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Oberammergauer Vielfalt: Vom Schnürlkasperl zum Passionsspiel

Das Messer ist sein wichtigstes Werkzeug, sagt Markus Wagner, der letzte Oberammergauer Schnürlkasperl-Schnitzer. Früher sei es das Werkzeug der armen Leute gewesen, ergänzt er: „Das geschmiedete Schnitzeisen habe ich kaum noch in der Hand. Ich arbeite ja auch nahezu eindimensional bei meinen Kasperln.“ Sein Handwerk hat er in der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau erlernt, die Ausbildung dauert auch heute noch drei Jahre. Pro Jahrgang sind es heute jedoch nur mehr etwa 15 Schüler. Die Schnitzerei ist leider zunehmend müßig: Gab es in Wagners Jugend etwa 200 Schnitzer im Ort, so sind es heute nur mehr 30, darunter kaum noch klassische Herrgottsschnitzer, „da sich kaum mehr jemand eine Jesusfigur ins Haus holt“.

Legendär: Die Berufsschule für Holzbildhauer in Oberammergau. (© casowi)

Holzarbeiten vor der Berufsfachschule. (© casowi)

Da war es vorausschauend, dass Markus Wagner sich früh auf die Schnürlkasperl (auch Fadengaukler oder Hampelmänner genannt) spezialisierte. Die Freude an der Holzbildhauerei war ihm in die Wiege gelegt worden: Wagners Vater war Krippenschnitzer. Er musste sich zunächst jedoch im Winter auch als Skilehrer und im Sommer als Bademeister verdingen, um seine Kinder ernähren zu können. Eine verhältnismäßig goldene Zeit erlebte die Schnitzkunst, als die US-Army nach dem Zweiten Weltkrieg in Oberammergau stationiert war. Denn während des Vietnamkriegs wurden zahlreiche verletzte Soldaten in Bayerns Gebirgsluft „entgiftet“, und bei der Abreise nahmen sie jede Menge geschnitzte Souvenirs mit, da zudem der Dollarkurs damals recht günstig war. Nun sind es eher Busladungen voller Chinesen, die in Tagestouren anreisen und Wagner berichtet: „Sie besichtigen die Sanitäreinrichtungen des Festspielhauses, laufen mit Selfie-Sticks durch den Ort, betreten ungefragt Privatgärten, um sich vor Blumenkästen und Lüftlmalerei zu fotografieren und ziehen dann wieder ab.“ Ein Phänomen, das zunächst nur Venedig beklagte, das sich aber leider zusehends verbreitet.

Längst nicht alle Modelle, aber die Auswahl fällt schon bei diesem Ausschnitt aus Wagners Werk schwer. (© casowi)

Paradiesisch. Wenn auch eindeutig recht hölzern. (© casowi)

Ursprünglich war die „Schnürlkasperl-Gang“ eine vierköpfige Gemeinschaft, heute arbeitet Markus Wagner alleine, denn die Kollegen sind mittlerweile in Rente. Etwa 100 Figuren hat er im Sortiment, nach dem Weihnachtsgeschäft dauert es allerdings immer ein paar Monate, bis alle wieder verfügbar sind. Die meisten Schnürlkasperl-Modelle kosten 79 Euro, aufwändigere auch mal mehr als 100 Euro.
Zur Fußball-WM fertigt er Spieler aus dem Team an, und psst: An dieser Stelle sei als Geschenktipp für Fußballfans verraten, dass Wagner immer einen Rohling vorrätig hat, falls jemand seinen Lieblingsspieler als Schnürlkasperl begehrt. Auch der aktuelle US-Präsident findet sich im Sortiment – sogar in einer doppelseitigen Version: vorne Trump, hinten Mao, beide mit einer Pistole bewaffnet und einen Geldsack in der anderen haltend. Biblische Motive wie die Hl. Drei Könige auf einem Elefanten und Jesus auf dem Esel sind ebenso dabei wie Adam und Eva, Engel, der Hl. Nikolaus und der Krampus (Knecht Ruprecht). Nicht fehlen dürfen auch der „Kini“ Ludwig II., Mephisto, Märchenfiguren, Köche und Kellner, Goethe und Mozart, Winnetou, ein Kapitän, Musiker wie einen Bassgeiger, Ärzte und andere medizinische Berufsgruppen und auch Politiker. Nur an der Bundeskanzlerin ließ sich bislang noch keine Hampelei fertigen, sinniert Wagner. Hingegen sind Sujets wie der Nachtwächter oder der einstmals so beliebte Mönch auf dem Weinfass hingegen heutzutage endgültig out.

