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Der Berg groovt! Ein Konzert für die Seele.

Es gibt zwei Dinge, die bislang nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörten: Frühes Aufstehen und Bergwandern. Und gibt es Herzensangelegenheiten wie Konzertbesuche, Reisen und Naturgenuss. Tja, und dann entdeckte ich vor Monaten bei Twitter das Ankündigungsvideo zu I Suoni delle Dolomiti, auch The Sounds of Dolomites oder ganz brav Klänge der Dolomiten genannt. Wow! Das wäre doch mal was.
Tja − und nun stand ich plötzlich kurz nach drei Uhr morgens im Mehrlagenllook mit Funktionshose, Wanderstiefeln, Rucksack und Teleskopstöcken im Hotel Catinaccio Rosengarten in Moena auf dem Balkon meines Zimmers und dachte mir leicht gefrustet: „So ein Mist – es regnet!“

Am Vorabend hatte es ein prächtiges Gewitter gegeben − nun tropfte glücklicherweise nur ein Blumenkasten auf mich herab. Für alle, die nur die Kurzfassung erfahren wollen: genau so verlief der Tag weiter. Ich durfte mit vielen „Mag ich nicht – kann ich nicht – ist nix-für-mich“-Vorurteilen aufräumen.
Was für ein Luxus, was für ein Tag, welche Farbenspiele und Augenfreuden!
Um 5 Uhr nahmen wir gemeinsam mit den bestens gelaunten, im wahrsten Sinne taufrischen Musikern die Seilbahn von San Pellegrino hinauf auf Col Margherita.

Die Fahrt durchs Val di Fassa nach San Pellegrino ließ uns noch komplett im Dunkeln. Unten am Parkplatz auf etwa 1.900 m morgenblaute es dann gegen 5 Uhr schon und in der Gondel sah ich rot. Italiens Starcellist Mario Brunello stand nämlich mit seinem ferrariroten Instrumentenkoffer vor mir.

Oben auf dem Berg (2.513 m) wusste ich schlagartig, wie albern meine früheren Gedanken waren. Wie bequem und doof war ich denn bisher eigentlich, darauf zu verzichten? Wie seelenbereichernd ist dieser Blick über die wunderschönen Dolomiten doch, wie frisch und klar die Morgenluft, wie wahnsinnskitschig und unerfindbar vielfältig das Farbspiel der Dämmerung und des Sonnenaufgangs! Ein bisschen rührungstränchenfördernd…

Um zur Bühne zu gelangen, mussten wir etwas absteigen, bestens geleitet von kleinen Fackeln am Wegesrand. Unterwegs nahm ich immer wieder Einweiser oder Sanitäter wahr − wohltuend, wie unaufdringlich und diskret die Organisatoren und Helfer ihre Aufgaben meisterten, um den gut 3.000 Besuchern einen reibungslosen und sicheren Ablauf zu gewährleisten.
Auf dem Weg zur Bühne waren alle recht still, vermutlich aufgrund der Erhabenheit der Landschaft und der Natur, die mich immer wieder Demut lehrt. Und manche vermutlich auch schlicht deshalb, weil es doch recht früh war. Es gab es sogar einige, die bereits die Nacht auf dem Col Margherita verbracht hatten.

Nach einer letzten Kurve fiel mein Blick endlich auf die kleine hölzerne Bühne, die (neben dem Musikvereinsaal in Wine)zu den schönsten der Welt gehören dürfte − mehr WOW geht doch gar nicht! Die Musiker spielten sich bereits ein − für die Stimmung aller Instrumente sind die Temperaturschwankungen von anfangs acht Grad bis hoch in die Zwanziger übrigens eine echte Herausforderung. Aber die meistern echte Profis wie der New Yorker Trompeter Dave Douglas, der besagte Don Violoncello Italiens, Mario Brunello, sowie das Quartett Cello4Ever auch in Daunenjacke und Wollmütze bravourös.
Währenddessen füllten sich umliegenden Felsen, Wiesen und Steine flugs mit vielbunten Berg- und Musikbegeisterten Zwei- und Vierbeinern. Auch ein paar Dreibeiner waren dabei, darunter ein Kamerateam der ZDF-Sendung aspekte (der Beitrag findet sich noch eine Weile in der Mediathek).

