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Die schönen und die neuen Künste von Nancy

[Unbezahlte Werbung ⎥ Pressereise] Nancy verfügt über viele Museen, einige davon wie die Villa des Möbeldesigners Louis Majorelle oder das Musée Lorrain d’Art et d’Histoire im Herzogpalast werden zurzeit aufwändig renoviert. Umso schöner, dass auch die geöffneten ihren Besuchern viel zu bieten haben.

Das 1793 gegründete Musée des Beaux-Arts Nancy (MBAN) zählt zu den ältesten Museen Frankreichs. Man betritt es über die Place Stanislas, es umfasst jedoch drei Gebäude aus unterschiedlichen Epochen, allen voran den Pavillon unmittelbar an der Place Stanislas, der somit Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Place Stanislas ist. 1936 wurde der Art déco- Flügel angebaut und 1999 zeitgenössisch von Laurent Beaudouin erweitert. Die Grundmauern des Musée des Beaux-Arts stehen auf den Befestigungen der Stadt (15. bis 17. Jahrhundert) – in den Räumlichkeiten des Untergeschosses sieht man Reste der Stadtmauern, wenn man die mehrere hundert Exponate umfassende Collection Daum mit Werken der bedeutendsten Glaskünstler des Art Nouveau besichtigt. Leider waren diese Räumlichkeiten allerdings im Sommer 2018 aufgrund eines Wasserschadens noch geschlossen – heftige Regenfälle hatten Überschwemmungen der tiefliegenden Gebäudeteile zur Folge. Alle Objekte konnten zum Glück gerettet werden, nun benötigt man ein wenig Zeit und Geduld für die Trocknungsarbeiten – die Wiedereröffnung ist für diesen Herbst geplant.
Das Museum beherbergt Kunstwerke aus nahezu ganz Europa des 15. bis 21. Jahrhunderts, darunter von international geschätzten Künstlern wie Perugino, Tintoretto, Jan Breughel d.J., Caravaggio, Rubens, Delacroix, Monet, Manet, Modigliani, Gris, Dufy und Picasso. Daneben gibt es eine umfangreiche Sammlung regionaler und französischer Künstler, die kleinfeine Japanalia-Sammlung von Charles Cartier-Bresson (1853 – 1921) sowie Werke des Designers und Konstrukteurs Jean Prouvé (1901–1984), der Architekten wie Norman Foster, Renzo Piano oder Jean Nouvel maßgeblich beeinflusste. Mehr als ausreichend Exponate also, um einige Stunden durch die Jahrhunderte und ihre gestalterischen Sujets zu schlendern und zu genießen. Will man chronologisch vorgehen und sich vom Mittelalter bis in die zeitgenössische Kunst inspirieren, begeistern, verwirren und geleiten lassen, so startet man im 2. Stock bei den Italienern und Niederländern. Im ersten Stock wird es dann französisch, mal lieblich wie bei Boucher oder landschaftsfreudig bei Lorrain, im Erdgeschoss sind neben Monet, Manet und Picasso vor allem auch lothringische Künstler wie Émile Friant oder Victor Prouvé, der Mitbegründer der Schule von Nancy war, ausgestellt sowie Künstler des 20. Jahrhunderts wie Pierre Bonnard, Modigliani und Matisse, Raoul Dufy, Juan Gris und Suzanne Valodon. Das MBAN besitzt auch eine bemerkenswerte Graphik-Abteilung, 2011 konnte zudem ein neuer Museumsparcours mit einem Raum für Möbel und Objekte des aus Nancy stammenden Designers Jean Prouvé eingerichtet werden. Beeindruckend ist auch die Stil-Vielfalt seiner Treppenhäuser.