Treffen sich ein Arzt, ein Indianer, der Kini und der Nikolaus. Und hängen gemeinsam ab. (© casowi)

Der doppelte Politkasperl, Teil 1 … (© casowi)

… und Teil 2 („Tschaina!“). (© casowi)

Auf Märkten und auch übers Internet erhält Markus Wagner immer wieder individuelle Auftragsbitten. Meistens fertigt er aber bereits bestehende Figuren in Kleinserie und hat über die Jahre seine ganz individuelle Routine für die Arbeitsschritte entwickelt: Auf Weihnachtsmärkten beispielsweise schnitzt er Unmengen von Köpfen, denn im Freien in winterlicher Kälte kann er weder leimen noch bemalen. Ab dem Frühjahr folgen den Köpfen auch Körper. Anschließend werden die Farben sukzessive aufgetragen: Nach der Grundierung trägt er zunächst Schwarz für die Augen und Bärte, dann Rot für die Lippen und Wangen auf, erst dann folgt die passende Bekleidung.

Gerade noch ein Stück Holz … © casowi)

… und schon ist der Kopf gut erkennbar. © casowi)

Aus der Reihe „Angewandte Sprichworte“: Wo gehobelt wird … (© casowi)

So gerne Markus Wagner sich auch immer wieder der Gestaltung neuer Figuren widmet – die reduziertesten Figuren wie der Harlekin oder die Soldaten sind ihm nach wie vor am liebsten. Die Harlekin-Schnürlkasperl sind übrigens doppelgesichtig: Auf der einen Seite fröhlich, auf der anderen traurig. In den Frühjahrs- und Sommermonaten ist das Brautpaar natürlich ein Renner und auf Wunsch individualisiert Wagner schon mal die Frisuren oder fertigt binationale Flaggen an.

Wagners persönliche Lieblinge (© casowi)

Das Vorher im Außen – das Nachher im Innen (sorry, ich bin und bleibe einfach Coach und blicke manchmal einfach aus anderen Perspektiven auf die Dinge). (© casowi)

Farbe für Farbe trägt Markus Wagner bei seinen Schnürlkasperln auf – das erfordert nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch jede Menge Geduld. (© casowi)

Entscheidend für Wagners Handschrift ist das gespaltene Fichtenholz, dessen Struktur er auch durch die Farbe durchschimmern lässt (bei Sperrholz hingegen bleibt die Oberfläche glatt). Dieses Alleinstellungsmerkmal benötigt er durchaus, denn sobald er auf einer Messe seine Kunst zeige und seine Figuren ausstelle, seien „die Chinesen“ schon zur Stelle, fotografieren alles und schwupps, wenige Tage später wären auch schon Kopien auf dem Markt zu finden. Was wolle man da machen, meint er in traditioneller bayerischer Gelassenheit – und schnitzt weiter.

In Bayern spricht man immer gerne vom „Holz vor der Hüttn“ – bei Markus Wagner stimmt der Spruch, wenn auch nicht der Zusammenhang. © casowi)

Das von ihm später verwendete Holz ist malerisch und zugleich praktisch rund ums Haus aufgestapelt. Wagner fertigt die Gliedmaßen seiner Figuren aus sehr langsam gewachsenen Holz: Etwa zwölf Jahre auf einen Zentimeter wuchs das aktuell verwendete Exemplar, extrem langsam also. Bäume dieser Art wachsen im Schatten, sehr eingeengt und mit magerem Boden. Ein Stamm der Qualität, die Wagner benötigt, hat etwa 40 bis 50 cm Durchmesser und dafür wächst er gute 200 bis 300 Jahre. Wagner lagert das Holz nicht, er verwendet es „grün“, also gleich nach dem Schlagen.
Zunächst sägt er die Form der entsprechenden Figur grob aus. Bei neuen Figuren dauert es etwas, bis er die perfekte Form gefunden hat, deshalb zeichnet er sie auch vorher auf. Dann spreißelt er den Stamm auf, feilt das Holz glatt, bringt die Einzelteile zunehmend in ihre entsprechende Basisform, bevor er sie mit Hartholznägeln aus Hainbuche fixiert, deren Überstände er abknipst und plan feilt. Beim Schnitzen ist das Maßnehmen immer wieder wichtig – beim Original abnehmen, dann beim neuen Werk anwenden. Etwa drei Stunden Arbeit stecken in jedem klassischen Schnürlkasperl. Und mich will in dieser hinreißend gemütlichen Werkstatt der Gedanke nicht verlassen, dass sich doch irgendwo zwischen all den Hölzern, Spähnen und Farben ein unsichtbarer Kobold verbirgt …

Holzspaltereien im Hause Wagner. © casowi)

Der Feinschliff gegen Spreißel im Finger. © casowi)

Markus Wagner hat alle Hainbuchenholznägel im Schachterl … (© casowi)

