(un)sinniges, Innenreise, Kommunikation, Redheads
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Vereint im Anderssein. Die Redhead Days in Breda.

Am ersten September-Wochenende sieht das hübsche niederländische Städtchen Breda traditionell rot. Und nicht nur ein Rot – an die zweitausend Rotschattierungen sind es. Denn seit 2007 organisiert das Team rund um Initiator Bart Rouwenhorst die Redhead Days, eine Veranstaltung für Rothaarige aus aller Welt, die mittlerweile nahezu vier Tage umfasst. Als Maler hatte er 2005 auf der Suche nach rothaarigen Modellen eine Anzeige geschaltet und erhielt unerwartet hohe Resonanz darauf. Also ergriff er die Gelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes beim Schopf und rief das mittlerweile weltweit größte Treffen aller MC1R-Mutierten ins Leben.

Immer auffällig: Die MC1R-Mutanten

MC1R ist ein Protein, das bei einer Veränderung des Gens Nr. 16 das hellere Phäomelanin statt des dunkleren Melanins in Haare, Haut und Augen einbaut. Die Folge sind hellere Haut, Sommersprossen und mehr oder minder rotes Haar. Manche von uns kommen leuchtenden Haares wie ein Feuerwehrauto zur Welt und verfärben sich während der Schulzeit über Schwedenweißblond in eine fröhlich-unauffällige Straßenköterfarbe (O-Ton von Betroffenen). Andere wiederum tragen lebenslang die dunkelroten Töne von Mahagoniholz im Haar. Die meisten werden schon früh als „Karotte“ oder im englischen Sprachraum als „Ginger“ betitelt. Eines eint uns weltweit: Seit Kindesbeinen werden wir immer wieder konfrontiert mit unserem Anderssein. „Besser ne Tote als wie ne Rote“ ist da noch einer der freundlicheren, wenn auch grammatikalisch ebenso dämlichen Sprüche. Eine Hochschwangere  „witzelt“ in einer Betroffenenfamilie (sic!), sie würde den zu gebärenden Knaben im Krankenhaus belassen, so er denn rothaarig sei (natürlich war er es – was zuhause durch permanenten Kürzesthaarschnitt vertuscht und ausgebleicht werden sollte). Eine hochsommerlich frischgebackene Redhead-Mutter bekam in ihrem Dorf zu hören, dass sie das Baby doch um Himmels Willen so nicht zeigen könne – sie müsste dem Kind schon immer die Mütze tief ins Gesicht ziehen. Es geht sogar soweit, dass Damen des Hochadels, denen man durchaus ein gewisses Basismaß an Bildung und weltoffener Erziehung zusprechen könnte, ihrem Prinzessinnentöchterlein das Spielen mit der rothaarigen Mitschülerin verbieten – dieses sei nämlich „ein Mensch zweiter Klasse“. Und wildfremde Seniorinnen fühlten sich einst in der Tram befleißigt, mir auf dem Schulweg ungefragt durchs Haar zu wuscheln und sich zu echauffieren, dass ich ja eigentlich schon zu jung sei, um mir die Haare zu färben! Muss das sein?

Ob wir es wollen oder nicht: Wir polarisieren mit dem natürlichsten der Welt: unserer Haar- und Hautfarbe. Selten widerfährt es mir, dass mich jemand wahrnimmt als das, was ich bin: ein ganz normaler Mensch. So sollte es aber doch eigentlich sein. Was gibt es denn heute noch zu tuscheln über das vermeintlich so Hexenhafte an uns? Weshalb meint man, rothaarige Jungs und Männer immer wieder als Streichholz bezeichnen zu dürfen? Was zum Henker soll die blödsinnig verstohlene Frage, ob wir „eigentlich wirklich feuriger sind“? Jeder Mensch ist einzigartig. Ja, selbst Mehrlinge. Jeder und jede kann temperamentvoll sein – oder langweilig. Jeder und jede kann verrucht wirken oder mystisch oder geheimnisvoll oder transparent oder verletzlich. Oder eben das Gegenteil davon ausstrahlen.

Einmal „normal“ sein – ist das möglich?

