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Viele Köche? Viele Köche! Und Bio pur.

Nein, die vielen Köche verdarben ebenso wenig den berüchtigten Brei wie die Kalbszunge mit Milzbavesen oder die veganen Bulgur-Kartoffelpflanzerl. Ihnen gelangen vielmehr Kalbshaxe auf Gemüsebett mit Semmel(okay: Brötchen)auflauf und das zungenschmeichelnde Sanddornparfait! All diese Köstlichkeiten fertigten die von den Bio Hotels eingeladenen Hobbyköche und Genussmenschen am ersten Tag des Kochlust PUR III-Events an. Und ich war eine davon!

Am Anfang stand die Rohware. Und viel Putzarbeit … (© casowi)

In Bayern spricht man von der „Oidn Fischhaut“ – diese hier ist jung. Und sehr frisch .(©casowi)

Saiblinge filetieren und entgräten. Da weiß man, was man tut. (© casowi)

Auch eine Kalbshaxe benötigt Vorbereitung (© casowi)

„Sinn und Sinnlichkeit in 6 Gängen“ lautete das Motto an Herd und Esstisch. Genau das setzten wir auch mit allen Sinnen an den beiden Tagen im Alten Wirt in Grünwald bei München um: Da wurde gewaschen und geschnibbelt, entgrätet und geschält, gerührt und geschmolzen, überbacken und gebraten, frittiert und gekühlt, was das Zeug hielt. Und in vielen Dialekten gesprochen, denn wir waren eine bunte Mischung aus vielen österreichischen und deutschen Bundesländern, die bei allen Unterschieden in Alter, Beruf, Geschlecht und Zungenkocherfahrung doch eines einte: Wir lieben echte Lebensmittel. Echt heißt in diesem Falle: regional, saisonal, aus Bio-Anbau oder Bio-Haltung. Also nix mit Bindern und Rieselhilfen, Farbstoffen und Aromazusätzen, keinen Genveränderungsgedöns und kein Schnelltollsuperbilligwenigerkohlenhydratekaumfettabervollerersatzstoffenmist. Von dem ich nichts halte (das dürfte soeben klar geworden sein), denn mit Wertschätzung der Nahrungskette hat das alles nicht mehr zu tun und Gewinnoptimierung ist nichts, was ich auf der Gabel oder dem Löffel haben möchte.

Ein Ei ist ein Lebensmittel und kein Gewinnoptimierungsbeschleuniger für ruchlose Wichtigheimer. (© casowi)

Die Bio Hotels haben klare Standards für die Hotels und Restaurants formuliert, die sich ihnen angeschlossen haben – für Gäste also ein guter Indikator für Qualitätskriterien während ihres Aufenthalts in einem der mittlerweile 4.500 Betten in sieben Ländern, die zum Kompetenzverband gehören. Das in Tirol ansässige und immer wieder kreative Team von be-oh Marketing kooperiert beim mittlerweile dritten Bio Hotels-Kochbuch, das im Frühjahr 2018 erscheinen wird, nun erstmals mit Slow Food Deutschland – eine perfekte Kombination zweier Partner, die ich einzeln seit mehr als 15 Jahren sehr schätze. Slow Food feiert zurzeit sein 25-jähriges Bestehen in Deutschland und hat 95 Thesen für Kopf und Bauch heraus gegeben – es lohnt sich, da mal rein zu lesen.

Unsere Zweitage-Lehr-Begleiter: Das Koch-Team des Alten Wirt in Grünwald (© casowi)

Das Köche-Team des Bio Hotels Alter Wirt führte uns zunächst in die Eigenheiten der vor- und zuzubereitenden Basisprodukte kompetent und voller Freude ein. Kein Wunder, sind die meisten Mitarbeiter des Hauses doch langjährig dort beschäftigt oder Wiederholungstäter/-innen nach anderen Küchenstationen auf der Welt oder auch nach dem Erziehungsurlaub. Das spricht sehr fürs Haus, das seit 1919 der alteingesessenen Grünwalder Familie Portenlänger gehört. Sie hat den Betrieb in den vergangenen Jahren stark modernisiert und baubiologisch renoviert: Die transparente Küche und den modern luftigen Gastraum und auch die 50 Zimmer, die ohne jegliche Hollreidulljöh-Pseudoromantik oder Schickimicki-Attitüde auskommen und eher durch reduzierte Einrichtung mit zum Drüberstreicheln verführenden Holzmöbeln verfügen (merkt man eigentlich, dass ich sinnlicher Mensch bin?). Besonders faszinierend fand ich die wohlige Wärme einer in die Wand integrierten Heizung. Gekocht und ausgeschenkt wird natürlich in Bio-Qualität – einzig das Augustiner-Bier ist siegelfrei, aber das sei der Münchner Brauerei, die ihre Gelder statt in Marketing lieber in wohltätige Projekte steckt, nun wirklich mehr als verziehen.