Das klassische Treppenhaus des Musée des Beaux-Arts Nancy (MBAN) im Gebäudeteil an der Place Stanislas. (© casowi)

Im Stil des Art Deco zeigt sich ein weiteres Treppenhaus im Musée des Beaux-Arts Nancy (MBAN). (© casowi)

… und modern geht’s auch. (© casowi)

Die „Jungfrau mit Kind“ von Perugino wird an einem Holzpanel präsentiert. (© casowi)

Gewaltig in der Dimension: „Verklärung Christi“ von Peter Paul Rubens. (© casowi)

Führungen für junge Besucher_innen sind geruhsam – die Kinder wirken überaus interessiert und zugleich entspannt. (© casowi)

Ausschnitt aus „Aurore et Céphale“ von François Boucher. (© casowi)

„Der Herbst“ von Eduard Manet. (© casowi)

Punktgenau gearbeitet: Die „Jeune femme assise“ des Impressionisten Hippolyte Petitjean. (© casowi)

Der Lothringer Émile Friant beschrieb in seinen Bildern gerne Alltagsszenen wie diesen Friedhofsgang. (© casowi)

„Die Liebenden“ von Émile Friant (© casowi)

Wirkt fast wie ein Foto: „Jeune nancéienne dans un Paysage de Neige“ aus dem Jahr 1887 von Émile Friant (1863-1932). (© casowi)

Jacques Majorelle, der Sohn des Möbeldesigners Louis Majorelle, lebte eine Weile in Marrakech und ließ sich dort inspirieren. (© casowi)

Suzanne Valadon arbeitete zunächst als Modell für Renoir und Toulouse-Lautrec (mit dem sie auch liiert war), bevor sie autodidaktisch selbst zu malen begann. Hier das großformatige „Le Lancement du filet“ (© casowi)

Picasso, Homme et femme, 1971. (© casowi)

Beeindruckende Glaskunst von Émile Gallé, die zu einer Sonderausstellung vom Museum der École de Nancy ans MBAN ausgeliehen wurde. (© casowi)

Die Libelle ist eines der Lieblingsmotive des Art Nouveau von Nancy. (© casowi)

Eine Lampe von Louis Majorelle, die in einer Sonderausstellung im MBAN zu sehen war. Ihr Zwilling steht im Museum der École de Nancy. (© casowi)

Edel bestickt: Ein Jugendstil-Kleid. (© casowi)

Nach der Teilung Lothringens infolge des Deutsch-Französischen Kriegs im Jahr 1871 zogen nahezu alle Künstler und Kunsthandwerker der Region nach Nancy und auch vermögende Industrielle aus dem Elsass flohen in die Stadt. Mitte der 1890er Jahre knüpften erstere immer synergetischere Bande und traten bei Ausstellungen gemeinsam auf. Mit der Zeit entwickelte sich die Stadt so zu einem der führenden Zentren Europas für Art Nouveau. 1901 schließlich gründeten Emile Gallé, Louis Majorelle und Antonin Daum offiziell die École de Nancy (Schule von Nancy), die bis zum Beginn des 1. Weltkriegs weltweit hohes Ansehen genoss.
Die Industriellen wiederum erkannten aus ihrer persönlichen Leidenschaft für die neue, viele Lebensbereiche umfassende Stilrichtung heraus rasch die Chancen der Zeit und stellten einige hundert Arbeiter an, die für sie in der Fertigung von Möbeln und weiteren Einrichtungsgegenständen tätig wurden. Kunst sollte nun erstmals einem breiteren Publikum zugänglich werden – und so musste sie industrialisiert werden. Viele der Künstler spezialisierten sich, wie Louis Majorelle auf die Fertigung von Möbeln oder Émile Gallé auf die Glaskunst, die er wagemutig und kreativ zu neuen Höhen führte, indem er z.B. Gedichte in Vasen abbildete oder neue Einschlusseffekte erzielte.
Der Warenhauseigentümer Eugène Corbin (1867–1952) vermachte mehr als 700 Stücke seiner Sammlung der Stadt Nancy als Schenkung und verkaufte in den 1950er Jahren zudem seine Villa an die Stadt, aus der sukzessive das heutige Museum der École de Nancy entstand. Es beherbergt einen immensen Art Nouveau-Schatz mit Mobiliar, Bildern, Stoffen, Glaskunst sowie Keramiken.