Umso mehr hat mich der Gedanke, mich selbst mal unter meinesgleichen zu begeben, schon lange beschäftigt. Meine Mit-Gingers und mich wahrzunehmen in diesem Miteinandersein. Und im Anderssein. Uns auszutauschen über all das, was eben dann im Raum steht. Und wo könnte man das besser als in Breda an besagtem ersten Septemberwochenende. Schon beim Umsteigen am Bahnhof Arnhem gab’s erste verstohlene Blicke am Bahnsteig. Ist das da drüben „ein ganz normaler Holländer“, der wie immer nur seinen Zug nimmt. Oder reist er eben doch auch „dorthin“? Im Zug dann: Die Frau dort drüben vielleicht … aber sie hat so gar kein Gepäck dabei …
Und schon war ich mit (nennen wir ihn) Michael im Gespräch. Michael ist kein Redhead, aber begeistert von unserer Farbvielfalt und reiste als Fotograf zum wiederholten Mal schwer belinst nach Brabant in die hübsche Kleinstadt. Rasch zeigte er mir auf seinem Tablet die Fotoausbeute der vergangenen Jahre. Seine Erklärungen zeigten, dass er tatsächlich mit vielen Redhead Day-Besuchern in Kontakt steht: Der hier sei aus Australien, das eine Schottin, da sei ein Mädchen aus Ecuador angereist, dies seien „die Deutschen“ … schon fühlte ich mich irgendwie ausgeschlossen. Ob sich nicht doch viele in den vergangenen zehn Jahren schon neben dem Breda-Treffen auch via Facebook und WhatsApp verhandelt hatten und längst eine eingeschworene Gesellschaft wären. Die letzten Zugkilometer beschäftigte mich die Frage, ob ich nicht doch – wie immer wieder geplant und dann doch verschoben – schon vor fünf Jahren hätte anreisen sollen?

Gelockt oder spaghettiglatt: Gleiche unter Gleichen

Am Abend ging es also leicht klopfenden Herzens zur Kick-Off-Party. In eine Disco. Ihr versteht den Fehler? Nix gegen Discos – ich tanz mir gerne mal die Sommersprossen in Schwung! Aber: Es ist laut. Und es ist dunkel. Beziehungsweise bunt eingefärbt. Und so begann also dieser erste für mich emotional gefärbte Moment mit einem ganz normalen Disco-Besuch: Man brüllt sich ein „Hi – I’m Soundso, who are you – where are you from?“ zu und erhält eine unverständliche Antwort, um sich anschließend freundlich anzugrinsen, mit einem Bier zuzuprosten und ab und an gemeinsam die Tanzflächensauna zu genießen. Was man garantiert nicht wahrnimmt: die Haarfarbe der Gegenübers. Was man garantiert nicht kann: Sich kennenlernen und unterhalten. Irgendwie war das für mich verwirrend und zugleich auch gut: Das Besondere am Besonderen fand nicht statt. Letztlich mag ich sowas.

Sind das wirklich alles Redheads? (© casowi)

Tags drauf trifft man sich ab mittags locker an den Ständen, die kleine Imbisse, Getränke  oder Merchandising-Artikel anbieten. Freunde treffen Freunde wieder. Familien suchen sich in der Menge – irgendwie sind plötzlich alle so rothaarig, wo also ist das Kind, die Mutter, der Vater, die Schwester, der Bruder gerade? Dieses Wissen darum, man sei ganz leicht in einer Menge zu finden – plötzlich ist es weg. Merkwürdig, das macht fast ein bisschen ratlos. Wie finden wir uns als Rothaarige unter hunderten anderen Rothaarigen wieder, wenn wir keine Handynummern ausgetauscht haben? Es klappt dann doch, by the way.
Auf der Bühne sorgt ein rothaariger DJ für mehr oder minder laute Stimmung, an und an gibt es ein paar Durchsagen. Es gibt Speedmeetings  zum Erstkennenlernen und Kurzaustausch, ein rothaariges Zwillingstreffen, das Treffen der deutschen Rothaarigen verpasse ich, eine niederländische Friseurkette ist ganz in Orange vorgefahren und bringt so manchen Rotschopf richtig in Form, Kinder hüpfen und Sänger singen. BroMo, rothaarige Zwillingsbrüder aus Deutschland, feiern ihr Auslandsdebüt mit eigenen Songs und covern natürlich auch Ed Sheeran-Hits. Und die kraftvoll-zarte Joules the Fox singt für uns den wunderbaren Prejudice-Song von Tim Minchin – und irgendwie ist’s unsere Hymne in diesem Moment. „Only a Ginger can call another Ginger ginger …“

Schneien, lockenstaben, hochstecken, bezopfen … (© casowi)

Die Faszination von Wasser … (© casowi)

Es rothaart sich ein … (© casowi)

Rotumhülltes Wiedersehen (© casowi)

BroMo überzeugten bei ihrem ersten Auslandkonzert. (© casowi)

Nachwuchsband meets Nachwuchsfans (© casowi)

Hier sind die Besitzverhältnisse eindeutig geklärt (© casowi)

Und irgendwo trifft man sich in dem kleinen Städtchen Breda immer wieder … hier mit BroMo (© casowi)

Gefallene Locken … (© casowi)

Abends zogen die Feierwilligen in mehreren Gruppen beim Pub Crawling durch mehr als zehn Bars und Pubs – und man munkelt, dass auf dem Campingplatz, der für das Festival extra bereit gestellt wird, bis in die Morgenstunden weitergefeiert wurde.