Viele viele Holzbeine. (© casowi)

Werkstättliches Idyll. (© casowi)

… und irgendwo hinter Markus Wagner hält sich doch sicherlich ein Kobold versteckt, oder? (© casowi)

Neuartige Widerstände begegnen auch Markus Wagner zunehmend: Den Bindfaden (also das Schnürl) bezog er früher aus Füssen, jetzt existiert die Firma nicht mehr und so muss Wagner nun für qualitativ hochwertigen Bindfaden in die Schweiz ausweichen. Inzwischen ist es manchmal ein echtes Problem, die benötigten Produktionsmittel zu finden: Plaka-Farben gab es früher im Pfund-Gebinde, heute muss er sich mit „diesen Winzgläsern“ behelfen. Im Fachhandel gäbe es auch nur selten wirklich gute Farben, denn viele würden sich nicht mit Schellack vertragen, den er ebenfalls einsetzt. Immerhin: Die Bäume stammen aus der Region und zur Not fällt er sie auch selbst: „Mein Gewerbe geht vom Baumfällen bis zur Steuererklärung. Alles durch die eigenen Hände.“ Im Sommer kümmert sich Wagner zudem um eigene Bienenvölker, die ihm sehr am Herzen liegen. Und zeigt so manchem Gast sein Oberammergau.

Lüftmalerei und Kastanien – Oberammergau bietet bayerische Dorfidylle in purezza. (© casowi)

Um passionsbezogene Themen und Namen kommt Oberammergau nicht herum: Hier das für seine Liftmalerei berühmte Pilatushaus. (© casowi)

Der Gartenblick auf das Pilatushaus. (© casowi)

In Oberammergau kommt man irgendwann immer auf das Passionsspiel zu sprechen und wie wohl alle natural born Oberammergauers verfügt auch Markus Wagner über langjahrzehntige Rollenerfahrungen. Als 1633 die Pest in dem beschaulichen bayerischen Ort wütete, gelobten die Bürger für den Fall, dass keiner mehr ihr erläge, zukünftig aus Dankbarkeit alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen. Bis heute sind sie diesem Gelübde treu geblieben. Oberammergau hat es sogar geschafft, das Passionsspiel auch über die Säkularisation aufrecht zu erhalten, wenn auch immer wieder mit Textreformen. Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das Spiel aufgrund ausländischer Medienberichte einen derartigen Hype, dass man sich 1890 entschloss, eine feste Bühne zu bauen. Die speziell für die Spiele ausgelegte Zuschauerhalle mit ihrer gigantischen Bühne wurde im Jahr 1900 errichtet – heute fasst das Haus 4.800 Besucher. Für die Spiele 2020 werden die Reihen allerdings auf 4.500 Plätze etwas gelichtet, da großgewachsene Menschen bislang sonst durchaus ebenfalls „ein Martyrium“ erleiden, wie Wagner berichtet. Dieses Jahr steht Schillers „Wilhelm Tell“ auf dem Spielplan, 2019 wird es dann traditionell vor dem Passionsspiel das Festspiel sein, bei dem aufgezeigte wird, wie die Passionsspiele entstanden sind. Wer sich jetzt um Karten für 2020 bemüht, habe noch Chancen, meint Markus Wagner.
Frauen durften am Passsionsspiel übrigens bis 1990 nur teilnehmen, wenn sie nicht älter waren als 35 Jahre oder verheiratet waren – „das waren talibanähnliche Strkturen“, scherzt Wagner. Die Regelung wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs eingeführt, als viele Männer gefallen oder schwerstverwundet waren und somit überproportional viele Frauen auf der Bühne standen. Die selbstbewussten Oberammergauerinnen zogen jedoch bis vor bayerische Verwaltungsgericht und bekamen Recht: Seit 1990 dürfen Frauen jeglichen Alters mitwirken und heute ist das Geschlechterverhältnis auf der Bühne fast pari.
Auf die Bühne dürfen ausschließlich echte Oberammergauer_innen. Bis Ende März 2018 mussten sich die mitspielberechtigten Darsteller_innen anmelden, verbunden mit der Zusage, an 80 Aufführungen teilnehmen zu können. Neben der bisherigen „Passions-Vita“ kann man seine Wunschrolle angeben. Insgesamt stehen etwa 2.300 bis 2.400 Schauspieler_innen auf er Bühne. Die größte Massenszene, wenn Jesus fast nackt vor Pilatus steht und die Menge schreit „Kreuzigt ihn!“, umfasst 1.000 Leute auf der Bühne. Das sei schon immer wieder eine Szene, bei der auch er noch Gänsehaut bekäme, auch wenn er selbst bereits zum achten Mal mitspielen würde (aufgrund der Sonderaufführungen, die es gab), schildert Markus Wagner.