Schränke dienten im Art Nouveau nicht nur der Aufbewahrung, sondern erhielten Sonderraum für Nippes, der in dieser Zeit aufkam und heiß begehrt war. (© casowi)

Ein Wohnraum im Museum der École de Nancy mit einem Flügel von Louis Majorelle. Er fertigte ihn ein Jahr nach Émile Gallés Tod in dessen Angedenken und nannte ihn „Der Tod des Schwans“. Dahinter das Porträt von Eugène Corbin und seiner Frau. (© casowi)

Die Weizenernte als Detail auf einer Anrichte. So wurde der Bogen vom Anbau bis zur Zubereitung der Lebensmittel gespannt. (© casowi)

Doldenblüten faszinierten die Jugendstil-Künstler, hier der Bärenklau auf einem Vorhang. (© casowi)

Ein komplettes Esszimmer, entworfen von Eugéne Vallin und umgesetzt in Zusammenarbeit mit Victor Prouvé, wurde in das Museum der École de Nancy transferiert. (© casowi)

Am diesem Bucheinband arbeiteten drei Künstler zusammen: Victor Prouvé machte den Grundentwurf, Camille Martin die Ecken aus Emaille und René Wiener verantwortete als Buchbinder den Lederteil. (© casowi)

Das Schlafzimmer von Louis Majorelle. (© casowi)

Emile Gallé entwarf dieses Bett namens „Morgen- und Abenddämmerung, das mit Schmetterlingen, Totenkopffalter und Eintagsfliegen den Lebenszyklus versinnbildlicht. (© casowi)

… und immer wieder die Libelle. (© casowi)

Émile Gallé entwickelte auch eine Technik, mit der er Gedichte in Glasvasen integrieren konnte. (© casowi)

Mondscheinglas, eine Entwicklung von Émile Gallé. (© casowi)

Buntglasfenster aus einem Privathaus, von Jaques Gruber. (© casowi)

Tipp: Wer Nancy und/oder seine Museen gerne in einer charmanten, deutschsprachigen Führung mit lebendigem Hintergrundwissen erleben will, dem sei Christine Wetz (christinewetz@orange.fr) empfohlen.


Ich bedanke mich bei Nancy Tourisme sehr herzlich für die Einladung zur individuellen Pressereise und bei Atout France für die Koordination. #topfrenchcities

 

Worms und die Vielfalt von Open-Air-Events

[Werbung | Kooperation] Imposant ist bereits die Kulisse der Nibelungenfestspiele – sie finden unmittelbar am Dom zu Worms statt. Die 85.000 Einwohner-Stadt in Rheinhessen weiß ihre Themen zu setzen und Feste zu feiern. Siebzehn Tage im Juli und August standen erneut im Zeichen von Siegfried, Etzel, Gunther und Hagen, Kriemhild, Brunhild & Co., zum vierten Mal unter der Intendanz von Nico Hofmann. Auch dieses Jahr wagte er eine Uraufführung, denn nicht die bekannte Sage stand auf dem Programm, sondern vielmehr deren (mögliche) Fortsetzung: Siegfrieds Erben. Das Stück, das am Tag nach dem grausamen Gemetzel an Hunnenkönig Etzels Hof beginnt, wurde vom Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel geschrieben, Roger Vontobel führte Regie. Jürgen Prochnow stand im Alter von 77 Jahren erstmals auf einer Open-Air-Bühne und überzeugte als schwer gezeichneter Etzel. Das gut drei Stunden dauernde Stück bietet viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den Themen Macht und Ohnmacht, Habgier und Rache. Etzel will den Tod seines jüngsten und letzten Sohnes rächen, Brunhild (dargestellt von Ursula Strauss) ist schwer gezeichnet vom Verrat Siegfrieds und der Vergewaltigung durch Gunther. Und alle wollen den im Rhein versenkten Nibelungen-Schatz: Die Burgunder, die Niederländer, die Hunnen ebenso … Alles recht blutrünstig und durchaus schlammschlachtig. Aber überzeugend. Wie auch die Musik des kleinen Saiteninstrument-Ensembles, das sich um den mongolischen Kehlkopfsänger und Pferdekopfgeiger Enkhjargal Dandarvaanchig gruppierte. Sein mehroktaviger Gesang verwirrte zunächst, passte aber perfekt zum Bühnengeschehen.