Der Alte Wirt beherrscht urig-traditionelle Gemütlichkeit … (© casowi)

… ebenso wie reduziert und zeitgemäß. (© casowi)

Saisonal gilt auch für die Tischdeko (© casowi)

Schöne Hölzer, schön verarbeitet – Genuss auch am Schreibtisch im Zimmer des Alten Wirts (© casowi)

„From Nose to Tail“ lautet die kulinarische Philosophie das Hauses – wer in der Küche nachhaltig arbeiten will, verwertet nicht nur die Filetstückchen eines Tiers, sondern eben auch alles andere Verzehrbare. Und so startete unser abendliches Menü auch mit einer mit Milzbavesen kombinierten Kalbszunge. Zwei nicht wirklich alltägliche Gerichte in zunächst abenteuerlich klingender, dann aber sich überaus faszinierend ergänzende Geschmacksrichtungen. Und ja: die meisten von uns waren in der Vorstellung zunächst gar keine Fans dieser Vorspeise – meine erstletzte Begegnung mit Kalbszunge lag auch gut 30 Jahre zurück. Aber hey: es war köstlich! Als Coach hab ich es ja berufsbedingt mit dem bekannten Spruch der außerhalb der Komfortzone sich ergebenden Entwicklung – und ja: es stimmt! Habt Mut und probiert ruhig mal ein Gericht wie dieses – Geschmackspapillen finden Abwechslung wirklich auch mal gut. Ein kleines bisschen Überwindung kostete mich zunächst übrigens auch das Dessert des Abends: Das sehr aufwändig herzustellende Sanddornparfait. Nichts gegen Halbgefrorenes, aber Sanddorn? Seinerzeit™ fand ich diese zähe Gesundflüssigkeit aus der braunen Reformhausflasche, die meine Eltern sich (und uns) in vitaminhaltiger Verheißung übers Müsli gossen, überaus verzichtenswert. Und nun …?
Es war himmlisch! Frisch, süß-sauer und doch sahnig – absolut wiederholenswert. Ein Tag voller Gaumenlearnings also, die Jürgen Schmücking, gastrosophischer und foodfotografierender Stetsbegleiter der Bio Hotels, der abends mit uns noch Maischevergorene Traminer und zu später Stunde ausgefallene Destillate verkostete.

Milzbavese in Fritteuse (© casowi)

Milzbavese, gesellig. (© casowi)

Milzbavesen galten bereits im 12. Jahrhundert v. Chr, als Vorlage für Zebras und Zebrastreifen. (© casowi)

Und hier in vollem Einsatz: Milzbavesenschnitten an Kalbszunge als Vorspeise (© casowi)

Veganer Zwischengang: Der Bulgur-Kartoffelbratling (© casowi)

Semmelauflauf goes Muffinform (© casowi)

Am Anfang war der Sanddorn-Sud (© casowi)

Das Einschichten der Sanddornmasse in die Parfaitform vor der Kühlung erfordert Fingerspitzengefühl beim Einkleiden der Form mit Folie (© casowi)

Verkostung von Orange Wines mit Jürgen Schmücking (© casowi)

Tags drauf ging es weiter – nach viel Schnibbelarbeit an jungem Gemüse im „Team Kalbshaxe“ war mir nun nach rührenden Momenten bei der Entstehung des glutenfreien Schokokuchens (nur mal am Rande erwähnt: auch für Vegetarier und Veganer gibt’s im Alten Wirt immer was – und Allergiker sollten einfach mal nachfragen, was sich für sie machen lässt). Bei der Entstehung des Rezepts spielte ein Zufall die Hauptrolle: Ein Azubi bemerkte zu spät, dass er vergessen hatte, das Mehl beizugeben …