Die Bühne des Passionsspielhauses von Oberammergau. (© casowi)

Der ursprüngliche Text wurde von einem Oberammergauer Pfarrer Mitte des 19. Jahrhunerts geschrieben. Das Problem daran: Die katholische Kirche war damals antisemitisch eingestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel dies dem Jüdischen Kommittee in New York auf und nach deren Boykottdrohung wurde auf die barocke Fassung von Pater Rosner aus Ettal umgestellt, die auf dem Prinzip von „Gut und Böse“ basiert.
Im Oktober 2018 vergibt Regisseur Christian Stückl die Rollen, ab Aschermittwoch 2019 gilt der Haar- und Barterlass: 14 Monate darf dann nicht mehr rasiert oder geschnibbelt werden, um sich bibelgerecht zu präsentieren. Von Januar bis Mai 2020 probt das Ensemble, Mitte Mai ist Premiere und bis Oktober gibt es pro Woche fünf Aufführungen, in der Summe also etwa 100. Eine umstrittene Rollenbesetzung kann übrigens nur durch einen 2/3-Mehrheitsbeschluss der Gemeinderatsmitglieder gekippt werden.
In welcher Rolle Markus Wagner 2020 wieder auf der Passionsspielbühne stehen wird, ist noch offen. Nur eins ist klar: jegliche Bindfäden und auch sein Schnitzmesser bleiben dann in der Werkstatt.


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

Kloster Ettal: Vom geistlichen Leben und Genießen

Etwa zehn Kilometer nördlich von Garmisch Partenkirchen liegt auf einem Hochplateau die Benediktinerabtei Kloster Ettal. Sie wurde 1330 von König Ludwig IV., genannt Ludwig der Bayer, gegründet – man munkelt, nicht ganz uneigennützig, weil der Wittelsbacher sich von dem Standort auch die Verbesserung der Handelsachse von Augsburg nach Verona versprach. Ludwig der Bayer war ohnehin nicht unumstritten, hatte er sich doch 1328 in Abwesenheit des Papstes in Rom von drei Bischöfen zum ersten deutsch-römischen Kaiser krönen lassen. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Papst Johannes XXII. setzte ihn nicht nur als Kaiser ab, sondern exkommunizierte ihn zudem und so blieb Ludwig bis zu seinem Tod 1347 im Kirchenbann – trotz seiner Bemühungen um die Gründung des Klosters Ettal und seines Wohlwollens gegenüber den Franziskanern.
Von 1330 bis 1370 wurde in Ettal also die erste, gotische Kirche gebaut, im 18. Jahrhundert wurde sie umgebaut zur noch heute aktuellen barocken Basilika. Mittlerweile wurde der Gebäudekomplex seitlich noch um eine bewusst schlicht gehaltene Winterkirche ergänzt – beheizt betet es sich in den kalten bayerischen Wintern doch ein bisschen angenehmer.

Die Basilika von Kloster Ettal( © casowi)

Die Rückansicht von Kloster Ettal mit dem Pavillon der Landesausstellung „Mythos Bayern“. (© casowi)

Was für ein Blick aus dem morgendlichen Hotelzimmer aufs Kloster Ettal. (© casowi)

Das Hotel Ludwig der Bayer liegt gegenüber des Klosters und gehört zur Anlage. (© casowi)

Weiß-blau, wie es sich gehört für Bayern: Der Erker des Hotels Ludwig der Bayer. (© casowi)

Überaus beeindruckend im nahezu rund anmutenden Dodekaneder der Basilika ist die Kuppel, die von Johann Jakob Zeiller mit einem gigantischen Fresko geziert wurde. Und bayerisch-prächtig barockig kommt auch die Orgel daher – Bescheidenheit war seit jeher keine Zier der Bayern.

Der nahezu runde Innenraum der Basilika des Klosters Etat. (© casowi)

Eindrucksvoll: Das Fresko in der Ettaler Kuppel. (© casowi)

Schlicht war im Barock nicht wirklich in Mode: Die Orgel von Ettal. (© casowi)

Kontrastprogramm: Die Winterkirche von Kloster Ettal. (© casowi)

Was aber wäre ein bayerisches Kloster ohne eine Brauerei? Die Mönche erkannten früh, dass sie ihre Wallfahrer auch leiblich adäquat stärken mussten und erprobten sich bald in der Herstellung geisthaltiger Getränke. Aktuell werden in Ettal 8.000 hl Hell-, Dunkel- und Bockbier pro Jahr gebraut – das Benediktiner Weißbier wird von der Lichener Brauerei in Hessen nach der tradierten Rezeptur und mit Hefe aus Ettal produziert. Und alte Werbetafel erfreuen das Herz des durstenden Betachters vor der Verkostung …