Die Bühne der Nibelungenfestspiele am Wormser Dom. (© casowi)

Ein Domportal, das auch mal zum Bühneneingang wird … (© casowi)

Vor der Aufführung sowie in der Pause kann man den Park des Heylhof-Schlösschens genießen. (© casowi)

So blutig wie Teile des Bühnenstücks: Der Brunnen im Heylhof-Park. (© casowi)

So lässt sich der Festspielabend bestens starten! (© casowi)

Alternativ gäbe es auch ein vegetarisches Menü … (© casowi)

Schokoladenglück vor dem Bühnenstück (© casowi)

Worms versteht es, sich zu inszenieren: Vor der Aufführung lässt es sich köstlich im Heylshof-Park speisen. Dazu angenehmer Piano-Trio-Jazz – so lässt es sich gut runterkommen vom Alltag und ankommen in der Aura des Wormser Doms und seiner Vergangenheit. Die Staufer bauten ihn, 1181 wurde er geweiht. Und weil auch Kirchenbauten mit der Mode gehen, wurden die Südseite und drei Kapellen während der Gotik verändert und angebaut. Nähert man sich der Stadt mit dem Auto, so thront der Dom weithin sichtbar in der Landschaft und wirkt durch seine vier Türme fast wie eine Krone. Er ist der kleinste und wohl auch feinste der drei romanischen Kaiserdome am Rhein (Speyer und Mainz).

Der jüngste Teil des Wormser Doms: Das Westportal. (© casowi)

Blick zum hinteren Teil des Kirchenschiffs. (© casowi)

Holzmodell des Wormser Doms und seiner früheren Umgebung (© casowi)

Ein romanischer Löwe im Dom. (© casowi)

Die Protagonisten des Nibelungenlieds (um das Jahr 1200 n. Chr. geschrieben) begleiten einen durch die Stadt: Als Drachenskulpturen, als Schicksalsrad-Brunnen am Obermarkt, als Hagen-Denkmal am Rhein oder im multimedialen Nibelungenmuseum.

Das Schicksalsrad der Nibelungen an diesem Brunnen bewegt sich. (© casowi)

Immer wieder in der Stadt zu entdecken: Der Drache aus dem Nibelungenlied. (© casowi)

Das Nibelungenmuseum liegt unmittelbar an der Stadtmauer. (© casowi)

Worms ist eine der ältesten Städte Europas, vor 7.000 Jahren besiedelten Kelten die Gegend, anschließend die Wankionen und schließlich für etwa 5 Jahrhunderte die Römer. Um 600 n. Chr. lebte eine Merowinger Königin namens Brunichildis, vermutlich nimmt das Nibelungenlied 600 Jahre später Bezug auf historische Figuren und Ereignisse dieser Zeit. Brunichildis ließ auf dem höchsten Hügel der Stadt, auf dem bislang Tempel und Verwaltungsgebäude standen, eine erste christliche Basilika erbauen. Im Jahr 1000 wurde sie abgerissen, gefolgt vom ersten Dom, der unter Bischof Burchard I. in nur 13 Jahren entstand, allerdings von dessen Nachfolger Burchard II. im 12. Jahrhundert ebenfalls abgerissen und erneut errichtet wurde. 1181 wurde der heutige Dom geweiht und gehört seither zu den drei berühmten romanischen Kirchenbauten in Speyer, Mainz und eben Worms. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wurde die Stadt komplett zerstört. Der Kurfürst der Pfalz starb kinderlos, seine Schwester war Lieselotte von der Pfalz und  Schwägerin des französischen Königs Ludwig XIV. Dieser meinte nun, die Pfalz für sich beanspruchen zu können, wogegen natürlich die deutschen Fürsten waren. Ludwig IX. versuchte, den Dom sprengen zu lassen – alle Gläser gingen zu Bruch, alle Gemälde und Möbel brannten ab, aber der Dom selbst blieb stehen. 100 Jahre später zerstörte Napoleon die im Barock wieder aufgebaute Stadt erneut. Im Museum der Stadt Worms im Andreasstift gibt es eine umfangreiche Ausstellung zur Entwicklung der Stadt, von der Jungsteinzeit über die Römer bis ins Mittelalter.

