(un)sinniges, genuss, Innenreise
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Nähe. Weil wir wir sind.

Du bist schon wieder weg.
Und Du fehlst mir.
Nach langen wenigen gemeinsamen Stunden.

Du sagst jetzt plötzlich Sätze wie „Wenn man Ferien hat, darf man schon mal müde sein.“
Wir starten mit dem Einkauf für’s Abendessen.
Pasta – klassisch köstlich.
Du deckst den Tisch und reibst den Parmesan.
Wir gemüteln vor uns hin, in den Abend hinein.

Dann diese Nacht.
Erst schmerzt Dich der Bauch.
Anzeichen von Kopfweh.
Übelkeit.
Schlappheit.
Schlimmeres Kopfweh.
Kamillentee und Wärmeflasche.
Den Versuch ist’s wert.

Kaum liegst Du im Bett, schlägst Du dezenten Alarm.
„Ich blute aus dem Mund“.
Wir verabschieden Deinen ersten Backenzahn.
Mit Bangen, Unwissen und viel Gekicher.
Warum hat man mir im Medizinstudium nie erzählt, wie man einem Kind den Backenzahn entfernt?
Das ist wie Klavier-Abi ohne je den Flohwalzer gespielt zu haben.

Gut. Der Zahn ist draußen.
Und wir drin im Bett.

Kopfschmerz.
Schlimmer Kopfschmerz.
Der Dich mich festhalten lässt.
Fester und fester Nähe und gehalten werden fordert.
Der Dich wimmern lässt.
Tachykard. Hyperventilierend.
Bei mir rattert’s inwendig: was hab ich da an Schüssler Salzen? Kann ich Dir was Homöpathisches geben? Ab welchem Alter darf man welche Dosis ASS geben?

Luft.
Ruhe.
Streicheln.
Sanfte Beruhigungsversuche.
Atmen. Langsam atmen. Ausatmen.
Und immer wieder Dein Wimmern.
Deine in der Dunkelheit spürbare Not.
Soll ich die Mami anrufen?
Du willst bleiben.
Suchst noch mehr Nähe.
Nimmst meine Hand und packst sie auf die schmerzenden Stellen.
Als könnte meine Hand die Pein wegzaubern.

Armes geliebtes Kind.
Was mach ich mit Dir?
Nochmal weitere Symptome nachfragen.
„Die Augen drehen sich.“
Kein Meningismus.
Die Pupillen sind so normal wie sie sein können in diesem Zustand.
Also doch eine Heiße Sieben.
Um Mitternacht schließlich ein halbes Aspirin.
Und vor allem Nähe.

Nähe.
Atmen.
Nähe.
Streicheln.
Nähe.
Halten.
Nähe.
Da sein.
Einfach da sein.

Irgendwann wird Dein Atem ruhig und regelmäßig.
Du findest Schlaf.
Und auf meiner Wange wird’s warm und feucht.
Warum muss ein zehnjähriges Mädchen einen Migräneanfall ertragen?
Leider fallen mir ein paar Gründe ein.

Am nächsten Morgen ist alles vorbei.
Nicht vergessen, aber vorbei.
Du erbittest Morgenbettkapitel aus Pippi Langstrumpf.
Wir malen uns nach dem Duschen Cremefiguren auf unsere Bäuche und Rücken.
Wir vergleichen die Berichte zweiter Zeitungen über einen Brand in einem Einkaufszentrum.
Du kannst die Unterschiede sehr deutlich benennen.

Dein erster selbstgemachter Pizzateig.
Das Staunen über die Arbeit der Hefe während der Ruhephase.
Belagologie.
Nein, Schinken muss nicht geometrisch korrekt in Position gebracht werden.
Die Mozzarella-Stückchen fallen dann schon lockerer auf Teig und Belag.
Italienischer eben.
Fantastische Überlegungen beim genussvollen Essen.
Dann Osterkartengekreativel für C., die grad in Amerika weilt und mit Vollkornbrot und Zartbitterschokolade beschickt werden wird.
Und schon klingelt’s und Mami holt Dich ab.

Weiter zum Reinfeiergeburtstag Deiner Freundin.
Muss man in einen zehnten Geburtstag wirklich reinfeiern, frag ich mich.
Dich nicht.
Denn: „Wenn man Ferien hat, darf man schon mal müde sein.“
Hast Du gesagt.
Ja.
Stimmt.
Und dennoch…

Jetzt fehlst Du mir.
Das Bett wird leerer sein heute Nacht.
Der Schlaf wieder tief.

Und die Nähe?
Die bleibt.
Uns beiden immer.

Weil Du Du bist!
Und wir wir.
Für immer.

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