Fünf Formen voller Schokokuchen erforderten zunächst die Trennung vieler Eier ins Gelb und Weiß. Die Eigelbe dann bitte nur nach und nach unter die Masse rühren.  (© casowi)

Beat it! Nun war das Eiweiß dran … (© casowi)

Ihr ahnt nicht, wie schokohimmlisch dieser Teig duftet …. (© casowi)

Unbedingt probieren – der Kuchen ist die Spezialität des Hauses! Uns wurde er nach Kürbissuppe und confiertem Saibling an Rote-Beete-Couscous zum krönenden Abschluss mit einer Kugel Mousse au Chocolat serviert – auf mit unseren Namen in Schokosauce verzierten Tellern. Persönlicher geht’s nicht!

Bisher das persönlichste Dessert meines Lebens … und überaus köstlich! (©casowi)

 


Ich bedanke mich bei be-oh Marketing für die Einladung.

Vereint im Anderssein. Die Redhead Days in Breda.

Am ersten September-Wochenende sieht das hübsche niederländische Städtchen Breda traditionell rot. Und nicht nur ein Rot – an die zweitausend Rotschattierungen sind es. Denn seit 2007 organisiert das Team rund um Initiator Bart Rouwenhorst die Redhead Days, eine Veranstaltung für Rothaarige aus aller Welt, die mittlerweile nahezu vier Tage umfasst. Als Maler hatte er 2005 auf der Suche nach rothaarigen Modellen eine Anzeige geschaltet und erhielt unerwartet hohe Resonanz darauf. Also ergriff er die Gelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes beim Schopf und rief das mittlerweile weltweit größte Treffen aller MC1R-Mutierten ins Leben.

Immer auffällig: Die MC1R-Mutanten

MC1R ist ein Protein, das bei einer Veränderung des Gens Nr. 16 das hellere Phäomelanin statt des dunkleren Melanins in Haare, Haut und Augen einbaut. Die Folge sind hellere Haut, Sommersprossen und mehr oder minder rotes Haar. Manche von uns kommen leuchtenden Haares wie ein Feuerwehrauto zur Welt und verfärben sich während der Schulzeit über Schwedenweißblond in eine fröhlich-unauffällige Straßenköterfarbe (O-Ton von Betroffenen). Andere wiederum tragen lebenslang die dunkelroten Töne von Mahagoniholz im Haar. Die meisten werden schon früh als „Karotte“ oder im englischen Sprachraum als „Ginger“ betitelt. Eines eint uns weltweit: Seit Kindesbeinen werden wir immer wieder konfrontiert mit unserem Anderssein. „Besser ne Tote als wie ne Rote“ ist da noch einer der freundlicheren, wenn auch grammatikalisch ebenso dämlichen Sprüche. Eine Hochschwangere  „witzelt“ in einer Betroffenenfamilie (sic!), sie würde den zu gebärenden Knaben im Krankenhaus belassen, so er denn rothaarig sei (natürlich war er es – was zuhause durch permanenten Kürzesthaarschnitt vertuscht und ausgebleicht werden sollte). Eine hochsommerlich frischgebackene Redhead-Mutter bekam in ihrem Dorf zu hören, dass sie das Baby doch um Himmels Willen so nicht zeigen könne – sie müsste dem Kind schon immer die Mütze tief ins Gesicht ziehen. Es geht sogar soweit, dass Damen des Hochadels, denen man durchaus ein gewisses Basismaß an Bildung und weltoffener Erziehung zusprechen könnte, ihrem Prinzessinnentöchterlein das Spielen mit der rothaarigen Mitschülerin verbieten – dieses sei nämlich „ein Mensch zweiter Klasse“. Und wildfremde Seniorinnen fühlten sich einst in der Tram befleißigt, mir auf dem Schulweg ungefragt durchs Haar zu wuscheln und sich zu echauffieren, dass ich ja eigentlich schon zu jung sei, um mir die Haare zu färben! Muss das sein?