Und dann spielten sie. Ganz ganz zart begannen sie, mit einer ergreifenden Version der friulanischen Antikriegshymne „Stelutis alpinis“ von Arturo Zardini. Einige Zuschauer sangen  leise mit − die Erinnerung an die Schrecken des 1. Weltkriegs sind im Val di Fassa wie fast im ganzen Trentino noch überaus präsent. Noch einer dieser Momente, die unter die Haut gehen. Nach den Poveri fiori von Francesco Cilea und dem Concerto e-moll von Antonio Vivaldi folgte eine Chaconne von Purcell, von der ich den ersten Teil aufgenommen habe.

Und dann jazzten und groovten sie mit allem „Clap your hands“, das eben auch dazu gehört.
Das Highlight und den Abschluss bildeten die von Dave Douglas komponierten „Mountain Passages“, die er vor Jahren eigens für das Dolomiten-Festival komponiert hatte und in dieser neu arrangierten Version seinem jüngst verstorbenen Bruder widmete. Ein Taschentuchmoment …

Wie ungewöhnlich es doch war, als das Konzert aus war und der Blick auf die Uhr immer noch eine Morgenstunde verkündete. Das hieß für uns: Zügig den etwa zweieinhalbstündigen Abstieg starten, bevor wir in der Mittagshitze verglühen (im Tal hatte es mehr als 35 Grad). Man möchte ja meinen, es sei kein Vergnügen, gemeinsam mit 2.999 anderen Konzertbesuchern einige hundert Meter Höhendifferenz zu überwinden. Keine Sorge: einige krakselten brav wieder hinauf zu Seilbahn, andere ließen sich in etwas Entfernung erstmal zum Picknick nieder und nach einer halben Stunde gabelten sich die Wege so, dass sich der Konzertstau flugs auflöste. Gut für mich auch deshalb, weil es für mich ja doch eine Erstabsteigung war nach langen Jahrzehnten der Bergabstinenz. Und nach blöden Fußverletzungen und mit neuer Brille und vielen weiteren hübschen kleinen Ausredelchen war es mir wichtig, in Ruhe und konzentriert Fuß vor Stecken vor Fuß vor Stecken setzen zu können. Auch mal innezuhalten, durchzuatmen, das Panorama zu genießen und Fotos zu machen. Oder beim Aufstieg am Sentiero della Pace (Friedenspfad) schnaufend und rotkopfig den geduldigen und vielbergerfahrenen Anweisungen einer mitreisenden Kollegin (vielen Dank nochmal, liebe Adelheid!) folgen zu können. Insofern war ich etwas mehr als drei Stunden unterwegs − aber das dürfte sich beim nächsten Mal schon ändern.

 

Beim nächsten Mal? Richtig: Trotz Schnaufens und (erstaunlich geringen) Muskelkaters bin ich nun Bergwander-angefixt! Und war direkt in der Woche danach auf einem der bayerischen Berge. Ich will unbedingt wieder ins Trentino und zu I Suoni delle Dolomiti. Vermutlich auch mal zu weiteren Konzerten als diesem einen in der Morgendämmerung − viele beginnen nämlich um 13 Uhr und sind so konzipiert, dass die Besucher hinwandern können. Das zweimonatige Festival im Trentino mit ganz unterschiedlichen Musikstilen gibt es seit 21 Jahren − in diesem Jahr dauert es noch bis 28. August. Schnellentschlossenen oder Nahewohnenden sei das Konzert am 21. August mit Nina Zilli, der „Schwarzen Stimme Italiens“ empfohlen. Auch da wird ein Berg grooven − da bin ich mir ziemlich sicher.

Ich bedanke mich bei Trentino Marketing und Val di Fassa sehr herzlich für die Einladung − das waren großartige Eindrücke.

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