Ein typisch bairisches Phänomen: Die Biera Morgana. (© casowi)

„Bier schmeckt immer!“ – Bayern eben. (© casowi)

Na, ob das so stimmt? (© casowi)

“ … sagt der Arzt! Oder war es doch vielleicht der Werbeleiter? (© casowi)

Die Regierungen Bayerns waren übrigens nicht immer bierfreundlich gestimmt: Kaiser Ludwig verbot 1317 das Bierbrauen aufgrund von Nahrungsmittelknappheit. Und so begannen die Ettaler erst im 16. Jahrhundert, in Oberammergau ihre Maische anzusetzen – 1609 wurde der Sitz dann an seinen heutigen Platz verlegt. In den ersten neun Jahren wurde noch „schwarz“ gegärt, erst 1618 gestand Herzog Max dem Kloster die „Braugerechtigkeit“, also die Lizenz zum Brauen, zu. Das Ettaler Kloster war, obwohl es recht spät gegründet worden war, vor der Säkularisation 1803 mit einem Grundstücksvermögen von 11.760 ha das drittgrößte in Bayern, nach Tegernsee und Niederaltaich. Die Gebietsherrschaft war gleichzusetzen mit einem florierenden Geschäft für die Brauerei, da überall, wo ein Gasthaus auf Klostergrund stand, auch Ettaler Bier verkauft werden musste. Mit der Säkularisation ging die Brauerei über in bayerischen Staatsbesitz (also an den bayerischen Hof), anschließend wurde sie privatisiert. Bei der Wiedereröffnung des Klosters im Jahr 1900 durch die Benediktiner aus Scheyern stand zunächst infrage, ob auch der Brauereibetrieb wieder in Angriff genommen werden sollte – die bayerischen Gaumengelüste jedoch obsiegten. Und so tauschte man kurzerhand den Braumeister aus und kaufte die Lizenz zurück. Heute versteht Ettal sich als kleine, regionale Brauerei – das Label Benediktiner produziert aktuell 200.000 hl Weißbier pro Jahr (Vergleich: Bitburger, eines der größten Label in Deutschland, stößt jährlich 8 Mio hl aus). Nach wie vor hält man sich ans bayerische Reinheitsgebot, das ausschließlich den Einsatz von Wasser, Gerste (für das Malz) und Hopfen zulässt. Die für jegliche Bierproduktion unabkömmliche Hefe wurde nicht darin verankert, da sie erst im 19. Jahrhundert von Louis Pasteur entdeckt wurde.

Auf einem Bein kann man nicht stehen – eine alte Bierliebhaber-Weisheit. (© casowi)

Ein waschechter Wolpertinger im Verkostungsstüberl der Klosterbrauerei Ettal. (© casowi)

In Ettal widmet man sich neben der „Hopfenschorle“ auch der Produktion einiger Kräuterliköre. Im Kräuterlager gibt es Duft- und Geschmacksköstlichkeiten mit Heilwirkung aus Europa, Asien und Afrika wie Wacholder, Kümmel, Nelke, Orangenschalen, Sternanis, Johannisbrot (Carob), Rhabarber, Süßholz, Enzianwurzel und Safran. Die Kräuter werden kalt, warm oder ausgewaschen dem Alkohol zugeführt, der ihre Heilwirkung konserviert. Bei der Mazeration, dem Kaltverfahren, werden die Kräutermischungen eingelegt und aufgegossen und stehen dann bis zu einem Jahr, bis sie finalisiert werden können. Die Digeration ist ein vergleichbares Warmverfahren, das sich insbesondere für harte Zutaten wie die Süßholzwurzel eignet: Bei 40 Grad wird das Kräutergemisch für etwa zwei Wochen in einem Stahlbehälter ähnlich einem Tee gekocht. Das Auswaschverfahren, die Perkolation, nimmt nur wenige Tage Arbeit in Anspruch und wird für den Heulikör und die Arnikaeinreibung verwendet. Die Kräuter werden dabei permanent mit Alkohol übergossen, der dabei die Heilwirkung aufnimmt.
Anschließend werden bei der Destillation die feinen Bestandteile von den gröberen (also den Kräuterresten) getrennt. Der Alkohol wird auf 80 Grad erhitzt, verflüchtigt sich, geht über den Helm ins sogenannte Geistrohr und kommt als reines Destillat (vulgo Schnaps) wieder hervor. Nun wird er noch mit weiteren Zutaten wie Honig, Safran und flüssigem Zucker vermischt. Die EU schreibt mittlerweile vor, dass auf einen Liter Likör 100 mg Zucker verwendet werden müssen – mit der Ausnahme Magenbitter, dessen Rezeptur so alt ist, dass Zucker noch Luxusprodukt und nicht Usus war.