Ob wir es wollen oder nicht: Wir polarisieren mit dem natürlichsten der Welt: unserer Haar- und Hautfarbe. Selten widerfährt es mir, dass mich jemand wahrnimmt als das, was ich bin: ein ganz normaler Mensch. So sollte es aber doch eigentlich sein. Was gibt es denn heute noch zu tuscheln über das vermeintlich so Hexenhafte an uns? Weshalb meint man, rothaarige Jungs und Männer immer wieder als Streichholz bezeichnen zu dürfen? Was zum Henker soll die blödsinnig verstohlene Frage, ob wir „eigentlich wirklich feuriger sind“? Jeder Mensch ist einzigartig. Ja, selbst Mehrlinge. Jeder und jede kann temperamentvoll sein – oder langweilig. Jeder und jede kann verrucht wirken oder mystisch oder geheimnisvoll oder transparent oder verletzlich. Oder eben das Gegenteil davon ausstrahlen.

Einmal „normal“ sein – ist das möglich?

Umso mehr hat mich der Gedanke, mich selbst mal unter meinesgleichen zu begeben, schon lange beschäftigt. Meine Mit-Gingers und mich wahrzunehmen in diesem Miteinandersein. Und im Anderssein. Uns auszutauschen über all das, was eben dann im Raum steht. Und wo könnte man das besser als in Breda an besagtem ersten Septemberwochenende. Schon beim Umsteigen am Bahnhof Arnhem gab’s erste verstohlene Blicke am Bahnsteig. Ist das da drüben „ein ganz normaler Holländer“, der wie immer nur seinen Zug nimmt. Oder reist er eben doch auch „dorthin“? Im Zug dann: Die Frau dort drüben vielleicht … aber sie hat so gar kein Gepäck dabei …
Und schon war ich mit (nennen wir ihn) Michael im Gespräch. Michael ist kein Redhead, aber begeistert von unserer Farbvielfalt und reiste als Fotograf zum wiederholten Mal schwer belinst nach Brabant in die hübsche Kleinstadt. Rasch zeigte er mir auf seinem Tablet die Fotoausbeute der vergangenen Jahre. Seine Erklärungen zeigten, dass er tatsächlich mit vielen Redhead Day-Besuchern in Kontakt steht: Der hier sei aus Australien, das eine Schottin, da sei ein Mädchen aus Ecuador angereist, dies seien „die Deutschen“ … schon fühlte ich mich irgendwie ausgeschlossen. Ob sich nicht doch viele in den vergangenen zehn Jahren schon neben dem Breda-Treffen auch via Facebook und WhatsApp verhandelt hatten und längst eine eingeschworene Gesellschaft wären. Die letzten Zugkilometer beschäftigte mich die Frage, ob ich nicht doch – wie immer wieder geplant und dann doch verschoben – schon vor fünf Jahren hätte anreisen sollen?

Gelockt oder spaghettiglatt: Gleiche unter Gleichen

Am Abend ging es also leicht klopfenden Herzens zur Kick-Off-Party. In eine Disco. Ihr versteht den Fehler? Nix gegen Discos – ich tanz mir gerne mal die Sommersprossen in Schwung! Aber: Es ist laut. Und es ist dunkel. Beziehungsweise bunt eingefärbt. Und so begann also dieser erste für mich emotional gefärbte Moment mit einem ganz normalen Disco-Besuch: Man brüllt sich ein „Hi – I’m Soundso, who are you – where are you from?“ zu und erhält eine unverständliche Antwort, um sich anschließend freundlich anzugrinsen, mit einem Bier zuzuprosten und ab und an gemeinsam die Tanzflächensauna zu genießen. Was man garantiert nicht wahrnimmt: die Haarfarbe der Gegenübers. Was man garantiert nicht kann: Sich kennenlernen und unterhalten. Irgendwie war das für mich verwirrend und zugleich auch gut: Das Besondere am Besonderen fand nicht statt. Letztlich mag ich sowas.

