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Antike meets Audiopollution. Der Kampf um Rom geht weiter.

„Die spinnen, die Römer.“ Das sagte schon ein anderer Rothaariger vor langer Zeit.
„Die spinnen, die Rom-Touristen“, sage ich. Heute. Nach meinem dritten und kürzestem Besuch in dieser Stadt. Der erste liegt gute fünfzehn Jahre zurück, der zweite wohl acht Jahre. Diesmal also nur ein Wochenende – als Auffrischung für mich Italien- und Romliebhaberin sozusagen, und als Lebenselixir nach einem Langwinter.

Ein nettes kleines Hotel nahe der Fontana di Trevi – alles somit bestens erreichbar. Mitten drin im Getümmel. Dass ich den ein oder anderen Co-Touristen auf meinen Wegen erleben würde, war klar. Ebenso gefasst war ich auf Begegnungen mit Prada-Gucci-LouisVuitton-Hermes-Max-Mara-Extrem-Kicher-Shopperinnen unter japanischer Flagge. Dass sich dann aber der Kampf um Rom auf Russen, Chinesen, Koreaner und weitere Jetzt-Reisende so ausgeweitet hat, war doch überraschend.

Wer in oder um Rom lebt, wittert folglich gute Geschäfte. So auch die indischen und osteuropäischen Straßenverkäufer, die sich im Abstand von 10 bis 20 m voneinander positionieren, um dann mit lautem „looki-looki“ tennisballgroße Schleimbatzen auf den Boden knallen, die dort kurz als die endlich vergessenen Kotflügelaufkleber-Flecken verharren, um sich anschließend umgehend wieder in einen Piepseball mit Niedlichaugen zu verwandeln. Wie Bömbchen werden Dir die Biester vor die Füße geklatscht. Entkommst Du ihnen, folgt Dir das nächste Grauen durch die ewige Stadt: quietschebunte Plastikpistolen, die auf Knopfdruck nicht nur Seifenblasen en masse ausspucken. Nein, das ganze Spektakel macht wohl erst Spaß, wenn es von Maschinengewehrsalvengeräusch und zugleich einer billigen Tatütata-Tröte begleitet wird. Und weil manche Eltern offensichtlich gerne bereit sind, das eigene sowie das kindliche Gehör ausgiebig und auf Dauer zu schädigen, kaufen sie ihren lieben Kleinen diese Mörderdinger. Und so laufen Kleinkinder maschinengewehrsalvend hinter Tauben oder Passanten durch die Stadt und erfreuen sich des überaus liebreizenden Geräuschs. Tolle Erziehung, liebe Eltern.
Dazu dann bettelnde, wehklagende Zigeunerinnen (gut – sie gehören schon seit Jahren in Italien zum Stadtbild). Als Römer verkleidete Marktschreier, die um Originell-Haha-DerRömerUndIch-Fotogunst buhlen. Und besonders sinnvoll entlang des Forum Romanum: mit Plastikkopfschmuck und Lendenschurz als Inkas getarnte Pan- und Blockflöten-Vergewaltiger – mit Playback-Grmpflsound via Verstärker. Der natürlich besonders laut aufgedreht werden muss, weil ja sonst das Geknatter des Stromgenerators zu hören wäre. Das Ganze gibt’s auch als Typ-Vanessa-Mae-E-Violine-Grinse-Saitenheld (ganz in Weiß) und als Akkordeon-Trio. Die beiden Italiener mit ihrer wirklich guten Musik im Zaz-Stil kamen leider durch den Krach kaum durch.

Das ist akustische Umweltverschmutzung – Audiopollution vom Gröbsten.

Und irgendwie fände ich es nur allzu verständlich, würden sich eines Morgens die Säulen der Herren Trajan, Marc Aurel, Konstantin und all ihrer Kollegen, geknickt zur Erde neigen wie lasche Tulpen vor dem Verblühen. Es ist kaum auszuhalten – neben der Basisgeräuschkulisse der Motorini, Autos, Buse, Italiener am „Pronto – ah sì – no – allora ciao“-Telefonino sowie der „In ancient times in Rome the Emporer used to blablabla“-Touristguides. Immer wieder voller Respekt bin ich für die „Verlobten-Eltern“ einer Ex-Kollegin, die Zeit ihres Lebens im Zentrum Roms leben – von Geburt an blind. Blind in diesem Gewimmel, in diesem Chaos und heute auch in dieser Geräuschkulisse seinen Arbeits- und Lebensalltag zu meistern – Trippelchapeau!