Im Kräuterlager der klösterlichen Destillerie. (© casowi)

Heute nur mehr Deko: Ein alter Lederkorb, in dem die Heilkräuter gesammelt wurden. (© casowi)

Heilkräuter müssen trocken und lichtgeschützt aufbewahrt werden. (© casowi)

Bei einer Führung durch die Destillerie erfährt man von Frater Vitalis (aktuell leben etwas mehr als 30 Benediktiner Mönche in Ettal) nicht nur etwas über die Heilwirkung der Kräuter, sondern kann natürlich die hochprozentigen Produkte auch verkosten. Die Heilkräuter gibt es allerdings auch in non-alkoholischer Form: Ich habe im Klostershop ein mittlerweile sogar bei Heuschnupfenden bestens erprobtes Heilkräuterkissen gekauft, das ich nicht mehr missen möchte.
In der benachbarten Schaukäserei haben sich 37 regionale Landwirte zusammengeschlossen und produzieren und vermarkten gemeinsam ihre Molkereiprodukte, die man nicht nur probieren und erleben, sondern selbstverständlich auch kaufen kann.
Aktuell lohnt sich der Besuch des Klosters Ettal nicht nur aufgrund der Klosteranlage mit Kräutergarten, Planetenweg (den ein P-Seminar des klösterlichen Gymnasiums vor ein paar Jahren erstellt hat) oder zur Befriedigung der kulinarischen Gelüste: Bis 4. November ist auch die Bayerische Landesausstellung unter dem Motto „Mythos Bayern: Wald, Gebirge und Königstraum“ in Ettal zu sehen, die das Haus der Bayerischen Geschichte, ein wissenschaftliches Institut des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit einigen Partnern veranstaltet.

Im Innenhof des Klosters finden Ende Juni die beiden Open Air-Konzerte des Richard Strauss-Festivals statt. (© casowi)

Anlässlich der Ausstellung gastiert Ende Juni auch das in Garmisch-Partenkirchen beheimatete Richard Strauss Festival erstmals mit zwei Open Air-Konzerten im Ettaler Klosterhof. Mehr dazu und zur Landesausstellung gibt’s dann demnächst.


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.

 

Die Geigenbaumeisterin von Mittenwald

Die einzige Mittenwalder Geigenbaumeisterin ist eine „Zuagroaste“: Maria Sandner stammt aus Lübeck. Besucht man sie am familiären Stammsitz am Obermarkt 29 in Mittenwald, so fällt eines sofort auf: Diese strahlende junge Frau ist angekommen – bei sich, in ihrer neuen Heimat und in ihrem Beruf. Der liegt ihr tatsächlich im Blut: Der Vater, geboren 1931, hatte in einem Flüchtlingsheim in Dänemark gelernt, mit einfachsten Mitteln Instrumente zu bauen und entschloss sich im Alter von 15 Jahren, denBeruf des Geigenbauers zu erlernen. So ging er von 1952 bis 1956 nach Mittenwald in die weltweit renommierte Geigenbauschule, die noch dazu die einzige in Deutschland ist, in der man auch das Handwerk pflegt und mit einer Gesellenprüfung abschließt. Später machte er sich  in Lübeck selbstständig. Die Familie von Marias Mann Florian Sandner trägt die Leidenschaft für den Bau wohltönender Saiteninstrumente sogar bereits in der fünften Generation in sich.

Das Haus der Geigenbau-Familie Sandner. (© casowi)

Eine Frau, die über echte Strahlkraft verfügt: Maria Sandner, Geigenbaumeisterin in Mittenwald. (© casowi)

Das Denkmal von Matthias Klotz, dem ersten Geigenbauer Mittenwalds, wurde exakt vor der Kirche positioniert. (© casowi)