Sind das wirklich alles Redheads? (© casowi)

Tags drauf trifft man sich ab mittags locker an den Ständen, die kleine Imbisse, Getränke  oder Merchandising-Artikel anbieten. Freunde treffen Freunde wieder. Familien suchen sich in der Menge – irgendwie sind plötzlich alle so rothaarig, wo also ist das Kind, die Mutter, der Vater, die Schwester, der Bruder gerade? Dieses Wissen darum, man sei ganz leicht in einer Menge zu finden – plötzlich ist es weg. Merkwürdig, das macht fast ein bisschen ratlos. Wie finden wir uns als Rothaarige unter hunderten anderen Rothaarigen wieder, wenn wir keine Handynummern ausgetauscht haben? Es klappt dann doch, by the way.
Auf der Bühne sorgt ein rothaariger DJ für mehr oder minder laute Stimmung, an und an gibt es ein paar Durchsagen. Es gibt Speedmeetings  zum Erstkennenlernen und Kurzaustausch, ein rothaariges Zwillingstreffen, das Treffen der deutschen Rothaarigen verpasse ich, eine niederländische Friseurkette ist ganz in Orange vorgefahren und bringt so manchen Rotschopf richtig in Form, Kinder hüpfen und Sänger singen. BroMo, rothaarige Zwillingsbrüder aus Deutschland, feiern ihr Auslandsdebüt mit eigenen Songs und covern natürlich auch Ed Sheeran-Hits. Und die kraftvoll-zarte Joules the Fox singt für uns den wunderbaren Prejudice-Song von Tim Minchin – und irgendwie ist’s unsere Hymne in diesem Moment. „Only a Ginger can call another Ginger ginger …“

Schneien, lockenstaben, hochstecken, bezopfen … (© casowi)

Die Faszination von Wasser … (© casowi)

Es rothaart sich ein … (© casowi)

Rotumhülltes Wiedersehen (© casowi)

BroMo überzeugten bei ihrem ersten Auslandkonzert. (© casowi)

Nachwuchsband meets Nachwuchsfans (© casowi)

Hier sind die Besitzverhältnisse eindeutig geklärt (© casowi)

Und irgendwo trifft man sich in dem kleinen Städtchen Breda immer wieder … hier mit BroMo (© casowi)

Gefallene Locken … (© casowi)

Abends zogen die Feierwilligen in mehreren Gruppen beim Pub Crawling durch mehr als zehn Bars und Pubs – und man munkelt, dass auf dem Campingplatz, der für das Festival extra bereit gestellt wird, bis in die Morgenstunden weitergefeiert wurde.

Das Rathaus von Breda mit den Logo-Ballons der Redhead Days (© casowi)

Das Hauptereignis der Redhead Days stellt das gemeinsame Fotoshooting aller Echt-Gingers am Sonntag dar – etwa 1.400 sollen es dieses Jahr gewesen sein. Mittags sammeln sich alle vor dem Rathaus, um nach den Ansprachen gemeinsam durch den Park gen Bahnhof auf die Willemstraat zu ziehen, die uns Rotschöpfe mit einer noch jungen Allee umfängt. Jedes Jahrestreffen wird unter eine Mottofarbe gestellt, diesmal war es grün. Und so trug das Gros der Teilnehmenden tannengrüne Shirts mit dem Spruch „I’m having a Red Hair Day“ (die Erlöse aus dem Verkauf dienen neben den Sponsorengeldern der Finanzierung des Events, da die Redhead Days per se kostenlos sind) oder andere Grünkreationen.

Auf geht’s vom Rathaus zur Willemstraat (© casowi)

Der Rothaarigenzug durch Breda (© casowi)

Weiter, durch den Park von Breda … (© casowi)

Langlocken … (© casowi)

… und Länger-Wilder-Heller-Locken … (© casowi)

Rapunzelös … (© casowi)

…. und glattrot … (© casowi)

Gingerpower – über alle Grenzen hinweg

Schließlich sind wir in der Willensstark angekommen. Ganz unter uns. Alle Unroten sind nun Beobachter, keine Beteiligten mehr. Ich stehe neben Schweizerinnen, Deutschen, Neuseeländern, Briten, Australiern, Amerikanern, Ungarn, Italienern. Und uns bedudelt ein inbrünstiger Schotte. So humorvoll und holländisch belebend die Infos und Anweisungen des Foto-Teams auf seiner Hebebühne auch sind: In unserer Mitte wächst etwas. Einmal sollen wir winken, einmal uns umdrehen.
Und dann werden wir gebeten, uns an den Schultern zu fassen. Jetzt ist es spürbar: Das einigende Miteinander im Anderssein. Ein berührender Moment, voller Energie und Präsenz. Als wir die Arme wieder lösen, werden einige Hände in meiner Nachbarschaft kurz zu den Augenwinkeln geführt.