Das Rathaus von Breda mit den Logo-Ballons der Redhead Days (© casowi)

Das Hauptereignis der Redhead Days stellt das gemeinsame Fotoshooting aller Echt-Gingers am Sonntag dar – etwa 1.400 sollen es dieses Jahr gewesen sein. Mittags sammeln sich alle vor dem Rathaus, um nach den Ansprachen gemeinsam durch den Park gen Bahnhof auf die Willemstraat zu ziehen, die uns Rotschöpfe mit einer noch jungen Allee umfängt. Jedes Jahrestreffen wird unter eine Mottofarbe gestellt, diesmal war es grün. Und so trug das Gros der Teilnehmenden tannengrüne Shirts mit dem Spruch „I’m having a Red Hair Day“ (die Erlöse aus dem Verkauf dienen neben den Sponsorengeldern der Finanzierung des Events, da die Redhead Days per se kostenlos sind) oder andere Grünkreationen.

Auf geht’s vom Rathaus zur Willemstraat (© casowi)

Der Rothaarigenzug durch Breda (© casowi)

Weiter, durch den Park von Breda … (© casowi)

Langlocken … (© casowi)

… und Länger-Wilder-Heller-Locken … (© casowi)

Rapunzelös … (© casowi)

…. und glattrot … (© casowi)

Gingerpower – über alle Grenzen hinweg

Schließlich sind wir in der Willensstark angekommen. Ganz unter uns. Alle Unroten sind nun Beobachter, keine Beteiligten mehr. Ich stehe neben Schweizerinnen, Deutschen, Neuseeländern, Briten, Australiern, Amerikanern, Ungarn, Italienern. Und uns bedudelt ein inbrünstiger Schotte. So humorvoll und holländisch belebend die Infos und Anweisungen des Foto-Teams auf seiner Hebebühne auch sind: In unserer Mitte wächst etwas. Einmal sollen wir winken, einmal uns umdrehen.
Und dann werden wir gebeten, uns an den Schultern zu fassen. Jetzt ist es spürbar: Das einigende Miteinander im Anderssein. Ein berührender Moment, voller Energie und Präsenz. Als wir die Arme wieder lösen, werden einige Hände in meiner Nachbarschaft kurz zu den Augenwinkeln geführt.

More than 50 shades of red vor mir … (© casowi)

… und hinter mir … (© casowi)

Nach dem Foto verharrten einige noch eine Weile auf der Allee. Andere stellten sich kleineren Fotoshootings, zumeist im Park. Darunter gab es auch Szenen, bei denen mir und auch anderen ein wenig mulmig war. Sind all diese Fotografen wirklich akkreditiert? Kennen die Veranstalter ihre Namen und Adressen? Gefühlt hat so mancher altmännliche Fotograf einem irgendwie zu jungen Mädchen Posen an Gitterstäben oder Bäumen abgerungen, die sich falsch anfühlten. Warum lassen daneben stehende Eltern das zu? Wissen sie, ob und wo, in welchem Kontext diese Bilder veröffentlicht werden?

Fünf Gingers auf der Brücke (© casowi)

Gruppengingerei im Park (© casowi)

Einzelaufnahmen (© casowi)

… spricht für sich (© casowi)

Das Foto vom Foto vom Foto … (© casowi)

Das Fotoshooting in der Gruppe hatte den Bann mancher Schüchternheit endgültig gebrochen – danach lachten mehr Leute miteinander, aßen, tranken, hüpfburgten, tanzten, genossen Livemusik, unterhielten sich. Eine junge Mutter sah mich lange an, unterhielt sich mit mir über eigene Erfahrungen und die ihrer Tochter. Irgendwann fragte sie mich nach meinem Alter und begründete es so: „Looking at you I see my future me. And I like it a lot!“ Ja: In meinem Rothaar haben sich mittlerweile ein paar altersblonde Strähnen eingefunden. Ich mag sie, sie gehören zu meinem Leben als Redhead. Schlohweiß werden wir übrigens nie – es bleibt immer etwas Farbspiel in unseren Haaren.
Der erste Mensch, der mich Ginger nannte, war Bill. Er war mein Literature-Lehrer in der Summerschool in Cambridge – wir lasen The Catcher in the Rye. Bill war selbst ein Ginger. Schade, dass ich ihn nicht in Breda wiedergetroffen habe …

Nächstes Jahr pausiert das Rothaarigen-Festival in Breda – es wird nur ein zwölfeinhalbtes Einabendtreffen am 3. März geben. 2019 werden die Redhead Days dann wohl in einer anderen Stadt und vielleicht sogar in einem anderen Land stattfinden. Eines aber dürfte sicher sein: Wir MC1R-Mutanten werden uns wiedersehen.

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Sehr schöön – I love Ginger! Wird den Rothaarigen wirklich alldas zugerufen/angedichtet? Mags garnicht glauben. Noch nie hab ich in derlei Kategorien gedacht.

    Tolle Story. Tolle Bilder. Was es nicht alles gibt .. 🤓

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