Mittenwalds saitenreicher Ruhm ist unzertrennlich mit Matthias Klotz (1653 – 1743) verbunden. Er hatte im Alter von 13 Jahren diese Kunst bei einem nach Norditalien ausgewanderten Lautenbauer aus dem Allgäu erlernt, kam 30-jährig nach Mittenwald und gründete dort die erste Geigenbauschule. Ausreichend gutes Holz aus der perfekten Höhenlage gab es vor Ort und dank der Handelsstraße von Augsburg nach Venedig war auch für Kundschaft gesorgt. Klotz‘ Söhne erlernten das Handwerk ebenfalls, weitere Familien folgten dem Beispiel und schon bald boomte der kleine Ort an der Isar so, dass schließlich zwei Verleger das Bauprocedere rationalisierten: Sie stellten fast alle Geigenbauer an und unterteilten die Arbeitsschritte in Gruppen, die jeweils nur einen Teil des Saiteninstruments fertigten. Zur Hochblüte (1850 bis Anfang des 20. Jahrhunderts) war jeder zweite Mittenwalder im Geigenbau tätig. Der größte Auftrag umfasste 24.000 Geigen, die nach Russland gingen.
Das Problem folgte auf den Fuß: Es gab nur mehr zwei Geigenbauer (Kriner und Reither), die ein komplettes Instrument bauen konnten – alle anderen waren spezialisiert auf einen Teilbereich. Die beiden reisten zu König Max nach München und trugen das Problem vor. 1850 gründete Kriner daraufhin die heutige Geigenbauschule. Und Reither entwickelte eine mobile Schule, mit der er von Betrieb zu Betrieb wanderte, um dort die Mitarbeiter der einzelnen Teilfertigkeiten in den anderen Disziplinen zu schulen und zu stärken.
Es gibt in Mittenwald ein Geigenbaumuseum, in dem Instrumente aus vielen Jahrhunderten und auch eine Werkstatt zu sehen sind und natürlich auch die Historie nachvollziehbar wird. Empfehlenswert ist der alte Schwarz-Weiß-Film, in dem man – in charmantem Bairisch – einiges über die Schritte des Instrumentenbaus erfährt.

Das Geigenbaumuseum in Mittenwald – mit der für den Ort typischen Lüftlmalerei an der Fassade. (© casowi)

Schon mal vom Beruf des Stegschnitzers gehört? (© casowi)

Im Geigenbaumuseum gibt es eine Werkstatt zu besichtigen. (© casowi)

Die Holzvorräte in der Werkstatt des Geigenbaumuseums. (© casowi)

Nur selten werden die Böden der Streichinstrumente wie hier mit Intarsien verziert. (© casowi)

Der Bau einer Violine oder Viola (Bratsche) dauert etwa 170 Stunden, die jedoch von langen Trocknungszeiten unterbrochen sind. Getrocknet wird entweder direkt außen an der Fassade der Geigenbauwerkstatt (man munkelt, dass es dies auch der Ursprung des Zitats „Der Himmel hängt voller Geigen“ gewesen sein könnte) oder heutzutage auch in UV-Kammern. Die Lacke basieren auf Öl- oder Spiritusbasis. Öllack wird in Terpentin gelöst, man benötigt etwa fünf bis sechs Anstriche – zwischen dem Auftragen der Schichten muss man sich jedoch fünf bis sechs Wochen in Geduld üben bzw. an einem anderen Instrument arbeiten. Spirituslack hingegen trocknet deutlich schneller, dafür muss man bis zu 15 Schichten auftragen, verrät Maria Sandner.

Unten eine Auswahl an Stegen, oben die Zutaten für die Lackierung der Instrumente. (© casowi)

Kürzlich fertigte sie ein spezielles Auftragswerk, an dem sie gut sechs Monate arbeitete: Eine Linkshänder-Geige. Preislich startet ein neues Meister-Instrument bei etwa 5.000 Euro, gute Werkstattgeigen mit Arbeitsteilung gibt es bereits um die 2.000 Euro.
Faszinierend: Wer heute als Instrumentenbauer Holz schlägt oder frisch geschlagenes kauft, denkt dabei bereits an die kommende Generation (die Fichten oder Ahorn-Hölzer müssen etwa 20 Jahre lagern, bevor sie verarbeitet werden können).
Maria Sandner spielt übrigens auch selbst Violine ­– auch das ist eine Voraussetzung, um an der Geigenbauschule angenommen zu werden. Ihr Vergleich zum Hintergrund ist sehr eingängig: „Ein Automechaniker sollte Autofahren können – er muss aber kein Rennfahrer sein.“

Von der Schablone zur „echten“ Geige: ein aufwändiger Weg. (© casowi)

Geigenböden in verschiedenen Bearbeitungszuständen. (© casowi)

Wichtigstes Handwerkszeug sind die Schablonen und ein Formbrett, das Maria immer wieder verwenden kann. Zunächst werden Klötze gehobelt, kurz geleimt, dann mit Bleistift die Spitz-Schablone aufgezeichnet und mit einem speziellen Werkzeug „abgestochen“. Oft sind die Schablonen Abnahmen von berühmten alten Instrumenten aus den Häusern Stradivari, Guarnieri oder Amati – dennoch sind sie individuell angepasst. Dann folgen die Seitenteile, Zargen genannt. Sie werden auf 1,3 mm Stärke heruntergeschabt und gehobelt. Im Geigenbau arbeitet man mit hoch präzisen Messwerkzeugen – 0,1 mm Unterschiede sind Usus. Die zunächst natürlich geraden Hölzer werden befeuchtet und dann über einem Biegeeisen in die benötigte Form gebogen. Ein besonders achtsamer Prozess sei das, sagt Maria – denn schnell ist das Holz verbrannt oder gebrochen.