More than 50 shades of red vor mir … (© casowi)

… und hinter mir … (© casowi)

Nach dem Foto verharrten einige noch eine Weile auf der Allee. Andere stellten sich kleineren Fotoshootings, zumeist im Park. Darunter gab es auch Szenen, bei denen mir und auch anderen ein wenig mulmig war. Sind all diese Fotografen wirklich akkreditiert? Kennen die Veranstalter ihre Namen und Adressen? Gefühlt hat so mancher altmännliche Fotograf einem irgendwie zu jungen Mädchen Posen an Gitterstäben oder Bäumen abgerungen, die sich falsch anfühlten. Warum lassen daneben stehende Eltern das zu? Wissen sie, ob und wo, in welchem Kontext diese Bilder veröffentlicht werden?

Fünf Gingers auf der Brücke (© casowi)

Gruppengingerei im Park (© casowi)

Einzelaufnahmen (© casowi)

… spricht für sich (© casowi)

Das Foto vom Foto vom Foto … (© casowi)

Das Fotoshooting in der Gruppe hatte den Bann mancher Schüchternheit endgültig gebrochen – danach lachten mehr Leute miteinander, aßen, tranken, hüpfburgten, tanzten, genossen Livemusik, unterhielten sich. Eine junge Mutter sah mich lange an, unterhielt sich mit mir über eigene Erfahrungen und die ihrer Tochter. Irgendwann fragte sie mich nach meinem Alter und begründete es so: „Looking at you I see my future me. And I like it a lot!“ Ja: In meinem Rothaar haben sich mittlerweile ein paar altersblonde Strähnen eingefunden. Ich mag sie, sie gehören zu meinem Leben als Redhead. Schlohweiß werden wir übrigens nie – es bleibt immer etwas Farbspiel in unseren Haaren.
Der erste Mensch, der mich Ginger nannte, war Bill. Er war mein Literature-Lehrer in der Summerschool in Cambridge – wir lasen The Catcher in the Rye. Bill war selbst ein Ginger. Schade, dass ich ihn nicht in Breda wiedergetroffen habe …

Nächstes Jahr pausiert das Rothaarigen-Festival in Breda – es wird nur ein zwölfeinhalbtes Einabendtreffen am 3. März geben. 2019 werden die Redhead Days dann wohl in einer anderen Stadt und vielleicht sogar in einem anderen Land stattfinden. Eines aber dürfte sicher sein: Wir MC1R-Mutanten werden uns wiedersehen.

 

 

 

 

 

 

 

Einfach mal Fontainebleau machen – fürs kaiserkönigliche Gefühl

Zack, ist der Sommer schon vorüber und leider war bei mir zu viel los, um einen schönen Sommerurlaub genießen zu können. Ein paar Am-Stück-Tage Abstand von Alltag und Job tun aber not und so habe ich mir neben dem Plan, dieses Jahr nun doch endlich mal den niederländischen „Red Head Day“ zu besuchen, ein paar Gedanken gemacht, wohin es mich ziehen könnte. Die Paris-Eindrücke meiner beiden Frühjahrsbesuche sind immer noch sehr präsent und es wäre durchaus verlockend, aller guten Reisen auch mal drei sein zu lassen und noch eine Herbst-Tour in Richtung Seine anzutreten.