Ein römischer Grenzstein. (© casowi)

Römische Gesichtskrüge (© casowi)

Glas aus der Römerzeit – beeindruckend, wie viel noch bestens erhalten ist. (© casowi)

Schmuck als frühmittelalterliche Grabbeigabe der „Schönen Seeheimerin“ (© casowi)

Ein bereits verwittertes Dekorstück von der Fassade des Doms aus Sandstein ist anlässlich des tausendjährigen Domjubiläums ebenfalls im Andreasstift zu besichtigen. (© casowi)

Dank der in Worms angesiedelten, hoch angesehenen Lederindustrie (die das Lackleder erfand) und deren Einkünfte erholte sich Worms rasch und florierte weiter. Im Februar und März 1945 wurde die Stadt zu 90% zerstört, ihr Zentrum besteht heute vorwiegend aus Bauten der 1950er und 1960er Jahre.

Der ältere Teil der Fußgängerzone von Worms. (© casowi)

Immer wieder lohnt der Blick nach oben … (© casowi)

Ganz in Grün … (© casowi)

Die Judengasse führt zur Synagoge. (© casowi)

Am Eingang zur Synagoge. (© casowi)

Die Männersynagoge (dahinter liegt die hier nicht sichtbare Frauensynagoge) sowie die Mikwe. (© casowi)

Nur im ehemals jüdischen Viertel scheint die Zeit stiller gestanden zu sein: Hier gibt es noch enge Gassen und alt anmutende Häuser. Worms blickt zurück auf eine tausendjährige jüdische Kultur. Im Raschi-Haus, dem heutigen jüdischen Museum unmittelbar neben der wieder im alten Stil aufgebauten Synagoge, gibt es neben zahlreichen Exponaten aus vielen Jahrhundeten auch Schautafeln und Videomaterial sowie Sonderausstellungen.

Einer der Zinnteller im Jüdischen Museum. (© casowi)

Brandspuren aus der Reichspogromnacht 1938. (© casowi)

Das Rasche-Tor unweit der Synagoge. (© casowi)

Die Synagoge (im ursprünglichen Bau bereits 1034 geweiht) hatte vermutlich – wie auch die weiteren romanischen Kirchen der Stadt – den gleichen Baumeister wie der Dom. Worms bildete im Mittelalter gemeinsam mit Speyer und Mainz ein für seine Talmudhochschulen und Rabbinerkonferenzen in Westeuropa hochgeschätztes jüdisches Zentrum, „Jerusalem am Rhein“ genannt. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge vollständig niedergebrannt, 1960 nach den alten Plänen wieder aufgebaut. Der bis heute verehrte Gelehrte Raschi (1040 – 1105) lebte und wirkte hier – heute ist in seinem Wohnhaus das jüdische Museum untergebracht, in der Nähe erinnert das Raschi-Tor an ihn und jährlich reisen rund 85.000 Juden aus aller Welt zu seinem Grab auf dem ältesten jüdischen Friedhof Europas, „Heiliger Sand“. Der älteste Grabstein datiert aus dem Jahr 1076, seit den 1930er Jahren wird das weitläufige Gelände jedoch nicht mehr genutzt, da es einen neuen Friedhof gab. Sehr ungewöhnlich ist, dass der Friedhof gen Süden ausgerichtet ist – alle anderen jüdischen Friedhöfe sind „geostet“, die Gründe sind bislang unbekannt, auch wenn es mehrere Theorien dazu gibt. Es gibt keine Blumengaben oder Grabhügel, vielmehr werden Steine auf den Stein gelegt. Das geht auf einen alten Brauch zurück: man gab in den heißen Gegenden viele Steine auf das Grab, um zu verhindern, dass die Tiere den Leichnam wieder ausgruben. 1933 lebten 1.600 Juden in Worms, 1939 wurde Worms als judenfrei gemeldet. Nicht eine emigrierte Familie kam zurück. Allerdings besuchen Jahr für Jahr etwa 86.000 Juden aus aller Welt den Friedhof und Raschis Grab. Worms, Speyer und Mainz als sogenannte SchUM-Städte haben jüngst die Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe beantragt.