Versunken in die Arbeit … (© casowi)

Nach dem Zargenkranz geht es an Decke und Boden. Das Holz dafür sollte in großer Höhe gewachsen sein, da es dort langsamer und weniger mineralhaltig wächst. Verwendet wird nicht der Kern – er ist zu hart – sondern davon ausgehende Segmente. Die Böden, die später beim Spielen viel Druck aushalten müssen, können ganz oder geteilt sein, auf den Klang hat das keinen Einfluss. Als Maria demonstriert, wie sie das Holz eines Bodens absticht (ja, das ist ein Fachterminus), „tanzt“ ihr Körper sozusagen die Bewegung mit.

Voller Körpereinsatz beim Abstechen des Holzes für den Korpus-Boden. (© casowi)

 

Maria Sandner bearbeitet den Boden der nächsten Violine. (© casowi)

Anschließend wird gehobelt (die Sohle des Hobels ist speziell abgerundet, ihr kleinster Hobel hat gerade mal die Größe eines Fingerhuts), gefolgt von der Einlage, Adergraben genannt. Er stabilisiert die Decke und schützt die Geige vor Rissen, die sonst bei kleinen Unfällen entstehen könnten. Der letzte Schliff wird mit einer Rasierklinge durchgeführt (Sandpapier würde die Poren schließen) – dabei arbeitet Maria gerne direkt unter einer Lichtquelle, um die Stärke des Holzes mittels seiner Lichtdurchlässigkeit prüfen zu können.

Um die Gleichmäßigkeit der Hobelarbeit beurteilen zu können, hält Maria Sandner das Holz immer wieder unter die Lampe. (© casowi)

Und erst jetzt geht es auf die Außenseite: Die f-Löcher werden in die Decke integriert, dann wird geleimt und schon ist die „Schachtel“ fertig.

Nun ist der Basic-Korpus, die „Schachtel“ fertig. (© casowi)

Der noch nicht lackierte Boden einer Geige. (© casowi)

Schnecken, Messer und ein Wirbel als Schlüsselanhänger. (© casowi)

Die noch nicht lackierte Schnecke der Geige. (© casowi)

Die Schnecke dient übrigens nur als Zierde, manchmal ist es auch ein Löwenkopf (gerne von Meister Stainer verwendet, der 20 Jahre vor Stradivari lebe und zur damaligen Zeit bekannter als dieser war). Anschließend wird die Geige mit den Wirbeln (die die Saiten spannen und befestigen), dem Griffbrett, dem Steg (auf dem die Saiten aufliegen), Stimmstock, Seitenhalter und Kinnhalter spielfertig gemacht. Was ich auch noch nicht wusste: Seit 25 Jahren ist Bogenbauer ein eigener Beruf und deshalb kann man Marias Instrumente auch nur mittels eines (natürlich sehr guten) Testbogens ausprobieren und kauft dann erst nach der Violine oder Viola auch den Bogen.

Geigenbaumeisterin Maria Sandner präsentiert eines ihrer Instrumente. (© casowi)

Neben dem Bau von neuen Instrumenten möbelt Maria Sandner auch alte Instrumente wieder auf. Und dabei sind ab und an dann tatsächlich auch Rasierklingen im Einsatz, wenn alter Lack entfernt werden muss. Um für Reparaturen die Instrumentendecke auch mal abnehmen zu können, werden übrigens ausschließlich Haut- und Knochenleim (Hase und Fisch) als organische Leime verwendet, da man sie mit Wasser auch nach langen Jahren wieder lösen kann, ohne dem Instrument Schaden zuzufügen.
Bei dem Thema kommen wir schließlich auch auf die millionenschweren Rennomee-Instrumente zu sprechen, denen ob ihres Zauberklanges weltweit gehuldigt wird. Maria verrät: Alle heute gespielten Star-Geigen sind nicht mehr im Originalzustand. Die Hälse waren zu ihrer Entstehungszeit steiler und kürzer und auch der für die Stimmung relevante Kammerton „A“ hatte eine andere Frequenz. Das alles erforderte auch den Umbau der Decke, da der Druck sich durch die Anpassung des Stegs ebenfalls verändert hatte. Eine echte Stradivari ist also keine echte Stradivari. Schade irgendwie – und doch auch tröstlich. Maria Sandner hielt auch schon mal eines dieser legendären Instrumente in den Händen. Und sie strahlte …


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.