40 Jahre ist das Centre Pompidou nun schon unĂĽbersehbarer Bestandteil von Paris – dieser Koloss aus Stahl, Plexiröhren, Stahlröhren, Röhrenröhren, Schächten, Gestängen und vor allem dauervielen Besuchern! Auf der Abi-Fahrt (seinerzeit™) konnte ich es kaum erwarten, das damals erst wenige Jahre alte Gebäude, dessen Namen wie ein Lauffeuerwerk durch meine damalige Welt des kunst- und kulturorientierten Gymnasiums ging, endlich live zu sehen – es schien mir damals eine Art Nabel der Welt zu sein. Als ich schlieĂźlich davor stand und an ihm entlang äugte, war es genau so faszinierend unangepasst wie erwartet. Erfrischend anders. Und doch wirkte es auch irgendwie monströs und bedrohlich auf mich. Als wĂĽrden die Ă–ffnungen der Röhren am Gebäude und auf dem Platz davor irgendwann den gewaltigsten RĂĽlpser ausstoĂźen, den die Welt je vernommen hatte. Warum auch immer. Zumindest lässt der Kosename „Raffinerie“, den die Pariser dem Gebäude gaben, vermuten, dass es auch andere Menschen auf erstaunliche Assoziationen brachte.

Röhrenröhren vor Bunt. ©casowi

Röhrenröhren vor Grau. ©casowi
Im Inneren birgt es wahre Vielfalt in sich: Das Museum fĂĽr Moderne Kunst, Sonderausstellungsräume, das Zentrum fĂĽr Industriedesign, ein Kino, die umfangreiche öffentliche Bibliothek, Konzertsäle, ein Musikforschungszentrum, die Kinderwerkstatt, ein Restaurant sowie ein CafĂ© und eine wie immer verlockende Buchhandlung mit nettem Schnockes. Hat man alle plexiglasbedachten Rolltreppen an der Fassade in den obersten Stock genommen, so kommt man ins Restaurant George mit seinem groĂźem und aktuell noch viel zu kalten AuĂźenbereich und einer buntfantasticplasticten Innenwelt. Hier prickelt es nicht nur im Glas … mein Tipp: einfach hinsetzen, rasten, den Blick schweifen lassen und das AndersgefĂĽhl genieĂźen!

Das stylische Restaurant Georges mit Fabelhaft-Blick über die Dächer der Stadt. ©casowi
Ăśberhaupt: Diese Blicke. Auf die Stadt – ĂĽber die Stadt – auf Kunstwerke – auf die Besucher – und dann doch wieder auf das nach auĂźen gekehrte Innenleben des Gebäudes. Wer hier nicht blickt, blickt’s gar nicht mehr.

Blick aus der Rolltreppen-Röhre. ©casowi

… und irgendwo steht immer der Eiffel-Turm. ©casowi

In Richtung Seine geblickt ©casowi
Das Jubiläumsjahr wird mit der bislang größten Cy Twombly-Retroperspektive eingeläutet. Ab Ende April folgt dann die Ausstellung des Fotografen Walker Evans und im Juni werden auch David Hockney und André Derain gezeigt.
Cy Twombly wurde 1928 in Arizona geboren und starb 2011 in Rom. Mit etwa 25 Jahren zog es ihn in das Licht und den Zauber der Mittelmeerregion und er bereiste Frankreich, Italien, Marokko und Spanien, gerne auch mit anderen KĂĽnstlern. Wenige Jahre darauf ĂĽbersiedelte Twombly schlieĂźlich nach Rom und verbrachte auch immer wieder eine Weile auf kleinen Inseln im Thyrrenischen Meer und der Ă„gäis. Ein unsteter Geist, möchte man meinen – er lieĂź sich immer wieder aufs Neue begeistern: Mal von italienischen Gedichten, dann wieder von den Sagen und Mythen der griechischen Antike. Und immer wieder widmete er diesen EindrĂĽcken ganze Zyklen – mal als Zeichnungen oder Gemälde, dann wieder als Fotos oder Skulpturen. Die Ausstellung im Centre Pompidou nimmt die Vielseitigkeit des abstrakten Expressionisten Twombly auf und zeigt von Bleistiftskizzen (vulgo „Kritzeleien“) ĂĽber Fotos bis hin zu monumental anmutenden Formaten in Ă–l und Skulpturen alles auf. Gerne mischt Twombly Materialien, verwirrt oder unterhält mit Symbolen oder Schriften, integriert Worte oder Chiffre-artige Kombinationen. Beeindruckend ist die Nähe von Moderne und Antike, die er immer wieder schafft. FĂĽr seine Skulpturen verwendete immer wieder Treibgut von Strand, das er bearbeitete.
Einen schönen Überblick über die Säle und Exponate, die Ruhe vermitteln und auch benötigen, gibt dieses Video. Die Ausstellung ist noch bis zum 24. April zu sehen, an Donnerstagen ist bis 23 Uhr geöffnet. Der Blick auf die Website des Centre Pompidou lohnt sich vorab.
Ich bedanke mich für die Einladung nach Paris zur Eröffnung der Saison Culturelle 2017 herzlich bei Atout France und seinen Partnern. #FeelFrenchCulture


SĂĽpertoll!
Ja, lohnt sich sehr!
Danke.
Einfach toll geschrieben. Macht Lust auf mehr!
Danke sehr!
Merci. Toller Beitrag
Auch ich sage „Merci“! 🙂