Der jüdische Friedhof. (© casowi)

An manchen Grabsteinen sind noch Inschriften zu erkennen. (© casowi)

An Martin Luthers zehn Tage in Worms erinnert ein in einen kleinen Park eingebettete Denkmal. Im April 1521 wurde er auf dem Wormser Reichstag angehört – Papst Leo X. hatte da bereits den Kirchenbann über ihn verhängt. Luther erhielt von Karl V. zwar freies Geleit, verweigerte aber dennoch den Rückzug seiner Schriften gegenüber dem Bischofshof mit Verweis auf sein Gewissen. Tags drauf sprach der König die Reichsacht aus und Luther floh zur Wartburg bei Eisenach. 2021 wird Worms „500 Jahre Reichstag zu Worms“ feiern und mit zahlreichen Veranstaltungen an die Widerrufsverweigerung als Entfaltung der Gewissensfreiheit erinnern.

Kurz nach den Nibelungenfestspielen feiert Worms im Sommer weiter: Das Musikfestival Jazz & Joy bietet seit 28 Jahren Musik unterschiedlicher Stilrichtungen mit Künstlern aus aller Welt. Mehr als 20.000 Besucher ergötzten sich auf fünf Open-Air-Bühnen drei Tage lang von nachmittags bis spät in die Nacht an den Auftritten von 38 Acts. Neben Powerfrauen wie Sarah Connor, Candy Dulfer oder Stefanie Heinzmann sind ebenso Combos oder Bands wie das Volker Engelberth Quintett, die Tom Ibarra Group, das Hi-Fly Orchestra oder auch Nachwuchs-Deutschrapper mit Cello, Indianageflüster, mit von der Partie.

Jazz & Joy spielt sich auf fünf Bühnen rund um den Dom herum ab. (© casowi)

Sarah Connor erinnerte an die tags zuvor verstorbene Aretha Franklin. (© casowi)

Die Niederländerin Candy Dulfer eröffnete Jazz & Joy mit funkigem Sax-Sound. (© casowi)

Stefanie Heinzmann begeisterte bereits zum zweiten Mal das Publikum von Jazz & Joy. (© casowi)

Dabei geht es keinesfalls andächtig zu, vielmehr genießt das Publikum (auch dank vieler und guter kulinarischer Angebote) im 360°-Modus die Festival-Vibes. Songs aus dem Tschad präsentierte Willy Sahel und Son del Nene brachte kubanischen Schwung à la Buena Vista Social Club in die Hüften der Wormser Bevölkerung.

Das Volker Engelberth Quintett am Weckerlingplatz. (© casowi)

Aus München: The Hi-Fly-Orchestra. (© casowi)

Son del Nene brachten kubanische Rhythmen an den Dom. (© casowi)

Nachmittagsjazz im Sommer, frisch serviert von der Tom Ibarra Group. (© casowi)

Deutschrap von und mit Indianageflüster. (© casowi)

Immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens: Der Dom. (© casowi)

Mit ihrem Festivalpass (wahlweise für einen oder alle drei Tage) haben die Besucher die Möglichkeit, Bewährtes und Geschätztes zu genießen und zugleich neue musikalische Entdeckungen machen zu können. Begleitend gibt es ein Kinderprogramm, Diskussionsforen und Jazz-Gottesdienste. Worms liebt es, zu feiern, und so steht der Nächstjahrestermin bereits fest: 2019 wird Jazz & Joy vom 16. bis 18. August stattfinden. Im Anschluss also an die Nibelungenfestspiele.


Ich bedanke mich bei der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH herzlich für die Kooperation. Auf den Inhalt des Artikels wurde kein Einfluss genommen. #RLPerleben #GenussDuell

 

Mythos Bayern: Vom Harzsammler bis zum Märchenkönig Ludwig II.

[Unbezahlte Werbung | Pressereise] Wald, Gebirg und Königstraum – das verspricht die Bayerische Landesausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte, die dieses Jahr in Kloster Ettal unter dem Motto „Mythos Bayern“ gastiert. Und das hält sie auch: Los geht’s in den angenehm temperierten Räumen des Klosters mit dem Thema Wald.

