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Unvergessen. Der unbequeme Maestro.

Sergiu Celibidache hätte am 11. Juli seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Die letzten 17 Jahre seines Schaffens widmete er den Münchner Philharmonikern. Nach Rudolf Kempe und vor James Levine. Kempe war Kempe und dieser immer etwas hölzern wirkende Kempe war der erste GMD, unter dessen Leitung ich die Abokonzerte der MPhils erlebte. Ab dem zehnten Lebensjahr also gut und gerne 8 Konzerte pro Saison.
Zunächst nicht wirklich immer willig. Aber dann eben doch mit wachsender Begeisterung.

Die Philharmonie im Gasteig gab es noch nicht – der Herkulessaal war das Zuhause der beiden großen Orchester meiner Heimatstadt. Und daneben gab es noch den Kongresssaal im Deutschen Museum, aus dem später ein IMAX-Kino und schließlich ein Nichts wurde. Für mich bleibt’s dennoch ein Saal wunderbarster musikalischer Erlebnisse. Seien es Abende mit Karl Böhm, Alfred Brendel, David Oistrach, Arturo Benedetti-Michelangeli, Maurizio Pollini, Sir Georg Solti, dem hochverehrten Leonard „Lennie“ Bernstein oder Gidon Kremer (Andi, verzeih bitte: was für ein deppertes Untiming für den Abgesang auf unsere Jugendliebe). Und eben die Jugendkonzerte der Münchner Philharmoniker. Hoch begehrt – nicht immer bekam man Karten, die ja nur 5,30 DM kosteten. Einheitlich.

1979 trat Sergiu Celibidache seinen „Dienst“ als Generalmusikdirektor des Orchesters der Stadt München an. Und es dauerte nicht lang, da bekam ich über Musiker mit, wo und wann Proben liefen. Manchmal konnte ich sie hochoffiziell besuchen und manchmal dachten meine Eltern, ich hätte etwas länger Unterricht und meine Lehrer mussten zeitgleich auf meine Anwesenheit verzichten.

Denn Celi eröffnete mir neue Tiefen einer Welt, in der ich ohnehin familiär bedingt aufwuchs. Die Dirigierklassen, in denen dieser wortgewaltige Mann auch nicht davor zurückschreckte, große und international damals sicher größere Kollegen ordentlich auf die Schippe zu nehmen oder gar zu verhunzen. „Sie dirigieren, als würden Sie Mayonnaise rühren wollen. Wem haben Sie das abgeschaut: Igor Markevitch oder Herbert von Karajan? Das ist schrecklich, junger Mann – gehen Sie in die Küche, wenn Sie das weiter so machen wollen! Sie werden gute Mayonnaise machen – aber keine gute Musik“. Offene Worte in tiefer Stimmlage mit dieser einzigartigen celibidesk rumänisch geprägten Klangfärbung.

Er verfügte über eine natürliche Autorität. Er war auch sexy, somehow. Männlich allemal. Prokofieffs Skythische Suite „Ala et Lolly“ mit all ihrer Energie,  ihrer Getriebenheit, dem Wahn, der Brillanz, der Wildheit, aber auch Ruhe und Bedächtigkeit. Die 5. Sinfonien von Prokofieff und Schostakovitch. Unbequeme Stücke. Sergiu Celibidache hat die Perfidie mancher Kompositionen gnadenlos enthüllt. Schmerzen entlarvt, Liebe verströmen lassen – in Ravels La Valse. Scheinbar spielerisch lautgemalt wie bei den Bildern einer Austelllung, l’Après-midi d’un faune, Ma mere l’oye oder La Mer. Getanzt. Manchmal ekstatisch geschrien. Die Erhabenheit der Werke Bruckners aufgezeigt – puristisch, ohne Pathos. In der Lukaskirche so auch Seelen berührt, die nicht im entferntesten Sakralmusik erleben wollten.

Brahms, Beethoven, Mozart – wunderschöne Interpretationen. Auch mit Solisten, die er einfühlsam und uneitel ganz im Dienste der Komposition begleitete. Das findet man heute leider kaum noch – viel Show, wenig Handwerk und manchmal leider noch weniger Demut vor der Schönheit eines Stückes sind in den Vordergrund gerückt.

Ja klar – irgendwo war er auch ein eitler Poser. Ein schrulliger Mitmensch. Keine Mitschnitte – keine LPs, später auch keine CDs. Musik sei doch nichts, was man konservieren könne. In den letzten Jahre oft nahezu zeitlupige Tempi. Fast das komplette Oeuvre wurde erst posthum veröffentlicht – dank der Mitschnitte des Bayerischen Rundfunks, der viele der Konzerte übertrug. Konzertpausenfüllende Interviews über Tempi und Interpretationen, immer getragen von Celis Lieblingswort, der „Phänomenologie“ der Musik. Keiner wird dieses Wort je wieder so aussprechen und es so mit Inhalten füllen können.

Meine Stunden in seinen Proben und Konzerten waren innig, irgendwie geheim und damit fast intim, weil verschworen in der Begeisterung für Musik, vor allem auch für die unbequeme Musik. Unbequem wie er.
Dafür bin ich dem Maestro und auch dem Mensch Sergiu Celibidache dankbar.
Bis heute.
Für immer.

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