Da ich ja seit einigen Jahren das früher so geliebte Wohnwirrwarrgewimmel der Stadt gegen die (manchmal auch Pseudo-)Ruhe eines Vororts eingetauscht habe und dabei insbesondere viel Grün, die Beschaulichkeit des Dorfs und etwas Entschleunigung genieße, stünde diesmal neben so mancher Kulturverlockung der Stadt auch wieder ein Ausflug ins Umland auf dem Programm. Im Frühjahr führte die von Atout France und seinen Partnern initiierte Kulturreise unsere internationale Journalisten- und Bloggergruppe auch nach Fontainebleau. Bei bleauestem Strahlewetter ging’s etwa eine Stunde lang raus aus der Stadt, über die Stadtautobahn durch die Suburbs, die – wie überall – meist doch leider jeglichen Charmes entbehren. Allmählich wurde es ländlicher, der Blick aus dem Fenster märzgrüner und somit auch ruhiger fürs Auge. Entspannter. Das Plattland wandelte sich auf der Landstraße schließlich in einen Wald noch unbelaubter Eichen und anderer Bäume, die gerade ihr erstes Blattwerk erahnen ließen. Noch ein oder zwei Verkehrskreisel (ich bitte zu verzeihen, dass ich den korrekten Ausdruck dafür nicht benutze – bei uns wurden diese „Roundabouts“ immer nur „Pudding“ genannt) – und schon befanden wir uns in einem filmreif entzückenden französischen 14.000 Einwohner-Städtchen.

Der Ort Fontainebleau – ©casowi

Da säße es sich sicher gut mit Croissant und Café au lait …  – ©casowi

Ein Ort mit grausteinernen oder weißgetünchten Häusern, weißen Sprossenfenstern und manchmal auch bunten Haustüren. An mancher Ecke hatte ich das Gefühl, gleich käme die chocoladige Amelie aus der Tür, an anderen meinte ich, Yves Montand ein Chanson trällern zu hören. Plötzlich zogen sich schmiedeeiserne Zäune entlang einer Baumreihe, wurden zunehmend prächtiger – und dann: Châteaux Fontainebleau mit der berühmten Treppe in Form eines doppelten Hufeisens.

Der Eingang von Châteaux Fontainebleau mit seiner berühmten Hufeisen-Treppe ©casowi

Was für ein Ort: 800 Jahre Historie auf 130 Hektar Land – gestaltet, gefüllt und bewohnt von 34 Königen und zwei Kaisern, darunter Evergreens der Geschichtsschulbücher wie Marie Antoinette, Heinrich IV, die Ludwige XV und XVI sowie drei Generationen Napoléons.
Stück um Stück ließen die Damen und Herren Monarchen die Anzahl der Zimmer auf unglaubliche 1.500 anwachsen. 105 sind heute der Öffentlichkeit zugänglich, der klitzegroße Rest wird in einem flughafenähnlichen Mammutprojekt bis 2026 komplett restauriert werden. Darunter befinden sich ganze Trakte an Stallungen, die in den vergangenen Jahrzehnten nahezu baufällig wurden und zu deren weiteren Nutzungsmöglichkeiten aktuell Ausschreibungen laufen. Ich bin gespannt und hoffe auf Wertebewusstsein einerseits gepaart mit Innovation andererseits, gewürzt mit einer Prise kulturellen Anarchiedenkens und dem Mut, unbequem zu sein. Etwas für die nächsten Generationen schwebt mir vor, ähnlich der Universität der gastronomischen Wissenschaften im oberitalienischen Städtchen Pollenzo, geführt von Slow Food.

Blick in einen der fünf Höfe ©casowi

Fontainebleau startete im 13. Jahrhundert wie so manches andere Châteaux oder Castle zunächst als reines Jagdschloss auf den Fundamenten einer Burg aus dem 11. Jahrhundert. Im Mittelalter entwickelte es sich dank weltgewandter, im wahrsten Sinne über den (Wildbret)Tellerrand hinausblickender Besitzer zu einer Perle der Renaissance. Man holte sich italienische Künstler, zunächst Rosso Fiorentino und nach dessen Ableben Francesco Primaticcio und ließ sie neuartige Kombinationen von Stuckaturen und Fresken anfertigen und die Räume mit Seiden- oder Ledertapeten, Gobelins sowie thematisch passenden Skulpturen schmücken. Dieser auch die anderen europäischen Adelshäuser beeindruckende neue Stil wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Historikern erstmals als die erste der zwei „Schulen von Fontainebleau“ bezeichnet.