Der mittelalterliche, sogenannte „Augenscheinplan“ der Ettaler Klosterherrrschaft mit zahlreichen Forstgebieten. (© casowi)

Gut 37 Prozent Bayerns sind bewaldet, etwa zwei Drittel sind Staatsforste, erfährt man da – und etwa 83 Jahre ist das Durchschnittsalter der Bäume. Sehr beeindruckend: Jede Sekunde wächst ein Kubikmeter Holz nach. Um gleich im Mythos Bayern zu bleiben: Das Wachstum ist nicht nur wichtig in Sachen Nachhaltigkeit, auch das Aufstellen des Maibaums kann damit erhalten bleiben. Es gab nämlich durchaus Zeiten, in denen dieser Brauch strikt untersagt war, da die Einschlag- ebenso wie die Sammelrechte limitiert waren, weil das Holz knapp war.
Die Jagdrechte blieben ohnehin bis tief ins 19. Jahrhundert dem Adel vorbehalten – was Wilderer nicht abhielt, den ein oder anderen Hirsch zu erlegen. Neben Gewehren und Jagdhörnern, Geweihen und Holzmarterln, die aus Dankbarkeit an göttlichen Beistand bei Unglücksfällen aufgestellt wurden, gibt’s für Nachwuchsforstler halbvirtuelle Sägen, an denen sie ihre Kraft messen können, oder eine virtuelle Baumkronenbeobachtungsstation (inkl. Vogelgezwitscher). Erschreckend ist die Zahl, dass im vergangenen Jahr 25 Menschen bei Forstarbeiten tödlich verunglückt sind.

Das Marterl (=Gedenktafel) an das Glück im Unglück, das in diesem Fall Georg von Geisach widerfuhr. (© casowi)

„… und hat Hilf erlangt“. (© casowi)

Transportiert wurde das Holz in früheren Jahrhunderten über die Flüße und auch die Flößer waren großen Gefahren ausgesetzt. Kein Wunder, dass so mancher von ihnen einen hölzernen Reisealtar mitführte – hatte doch auch das geschlagene Holz häufig eine religiöse End-Bestimmung als Kirchendekoration oder für Haus- oder Reisealtäre. Ab 1477 wurde der Dachstuhl der Münchner Frauenkirche mit in 800 bis 1.000 Meter Höhe im Isartal gewachsenen Fichten errichtet. 1944 fiel er den Bomben zum Opfer – aus seinen Resten wurden sogenannte „Domgeigen“ gefertigt.

Ein etwa 20cm hoher Hausaltar verhieß so manchem Flößer göttlichen Beistand bei seiner gefährlichen Arbeit. (© casowi)

Bayerische Schnitzkunst beeindruckt auch bei dieser Monstranz. (© casowi)

Diese Schnitzerei wurde an Leonardo da Vincis Abendmahl-Darstellung angelehnt. (© casowi)

Aus dem Restholz des im 2. Weltkrieg bombardierten Dachstuhls der Münchner Frauenkirche fertigte man sogenannte Domgeigen. (© casowi)

Thematisiert wird auch um den Freizeit- und Erholungswert des Waldes – „Waldbaden“ kommt ja gerade sehr in Mode (früher™ nannten wir es einfach Waldspaziergang). Doch bevor die ersten Nordic Walking-Stöcke auf Waldboden treffen konnten, diente dieser Naturfoschern und Malern als Quell der Arbeit und Inspiration. Mythos Bayern würde seinem Namen nicht gerecht, wären nicht Gemälde und Skizzen von Carl Spitzweg, Johann Georg von Dillis oder Simon Warnberger unter den Exponaten.

Konzentriert und doch irgendwie verträumt wirkend: Carl Spitzwegs „Der Geologe“. (© casowi)

Blick auf den Tegernsee (Johann Georg von Dillis) (© casowi)

Simon Warnberger malte das Isartal zwischen Pullach und Grünwald. (© casowi)

Was das weiblich-bairische Besucherauge besonders erfreut, ist die Präsenz von Marie von Bayern (zugegebenermaßen geboren als Marie von Preußen). Nicht, weil die Kronprinzessin Schwiegertochter von Ludwig I. und somit als spätere Königin auch die Mutter des Märchenkönigs Ludwig II. war – nein: Sie war vielmehr passionierte Bergsteigerin und entwarf und fertigte für sich und ihre Entourage Bergsteigerbekleidung. Gut, heute würde man mit ihren Stiefelchen wohl gerade noch einen Hügel, aber sicherlich keinen Berg erklimmen … obwohl? Jedenfalls war sie Bayerns erste Alpinistin und somit ist’s richtig, dass sie gewürdigt wird – immerhin gehörte sie auch zu den ersten zehn Frauen, die die Zugspitze bestieg!

