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Mariss ist wieder da. Ein epochaler Abend.

Mariss Jansons, Chefdirigent des weltgeschätzten Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), zog sich im April 2010 vorübergehend zurück vom Pult. Er sei krank, müsse sich einer Operation unterziehen und kehre in gut drei Monaten zurück. Noch letzte Woche hatte er Konzerte absagen müssen – wie sehr der Ersatzdirigent eben nur ein Analog-Dirigent war, zeigte sich heute. Denn pünktlich zum letzten Abo-Konzert der Saison 2009/2010 war er wieder da – „unser“ Mariss.

Mariss, der uns in den vergangenen Jahren immer wieder überraschte und begeisterte. Dessen Präzision, Musikverstandgefühl, Dirigiertechnik, charismatische Autorität am Pult pure Passion ausstrahlen und der mit diesem wunderbaren Orchester und auch dem Chor Musik gebiert wie wenig andere Dirigenten. Ein Con-ductor.

Hätte das Programm des heutigen Abends nicht schon so lange festgestanden, man hätte meinen können, es handle sich um seinen Abschied vom Orchester und auch vom Publikum. Mariss Abschied eben.
Ein ungewöhnliches Programm, eine Hommage an alle Instrumentengruppen, kulminierend in einem Get-Together der romantischen Art mit Tschaikowskis Schinken „Francesca da Rimini“. Aber nein: so war es wohl nicht gemeint – so DARF es nicht gemeint sein.

So verstehe ich es denn nun einfach als Danke an eine weitere Saison mit seinem Orchester – und für uns in den Reihen des immer schiefen Gasteigs (diese Architekten gehören auch… aber das ist ein anderes Thema).

Giovanni Gabrielis Sonate XVIII für gut im Raum verteilte Blechbläser – sogenannte venezianische Mehrchörigkeit – erschienen im Jahre 1615. Wo und wann man die Prägung erfährt, Gabrielis Sätze doch auch im Hochsommer unweigerlich mit der Adventszeit in Verbindung zu bringen, ist eines der ewig ungelösten Mysterien. Ist wohl einfach so.

Break. Kompletter Szenenwechsel. 13 Schlagwerker auf der Bühne. Alles an Krachmachern auf der Bühne, das man nie in einer Nachbarwohnung wähnen möchte. Und yeah Baby – they got rhythm! Edgard Varèses „Ionisation“, 1933 in New York uraufgeführt. Ungewohnte Kost für so manchen Abonnenten fortgeschrittener Verstoiberisierung, aber da müssen sie durch, die Dam- und Herrschaften. Und sie schafften es auch. Man konnte an manchen Stellen kennerhaft mit der Großzehe mitwippen. Mariss macht das nix aus.

Dann Bartok. Angstkomponist für so manchen Konzertsaal-Insassen.  Kann melodisch sein, aber ebenso brutal für den KlassikRadio-Hörer. Was ihm meines Erachtens recht geschieht. Klassische Musik muss keinesfalls einen Weichspüleffekt durchlaufen haben und mit sanfter Brokatstimme zusammen mit dem Kännchenkaffee auf der Terasse des Kurhauses serviert werden. Klassische Musik kann, muss, darf weh tun. Schmerzgrenzen erreichen und sie überschreiten. E-Musik eben. U-Musik darf das ja auch. Muss es. Musik ist Kunst und die muss auch ab und an unbequem sein dürfen und müssen. Bartok tat heute gut. Gut gut gut gut. Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. 36er Baujahr. Für zwei Streichorchester. Welch ungewöhnliches Bild, diese einem so vertrauten Musiker an so unüblichem Platze zu sehen. Vier Sätze, die fesseln, die zeigen, zu welchem Pianississississimo dieses Orchester fähig ist. Erschütternd. Tröstlich. Schön. Schmerzhaft. Musik, der man anhört, was Europa bevorstand. Ergreifend.

Dann Strawinsky – Symphonies d’instruments à vent aus dem Jahr 1920. Ja, auch hiervor hat der Durchschnittsabonnent Bauchgrimmen. „Feuervogel und Petrouchka ja – aber der Rest von diesem Strawinsky“….. ist hochinteressant! Fast immer. Für mich heute allerdings das schwächste Stück des Abends, was nicht an den Musikern lag. An Mariss kann es ohnehin nicht liegen. War wohl der freitagsabendliche Konzentrationseinbruch.

Und zum Abschluss – kein neues Prinzip, aber dennoch schön und richtig: bring all the artists together and let them perfom as a group! Tschaikowski. Russische schmerzgefärbte Dramaseele in purezza. Francesca da Rimini aus dem Jahr 1876, inspiriert von Dantes „Divina Commedia“. Manchmal den Eindruck vermittelnd, Tschaikowski habe sich eines musikalischen Baukastenprinzips bedient und ein paar greatest hits-Takte integriert. Mariss in vollem Seelen- und Körpereinsatz. Gut, dass ist er immer, aber hier beunruhigt es mich ab und an. Wenn es nun jüngst wieder das Herz gewesen sein sollte, das erneut Probleme verursachte, dann sollte man doch nicht so…

Egal. Mariss ist da. Ist präsent. Nichts zu merken von einer OP. Von Krankheit.
Alles zu erleben an Musikkunst, Traumdirigat, Leidenschaft für die Kunst der Musik.
Ein Abend, einfach glücklich machte.
Weil er einer Idee folgte, die ungewöhnlich und rar ist: die einzelnen Instrumentengruppen zunächst in ihrer ihnen eigenen Brillanz vorzustellen und abzubilden. Und dann zurückzukehren zum großen Ganzen.
Zur Genialität der Zusammenarbeit, des heute von mir so häufig vermissten Teamgeists. Jeder trägt seinen Teil zum Ganzen bei – mal leiser, mal lauter. Mal früher mal später. Mal prominent und beobachtet in der ersten Reihe, mal unerkannt im Tutti. Mal im Dauereinsatz an vorderster Front, dann nach langen Pausenzeichen in wenigen, aber relevanten Takten.
Jeder ist wichtig. Wann und wie laut, das weist ihm der Dirigent.

Mariss – danke!
Und bitte bleib.
Ich brauche diese Abende.
Für mein Seelengestreichel, für mein Weiterkommen, für mein Ankommen.

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fasziniert von Menschen und deren Geschichten, Reisen, Wein, Food, Musik, Sprachen und einigem mehr.

1 Kommentar

  1. Margit sagt

    Wie alt bist Du, liebes Kind? In Deinem Alter hätt ich wohl ähnlich geschrieben. Heute würd ich es nie nie wagen, diesen Mann per Vornamen anzu-
    denken. Mein Respekt ist mit den Jahren enorm
    geworden. Heute reiche ich ihm höchstens noch bis zum Knie und wenn ich mich dann verbeuge, bin ich überhaupt nicht mehr da. Dafür hab ich den Respekt vor Tschaikowski abgegeben und brauch kein Taschentuch mehr zum Tränen- trocknen: Plüsch. Dunkelrot. Abgewetzt.

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