es gibt viele unterschiedliche Strände auf der Insel, einige davon gleichen leider wie die dazugehörenden Orte eher Ferienvollzugsanstalten statt Oasen der Erholung. Meine drei Favoriten sind die Playa del los Pocillos an Anfang des übertouristisierten Puerto del Carmen, die beiden Strände von El Golfo an der Westküste und das Surferparadies Famara mit den schroff abfallenden Felsformationen. El Golfo bezaubert nicht nur als kleines Fischereidorf mit mittlerweile zahlreichen Restaurants, sondern lockt viele Leute vor allem wegen des in der Nachbarbucht gelegenen Grünen Sees mit den futuristisch anmutenden Vielfarb-Felsen und besonders malerischer Sonnenuntergänge an. Das Meer spült hier am Stand übrigens viel Olivin (ein kleiner hellgrüner Halbedelstein) an, der gerne von den Spaziergängern gesammelt wird. Fisch kommt in El Golfo wirklich frisch auf den Tisch − mein Favorit ist das Bogavante in der Avenida Maritima 39 mit den traditionellen grünen Holztischen des Vorbesitzers Placido, der ein paar Meter weiter gezogen ist und seine Schlichtheit leider gegen Kellner-Blasiertheit eintauschte. Wie fast überall auf der Insel wird der Fisch natürlich auch hier mit kleinen Schrumpelkartoffeln (Papas Arrugadas) und grüner wie roter Mojo (Sauce) serviert. Dazu Meerblick, Wellengeräusche und Möwengeschrei…

El Golfo Grünsee

El Golfo Sunset

Mojos ElGolfo

Bogavante El Golfo

In der Hochsaison mag die Playa del los Pocillos aufgrund der Kapazitäten der umliegenden Hotels recht voll sein − im Dezember ist sie herrlich leer. Am Abend der Wintersonnenwende wurde mein Abendspaziergang dort mit einem der unglaublichsten Sonnenuntergang-Farbexplosionen aller Zeiten belohnt. Playa Pocillos

Playa Pocillos Sunset

Die Playa Quemada liegt nur wenige Kilometer westlich von Puerto del Carmen und bietet alles, was das Wort Beschaulichkeit offeriert. Blicke auf die Nachbarbuchten, Fischerhäuschen, aquarellierende Langjahresurlauber und abendlich angelnde Väter mit ihren Kindern. PlayaQuemada

PlayaQuemada2

Playa Quemada Boot

Mein Alltime-Favorit ist die lange Playa de Famara. Hier durchlüftet der Wind Hirn und Seele beim Spaziergang über Sandstrand und Steinabschnitte. Dazu kann man Surfer unterschiedlicher Erfahrungsstufen beobachten, was auch eine meditative Komponente beinhaltet. Und bei Ebbe sieht man die Spitze eines vor Jahrzehnten auf Grund gelaufenen Schiffwracks. Nur vor dem Baden wird aufgrund der starken Strömung gewarnt. Den Ort Caleta de Famara − mittlerweile führt eine Asphaltstraße hin und er ist ein wenig Surfershop-überladen − mag ich sehr. Bis auf die Hauptstraßen gibt es nur Sandpisten − das vermittelt nicht nur das Gefühl, jederzeit könnte John Wayne um die Ecke reiten, sondern lässt jegliche Wichtigtuerei und Hektik entschwinden. Auch hier gibt es gute Fischlokale − mein Favorit ist das herrlich unaufgeregte Sol direkt am Wasser mit den besten Mojos der Insel.

Famara Beach

Famara Strand

Famara Surfer Lanzarote

Famara Restaurante Sol

Nahe der Famara liegt hoch oben am Berg das hübsche Städtchen Teguise, das mit seinen Tapasbars immer einen Besuch wert ist. Sonntags vormittags ist dort allerdings der beliebteste Markt der Insel und somit auch die (Plastik-)Hölle los. Teguise Church

Ich habe diesmal auf Ruhe geachtet und die Sehenswürdigkeiten links liegen lassen. Allerdings möchte ich alle von Cesar Manrique geschaffenen Stätten von ganzem Herzen empfehlen. Ein Besuch in den Feuerbergen von Timanfaya sollte ohnehin nicht fehlen. Die sureale Landschaft vermittelt mir immer wieder Ruhe und zugleich Stärke. In der Vorweihnachtszeit bauen die Lanzaroteños übrigens  in vielen Orten große Krippenlandschaften auf ihren Marktplätzen auf. Besonders liebenswert ist die Krippe von Yaiza, in der fast alle wichtigen Orte Lanzarotes im Miniaturformat abgebildet werden − so auch die Salinen von Janubio. Krippe Yaiza Salinas del Janubio

4 Kommentare

    • Danke sehr.
      Ich verstehe die Basis-Skepsis gut – beim allerersten Anflug auf Lanzarote vor Jahren dachte ich mir noch „Dort sollst Du nun 2 Wochen Urlaub machen?“.
      Das hat sich dann schnell geändert… 😉

  1. Klasse Bericht – tolle Fotos! Besten Dank für die Wortschatz-Ergänzung „Glitzerschrillität“ – ähnlich ging es mir letztes Jahr bei der München-Santanyí Abwechslung in der Vorweihnachtszeit

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