Die erste Alpinistin unter den Adeligen: Marie von Bayern, verheiratet mit König Ludwig I. (© casowi)

Heute nicht mehr ganz State of the Art: Die Bergschuhe von Marie von Bayern. (© casowi)

Überhaupt wartet die Ausstellung mit ein paar Fakten aus dem Hause der bayerischen Royals auf, die bislang vermutlich noch nicht überall bekannt waren: So war es Kaiserin Sisis Vater Herzog Max in Bayern, der das Zitherspiel in Bayern erst hoffähig machte – vorher galt es als „Lumpeninstrument“.

Die Zither von Herzog Max, nebst edlem Schutzdeckchen (© casowi)

Bayerns Berge haben natürlich auch viel mit dem Skisport zu tun und deshalb gibt es u.a. auch einen Sessellift-Sessel sowie alte Plakate von Wintersportorten zu bestaunen. Und eine echte Lederhose, die damals nicht nur den Arbeitsalltag, sondern selbstverständlich auch Wilderer-, Berg- und Skitouren überstehen musste.

So hat eine echte Lederhosn irgendwann auszuschauen! (© casowi)

Mal zu Fuß, mal mit der Seilbahn – auf alle Fälle „auffi aufn Berg!“© casowi)

Tja, und da wäre ja noch der Part mit dem „Königstraum“. Wer könnte den besser erfüllen als Mr. Märchenkönig himself, der „Kini“ (= bairisch für König)? Eben. Und deshalb widmet sich ein eigens errichtetes, an eine Schneekugel erinnerndes Sondergebäude König Ludwig II. von Bayern und seine Traumbauten. Die dort gezeigte Multimedia-Show bezaubert – wie die gesamte Ausstellung – jung und alt, Bayern und Zuagroaste (=Gäste).

Wo ein Schwan ist, kann ein Schloss des Märchenkönigs nicht weit sein. (© casowi)

Abschließend können die Besucher_innen noch multimedial im Mythos Bayern „verewigen“: Unzählige (und DSGVO-konform unscharfe) Selfies formen das Wappen des Freistaats Bayern oder umrahmen es im letzten Raum der Ausstellung.

Für fröhliches Autorin-Suchen … (© casowi)

Das bayerische Wappen made out of Selfies. (© casowi)

„Mythos Bayern“ bietet in der Region auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Brauchtumsveranstaltungen, Führungen, Exkursionen, Konzerten und einem spirituellem Programm mit Bergandachten und Gottesdiensten. Ludwig II.-Fans dürften anlässlich der Feier des 173. Geburtstags seiner Majestät am 25. August auf Schloss Linderhof auf ihre Kosten kommen – Fans der Gebrüder Well (Biermösl Blasn) freuen sich wiederum auf den Abend mit dem Multiinstrumentalspezialisten Stofferl Well am 22. September in Rahmen der Klassiktage Ammergauer Alpen.

Immer wieder imposant: Die Basilika des Klosters Ettal. (© casowi)

Die Infotafeln und Exponate der Landesausstellung sind auf deutsch und englisch beschriftet, die Ausstellung ist noch bis zum 4. November geöffnet und eignet sich für Jung und Alt an Regen- wie an überhitzten Hochsommertagen. Sie enthält zahlreiche Multimedia-Elemente. Wer Interesse am Bierbrauen, der Likörherstellung oder der Käse-Produktion hat, besucht die Angebote vor Ort. Der Besuch der Basilika von Kloster Ettal lohnt sich ebenso wie bei den Nachbarn Oberammergau und Schloss Linderhof.


Ich bedanke mich bei der Zugspitz Region herzlich für die Einladung zu dieser Pressereise.