Der Renaissanceflur ©casowi

Detail aus dem Renaissanceflur ©casowi

Die erste Schule von Fontainebleau: Die Kombination von Stuckatur und Fresko ©casowi

Der Ballsaal ©casowi

Minimalismus geht anders … ©casowi

Die zweite Schule begründete Heinrich IV., der ab 1590 flämische sowie französische Künstler an den Hof holte, deren Werke Szenen der antiken Mythologie thematisierten – oder auch erotische Phantasien. Vielleicht kennt Ihr ja das Bild der brustwarzenkneifenden blassen Damen … ein Nipplegate vergangener Zeiten.
Königs und Kaisers regierten nicht nur in prunkvollen Sälen, sondern zelebrierten auch die nicht essbaren Teile ihrer Jagdtrophäen in einer 74 Meter langen Galerie der Hirsche und ließen einen der vermutlich schönsten Ballsäle der Renaissance errichten (bereits restauriert und wieder zugänglich). Mit der Zeit entwickelte sich das Schloss entsprechend der epochalen Mode und der Vorlieben der jeweiligen Hausherren oder -damen weiter, bis der Gebäudekomplex schließlich ganze fünf Höfe umfasste. Besonders eindrucksvoll fand ich das Theater von Napoleon III., nur konnten wir leider im März noch keine Vorstellung genießen. Es gibt bei 105 Zimmern unendlich viel zu sehen – wie die bezaubernden Chinoiserien von Kaiserin Eugénie, Marie Antoinettes orientalisches Boudoir, das Feldlager-Zelt von Napoleon I. oder das in zitronigem Gelb gehaltene Kinderzimmer seines Sohnes mit hölzerner Wiege.

Napoleon Bonaparte ©casowi

Das Zelt Napoleons ©casowi

Das Kinderzimmer mit der Wiege Napoleons II. ©casowi

Wer gülden wohnt, speist auch von gülden dekoriertem Porzellan ©casowi

Königin Eugénie schwärmte für Chinoiserien – von Vasen … ©casowi

… über symbolträchige Insignien und Glücksbringer  … ©casowi

… bis hin zum Lüster. ©casowi

Im Theater des Schlosses … ©casowi

Blick zum Balkon des Theaters ©casowi

Deckenleuchter des Theaters ©casowi

Wie schön und ruheverheißend muss es doch sein, eines der kleinen Ruderboote über den See gleiten zu lassen, mit einem Heißluftballon über das ausgedehnte Gelände zu schweben oder den Vorläufer des heutigen Tennisspiels zu erlernen. Das „Jeu de Paume“ unterschied übrigens witterungsbedingt zwischen dem „Longue Paume“, einem großen Spielfeld im Freien, und dem „Courte Paume“ in einer Halle. Hinzu kommt ein weitläufiger Park (den man kostenlos besichtigen kann) mit Wasserspielen, Skulpturen und akkurat gepflanzten und gepflegten Bäumen. Seit 1981 ist Châteaux Fontainebleau UNESCO-Weltkulturerbe.

Vermutlich kann und sollte ich beim nächsten Besuch ruhig mehrere Tage in Fontainebleau verbringen – das Städtchen selbst ist schon bezaubernd mit hübschen Läden, einem altmodischen Karussell und sicherlich guter Gastronomie. Das Wort „verweilen“ fällt mir ein, wenn ich an diesen Ort denke – es ist ein wenig aus der Mode gekommen. Und doch ist es vermutlich genau das, was auch mal Ruhe und Entspannung einkehren lässt, wenn das Leben gerade mal wieder ein bisschen sehr anstrengend und multiprojektal ist. Eichenwaldspaziergänge im Schlossgarten – das klingt doch nach einem guten Plan für den Herbst …

… und gleich steigt Mary Poppins auf … ©casowi

Châteaux Fontainebleau ist bis auf den 1. Januar, 1. Mai und 25. Dezember ganzjährig außer dienstags geöffnet. Der Eintritt für Kinder und junge Menschen bis 25 Jahre ist frei, Erwachsene zahlen aktuell 11 EUR. Der Besuch des Schlossparks ist kostenlos und ganzjährig möglich. Es werden unterschiedliche Führungen angeboten und es steht ein mehrsprachiger 3D-Guide auf einem „Histopad“ zur Verfügung. Weitere Infos, auch zu aktuellen Ausstellungen oder Veranstaltungen wie das historische Kostümfest gibt es auf der Website.


Ich bedanke mich für die Einladung nach Paris anlässlich der Eröffnung der Saison Culturelle 2017 herzlich bei Atout France und seinen Partnern. #feelfrenchculture