Ja, und womit verbringen nun die Touristen ihre Zeit in Rom? Mit Shoppen. Bei all den Läden, die es wohl nun nahezu in allen Fußgängerzonen dieser Welt geben dürfte: H&M, GAP, Zara, Lush & Co. Wird der antiken Wunderwelt überhaupt Beachtung geschenkt, dann meist doch nur noch im zehnsekündigen „Wan-Tuh-Tree-Smail“-Verfahren. So eindrucksvoll geschehen am Colosseum mit zehn Japanerinnen im Foto-Akkord – unmittelbar neben mir. Ich war gar nicht so schnell fassungslos wie die Gucci-Truppe wieder weiterzog.

Dabei hat diese Stadt so viel zu bieten. Auch Teile unserer Geschichte haben hier ihren Ursprung. Die Pracht der Plätze. Die Säulen. Die Palazzi. Die einzigartigen Farben italienischer Abendsonne. Das Rauschen der großen Brunnen und das Plätschern der kleineren. Das Pantheon (heute wohl eher die größte Telefonkabine der Welt als ein monumentaler Sakralbau). Das Forum Romanum. Unzählige Kirchen neben Ratzingers Hauskapelle. Immer noch gute Osterie mit wahrhafter Küche, wenn auch versteckt liegend. Giolitti. Museen.

Zu den Museen noch ein paar Tipps:
– Es gibt eine Reihe wundervoller Museen wie die Gallerie Borghese und Barberini, die nur limitiert Besucher einlassen. Hier MUSS man (am besten weit vorher) vorab Tickets online oder telefonisch bestellen – vorort hat man keinerlei Chance mehr.
– Nett, wenn auch unspektakulär und eh nur noch bis zum 18.3. laufend: Die Renaissance in Rom im Palazzo Sciarra
– Wer schon immer mal wissen wollte, wie es sich auf losem Parkett läuft, sollte die Kapitolinischen Museen besuchen – leider wurde hier in den vergangenen Jahren wohl ein wenig zu wenig Geld investiert. Sehr schade. Die Skulpturen sind mehr als lohnenswert, die Gemälde würde ich größtenteils eher als B-Garnitur bezeichnen (man verzeihe diese Arroganz, aber 2011 wurden wir in Deutschland gerade in Sachen Renaissance ein wenig verwöhnt…). Und unbedingt den Blick über Rom auf der Dachterasse genießen!
– Sensationell und unbedingt einen Besuch wert ist in den Kapitolinischen Museen jedoch die bis zum 9. September 2012 laufenden Sonderausstellung Lux in Arcana – in der Nachwirkung beeindruckt sie mich zunehmend. Hier sind Schriften aus 12 Jahrhunderten, allen Kulturkreisen und auf unterschiedlichsten Materialien zu bestaunen, die bislang in den Geheimarchiven des Vatikans schlummerten. Erstschriften aus der Mongolei, Briefe von indigenen Völkern bis hin zu Marie Antoinette oder der herzigen Sisi. Die „Buchhaltung“ der Farnese und Borghese. Päpstliche Dekrete aus vielen Jahrhunderten. Schriften von und über Galileo Galilei oder Martin Luther. Das Video ist ein wenig reißerisch, aber es zeigt zudem einen Blick in die Archive des Vatikan. Wirklich beeindruckend – und es könnte die erste und zugleich letzte Ausstellung dieser Art sein. Wer weiß schon, wie ein nächster Papst zu diesem Thema Stellung beziehen mag…

Der Praxis-„Es-kann-so-doof-laufen“-Tipp: unbedingt die Taxizentralnummer ins Handy einspeichern, wenn man die Bus-Shuttle von Terravision bucht. Der Bus ist zwar deutlich günstiger als der Zug, dafür kann so ein Gefährt eben auch mal auf offener Straße liegen bleiben. Der Busfahrer selbst ist in diesem Falle ausgiebig mit sich und der Technik beschäftigt und nicht wirklich gewillt, umgehend einen Ersatzbus für seine gut 60 Gäste zu ordern. Eine Zweierkohorte Gallier, eine Torineserin und ich waren uns schnell einig: „Der spinnt, der Römer“. Und organisierten uns in the middle of nowhere ein die Flüge rettendes Taxi via Mehrfachanrufs in der Zentrale. Shit like that happens – better be prepared!

Die schönen Seiten der Stadt haben sich bei diesem Besuch oft erst nach gewaltigem Schubsen und Drängen auf den Straßen und Gassen sowie dem Ausblenden des Lärms gezeigt. Es gibt sie aber nach wie vor. Und sie machen Rom immer wieder eine Reise wert. Vielleicht zu einer anderen Jahreszeit. Auf dem Rückflug verriet mir der römische Sitznachbar, dass die Stadt in erster Linie von März bis Juni zur Touristenbesatzungszone mutiere. Sonst sei es erträglicher.

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